Samstagabend. Bier, Tiefkühlpizza, Nachos und schon stand dem Schlag den Raab-Abend nichts mehr im Weg. Für uns war das Anschauen von Schlag den Raab eine heiliges Ritual. ProSieben war noch irgendwie rebellischer und “cooler” als das boulevardeske RTL, auf YouTube schickte man sich lediglich Kurzclips (via ICQ) hin und her und Unterhaltung im Allgemeinen funktionierte noch linearer, termingebundener und vor allem unpolitischer als die regelmäßigen Moralaufgüsse eines Joko und Klaas, welche die Maskottchen späterer Prosieben-Dekaden werden sollten.
Zugegebenermaßen: Unsere Stefan Raab-Götzenverehrung war auch schon zu damaliger Zeit eher ungewöhnlich denn die Norm. Galt diese auch ohnehin eher „Schlag den Raab“ als dem späten „TV Total“. Letzteres hatte die goldene Zeit längst hinter sich gebracht und wurde von Raab mehr als bemüht-gelangweilte Dauerwerbesendung abmoderiert, als dass man hier noch von einer großen Sternstunde des Privatfernsehens sprechen konnte. Aber dennoch: Eine Unterhaltungssendung im linearen Fernsehen, die von einer Gruppe aus Jugendlichen zum Hochlicht des Wochenendes auserkoren wurde, war ungewöhnlich und würde in der heutigen Zeit in dieser Form selbst als Randphänomen nicht mehr funktionieren..
Er ist wieder da!? – Das Raab-Comeback
Über 10 Jahre später dann geht zum ersten April ein Teaservideo rum, in dem Stefan Raab seine mögliche Rückkehr anteasert. Zur Bedingung hierfür macht er, die Folgerzahl von Pamela Reif auf instagram zu knacken. Schon hier lässt sich erahnen, dass sich sein Humor seit den frühen 2010er Jahren nicht wirklich weiterentwickelt hat: Er trägt ein Fatsuit in bester Norbit 2007-Manier, weil höhö. Dicke sind lustig. Und dieses Internet, so hat es ihm offensichtlich jemand gesagt: Da hat man Follower und diese müssen so hoch wie möglich sein. Am besten höher als bei genannter Fitness-Influencerin.
In späteren Episoden von “Du gewinnst hier nicht die Million” wird sein verboomertes Verständnis von sozialen Medien und seine Auffassung, wie man die aktuellen Trends auf Plattformen wie instagram anwendet, noch häufiger eine Rolle spielen.
Das gesetzte Ziel der neun Millionen Folger konnte natürlich nicht erreicht werden. Der Boxkampf gegen Regina Halmich fand dennoch statt und war kurz zusammengefasst eine unangenehme Veranstaltung.
Ein aus der Zeit gefallenes Duell
Um den titelgebenden Song der Show bei anderen Altersgruppen populär zu machen, hat man sich seitens RTL zwei Figuren aus der Pop / Rapwelt engagiert. Sido hält wie immer als Maskottchen her für die Zielgruppe “Ich bin zwar der harte Rapper aus dem Ghetto aber kann auch mit dem Mainstream” und der Berufsjugendliche Fast 30-Jährige 18-Jährige Ski Aggu nutzt die Chance, auch abseits von YouTube und tiktok beim Ü40-Publikum an Popularität zu gewinnen.
Sei es die endlose Selbstinszenierung via Lichtshows, Bandeinlagen von Soul / Jazz Background-Sängerinnen, die darüber singen, was Raab für ein geiler Typ ist. Oder die fürchterlichen, selbst komponierten Lieder im Mike Krüger Stil der 80er Jahre. Die überlange, von Werbeunterbrechungen und Teaser-Schleifen gespickte Sendung schaut sich wie ein Worst Of-Fiebertraum-Überbleibsel der Raab-Events der 2000er Jahre.
Die Sehgewohnheiten des Publikums haben sich im Jahre 2024 verändert und anders als in den 2010er Jahren funktioniert die Figur des Schulhof-Bullys nicht mehr als Identifikationsfigur. Auch wird heute niemand mehr was mit der damaligen, halbernst gemeinten Rivalität Halmich und Raab etwas anfangen können. Nicht zuletzt, da beide sichtlich gealtert sind. Halmich erhoffte sich offenbar schnelles Geld und ein klein wenig Raab-Ruhm. Ihre Erwartungen jedoch wurden enttäuscht, was sie auch deutlich unmittelbar nach dem Kampf und in verschiedenen Promi-Medien so bekannt gab. In den sonst üblichen Promoting-Events wurde sie ebenso wenig einbezogen wie in der allgemeinen Kommunikation. Am Ende bleibt ein bitterer Beigeschmack übrig und Raab schrammt mit seinem Humoransatz “Schulhofbully verprügelt Frau” womöglich knapp an einer Misogynie-Skandal vorbei. Die Zeiten sind nun eben andere.
Du gewinnst hier nicht die Million
Sollte es allzu große Erwartungen an den “Schlag den Raab“ Aufguss gegeben haben, so sind diese jetzt schon deutlich niedriger. Was spektakulär als “erste hybride Entertainment-Quiz-Competition-Hybrid-Show der Welt” angekündigt wird, entpuppt sich schnell als eierlegende Wollmilchsau. Und was von Raab als “hybrid” bezeichnet wird, könnte man bösartig auch als “Wir sind alles, aber nichts so richtig” betiteln.
Der viel zu lang hinausgezögerte Stand Up-Part schließt nahtlos an das Raab Humorverständnis der 2000er Jahre an, welches sich schon in der begleitenden Promo zum Boxkampf andeutete: Eine Sendung wird fast durchgängig auf dem humoristischen Niveau vom Micky Maus Magazin mit eingesetzten Plastikzähnen moderiert. Die Einspieler, sog. “Nippel” der “TV Total”-Ära sind in der heutigen Zeit nicht mehr zeitgemäß. Daran ändert auch nichts, dass diese jetzt ganz modern per App eingespielt werden. Anders als damals hat jeder relevante Clip aus Fernsehen und Internet binnen kürzester Zeit derart viele Reaktions- Parodie- Satire- oder Selbstreferenz-Schleifen der Internet-Communities als Meme durchlaufen, dass diesen durch das Kommentieren eines gealterten Moderators kein wirklicher Mehrwert mehr hinzugefügt werden kann. Zum anderen haben sich mitunter selbst die Opfer von Raabs Scherzen nicht verändert. Nahtlos schließt er an die Peter Maffay-Witzchen vergangener Tage an. Lacht über Schlagersänger sowie Teleshopping. Noch mehr wohlfeiler Humor und Captain Obvious Beobachtungen gehen fast gar nicht mehr.
Übertroffen wird dieser Bully-Humor dann noch von der eingangs erwähnten, unbeholfenen Einbindung der Apps sozialer Netzwerke. Diese lassen sich durchgängig in die Kategorie “Opa entdeckt das Internet” einordnen. Sein erster Running Gag wird das Formen der Hände zu einem Herzen. Dann ruft er Fans der Sendung dazu auf, bei Kai Pflaume “Ar****f***song” zu kommentieren. Sein humoristisches Hoch stellt das Anwenden verschiedener Snapchat-Filter auf die Gesichter von Prominenten dar. Von Nachrichtensprechern bis hin zur “Mannschaft”. Auch in den RTL-Redaktionen wird es doch Heerscharen an jungen “Irgendwas mit Medien”-Damen geben, die Raab in Sachen Social Media Einbindung mal ein wenig Nachhilfe geben könnten…
Fernsehmief
Ein weiterer, roter Faden, der sich durch die Sendungen zieht, ist das Verkleiden und Vortragen unterschiedlicher, selbstgedichteter Balladen. Und auch dies ist genauso lustig, wie es klingt. In einer Sendung rund um die Weihnachtszeit klebt sich Raab einen Weihnachtsbart an. In einer der Sendungen davor trägt er einen Song in Frauenkleidern vor, in dem er die Kinderarbeit von der Discounterkette “KIK” aufs Korn nimmt. Dort kleidete er sich zuvor ein. (Wow, wie gesellschaftskritisch und aktuell.) Man fühlt sich an den Politikunterricht des Birkenstock-Sandalen tragenden Politik-Referendaren der zwölften Stufe erinnert.
Neben dem Einladen von mehr oder weniger uninteressanter Boulevard-Prominenz gibt es noch unterschiedliche Einspieler in der Sendung, welche wenig aufwändig und kreativ wirken. So stellt Raab dort Passanten Quizfragen oder fragt diese penetrant, ob er etwas von deren Essen abhaben könne. Bei diesen Szenen, in denen Raab optisch schwierig vom stadtüblichen Bettler zu unterscheiden ist, muss ich immer an eine frühere Aussage von ihm erinnern, in der er konstatierte, dass Einspieler im Stile des alten Raab in der heutigen Zeit nicht mehr den nötigen Biss hätten, da er über die Jahre eine zu hohe Popularität gewonnen hätte. Das ist wohlgemerkt bestimmt 15 Jahre her. Mit diesem Wissen wirken die harmlosen Kölner Innenstadt-Einspieler umso deplatzierter.
Lichtblicke
Aller Kritik zum Trotz: Vereinzelt atmet die Sendung noch ein wenig des Anarcho-Charmes vergangener Tage. Beim Besuch einer Anti-FDP-Kundgebung in den Nachwehen der gemeinsamen Bundestagsabstimmung mit der AfD wirkt er mit der Lockerheit eines unpolitischen 2010er Jahre Unterhalters gegenüber den fanatisierten NPCs mal angenehm aus der Zeit gefallen. Konterkariert wird dies jedoch noch in der selben Sendung durch die Einladung von Robert Habeck in das Studio. Dieser wird unbeholfen-unpolitisch und unkritisch interviewt. Es geht eben nur eins von beidem. Unpolitischer Blödel-Unterhalter oder kritisch-investigativ. Schuster bleib bei deinen Leisten.
Diese Darlegung von Gründen, weshalb diese Sendungen missglückt, in weiten Teilen unlustig und der denkbar schlechteste Ansatz ist, den Humor der 2010er Jahre in die Jetzt-Zeit zu übertragen, ließe sich endlos fortführen. Ein weiterer Erkenntnisgewinn wird hierbei jedoch nicht entstehen. Erwähnenswert noch ist vielleicht der Einspieler von zwei Fitness-Asis, welche sich zu politischen Themen äußern sollen. Auch so etwas gab es bei TV Total. Man denke an “Ingrid und Klaus” und eine weitere Einspielerkategorie, welche den gleichen Humoransatz “Höhö, Asis sind dumm” hatte. Heutzutage würde man dies wohl Ableismus nennen. Kommen wir nun jedoch zu dem Teil der Sendung, welcher es partiell lohnenswert macht, sich durch die Länge der Sendung zu quälen. Den Quizteil der Sendung.
Die Spielshow
Die namensgebende Spielshow der Sendung beginnt mit der Vorauswahl des möglichen Kandidaten. Dieser wird durch das Bestehen eines Miniquiz ermittelt. Wer sich ebenso wie das Publikum durch den zähen Standup-Teil gequält hat, muss showbezogene Fragen korrekt beantworten, um die Vorauswahl zu bestehen und es so als Kandidat in die Hauptsendung zu schaffen. Diese stellt dann trotz der vorgenannten Kritikpunkte auch den Höhepunkt dar, welcher durch ein Alarmsignal leider oft ein jähes und vorläufiges Ende findet und dadurch erst in der kommenden Woche fortgesetzt wird.
Die Kandidaten sind fast durchweg sympathisch und interessant. Leider werden diese anders als damals nicht ausführlich via Einspieler vorgestellt und fliegen bereits dann aus dem Rennen, wenn sie ein einziges Spiel verlieren. Beides führt dazu, dass keine wirkliche Identifikation mit den Kandidaten stattfinden will. Die Vorauswahl der Kandidaten via Zuschauerabstimmung fällt weg und interessante Kandidaten müssen vorzeitig die Show verlassen, während sich manch langweiligerer Kandidat in die Show der nächsten Woche hieven kann. Der wöchentliche Wechsel des Moderators trägt ebenfalls dazu bei, dass eine wirkliche Dynamik nicht so wirklich zustande kommen mag. Wichtiger ist es offenbar, dass jede RTL-Nase sich mal die Klinke in die Hand geben darf.
Viel Schema, wenig Charme
Offenbar wurde die Sendung sehr am Reißbrett geplant. Man hatte wohl nicht damit gerechnet, dass die Kandidaten kaum eine Chance gegen Allrounder Raab haben würden. Anfangs war ich davon ausgegangen, dass diese ganzen unrunden Versatzstücke in die Sendung genommen wurden, da Lizenzstreitigkeiten mit dem alten Haus ProSieben umgangen werden sollten. Dem entgegen allerdings steht die Show “Stefan und Bully(…)” welche die Elemente aus Schlag den Raab eben genau so gering abwandelt, dass diese nicht kopiert werden, die Quintessenz jedoch weiterhin erhalten bleibt. Dazu jedoch am Ende mehr. Die Geschicklichkeitsspiele sind durchweg kreativ, so manches Quiz im Verlauf der Sendung hingegen wirkt deplatziert.
Ich vermisse die SDR Highlights wie “Wer ist das?”. Der Inhalt der DGHNDM-Variante des Spiels besteht aus dem sehr aufgesetzt wirkenden Erraten irgendwelcher RTL-Masken. An Stellen wie dieser und auch den übrigen RTL-Crossovern merkt man, dass die Kombination von Boulevardsender und Raab nicht zusammenpassen möchte und als eine Art Racheakt seitens Raab an seinen alten Sender und Produktionsfirma zu sehen ist. Wenn man also einfach eine recht gelungene Spielshow sehen möchte, empfiehlt es sich, anstelle von “Du gewinnst hier nicht die Million” lieber bei “Stefan und Bully(…)” reinzuschauen. Ohnehin scheint es mir wenig clever, mit „Du Gewinnst Hier nicht Million“ wöchentlich die temu-Variante des monatlich erscheinenden Stefan und Bully (…) auszustrahlen.
Stefan und Bully … und ein Ausblick
Denn abgesehen vom fremdschämigen und (wiedermal) boomerhumorigen Titel “Stefan und Bully gegen irgendson Schnulli” schafft man es bei dieser Sendung tatsächlich, in leicht abgewandelter Form den Geist alter Tage einzufangen. Die unfaire Prämisse der Sendung, dass ein einziger Kandidat gegen zwei Gegner bestehen muss, scheint mir diesmal wirklich im lizenzrechtlichen Eiertanz begründet. Offenbar musste man bei der Punkteverteilung vom damaligen, cleveren Prinzip des Tortendiagramms abweichen, welches bis heute bei Schlag den Star zu sehen ist.
Die Vorauswahl des Kandidaten wird durch das Gewinnen verschiedener Minispiele ermittelt und stellt dadurch die deutlich uncharmantere Variante des damaligen Zuschauervotings dar. Auch führt diese Art der Vorauslese dazu, dass der Gewinner der ersten Sendung ein Bundeswehr-Arzt ist. Dem Gerechtigkeitsempfinden der Zuschauer würde es eher entsprechen, wenn jemand aus der “gewöhnlichen” Gesellschaft die Möglichkeit bekäme, diese Summe zu gewinnen. Diese wurde im Übrigen ebenfalls auf 250.000€ reduziert. Die fetten Jahre des linearen Fernsehens sind eben vorbei.
Mit Bully wollte sich Raab offenbar ein Mainstreamzugpferd mit ins Boot holen, welches ich bis heute mit der Bully-Show und dem Schuh des Manitu verbinde. Beide waren für die unpolitische BRD-Comedy der 2000er Jahre prägend. Eine sinnvolle Ergänzung allerdings ist Bully nicht. Aus der Rolle des Grimassen schneidenden Pausenclowns ist auch er nicht rausgewachsen. Zu bemüht, in irgendeiner Weise zwischen Elton, Raab und dem Kandidaten aufzufallen. In den einzelnen Spielen selbst kann er ebenso wenig glänzen. Meist läuft es auf einen Showdown zwischen Raab und dem Kandidaten hinaus.
Dennoch: Die Show rettet alles, was man offenbar aus dem 2010er Schlag den Raab noch retten konnte. Wünschenswert wäre eine Spielshow, welche die gelungenen Elemente aus DGHNDM und SUBGIS so kombiniert, dass man die besten Versatzstücke der unpolitischen 2010er Jahre BRD-Nostalgie geliefert bekommt. Dafür müssten Raab und sein Produzententeam aber zur Einsicht gelangen, dass jenes Fernsehdeutschland, welches sie sich erhofft haben 1:1 in die Jetztzeit zu übertragen, in dieser Form nicht mehr existiert.