Vor ein paar Jahren beging ich den Fehler, an einer westdeutschen Universität von gutem Ruf, aus reinem Interesse eine Geschichtsvorlesung über den Untergang des römischen Reiches zu besuchen. Die Vorlesung war ein Musterbeispiel an moderner Geschichtsverdrehung (Rom ging eigentlich nicht unter, es war eine friedliche Transformation, Einwanderung ist immer gut und dergleichen Schwachsinn.) aber in Erinnerung blieb mir lediglich eine Szene: Als wir auf die Einnahme Italiens durch die Ostgoten zu sprechen kamen, fragte den Professor einer der Gasthörer (ein Boomer oder vielleicht noch älter) ob dieser den Roman „Ein Kampf um Rom“ von Felix Dahn kenne und wie dieser einzuschätzen sei. Der Prof. wurde kreidebleich, schluckte ein paar Mal und gab dann stotternd eine Erklärung ab, dass der Roman zwar eine fesselnde Geschichte sei, aber aus heutiger Sicht aufgrund der vertretenen Werte und des Menschenbildes natürlich „problematisch“. Den (nicht vorhandenen) Reaktionen des Hörsaals zufolge, schien aber leider niemand außer besagtem Gasthörer, dem Prof. und meiner Wenigkeit Felix Dahn oder seine Werke zu kennen.
Dies ist umso bedauerlicher, da wir hier von einem Autor reden, der einst in Deutschland mit seinen fesselnden Geschichten, seinen heldenhaften Figuren, und seinem ausgreifenden Universum einen vergleichbaren Stellenwert einnahm wie Tolkien in England. (Und wieder einnehmen sollte.)
Ich selbst habe Dahns Werke als Jugendlicher verschlungen und seitdem (fast) nie jemanden kennengelernt, der diesen großen deutschen Autoren kannte, sodass es jetzt Zeit wird, diesen Mann einer hoffentlich breiten Öffentlichkeit vorzustellen:
Felix Dahn, geboren 1834 in eine Schauspielerfamilie, schlug als Jurist und Historiker eine überaus erfolgreiche Laufbahn als Professor und Publizist an verschiedenen deutschen Universitäten ein. Dementsprechend verbrachte er nahezu sein gesamtes Leben in den nationalliberal geprägten Künstler – und Gelehrtenzirkeln des 19. Jahrhunderts. Einzige Ausnahme bildete der Deutsch – Französische Krieg, an dem Dahn als Sanitäter teilnahm. Über seine Motivation zur Kriegsteilnahme erzählt er uns in seinem Gedicht Aufbruch:
Daheim in Muße sollt‘ ich liegen,
Indes die Brüder sterbend siegen?
Das Traumbild stiege meiner Lieder
Lebendig glorreich endlich nieder,
Und bei den Büchern blieb‘ ich sitzen?
Nein, bei der schönsten der Walküren!
Hinein, wo Stahl und Feuer blitzen!
Und darf ich nicht die Waffen führen,
Gefahr und Schrecken kann ich teilen,
Kann raten, trösten, helfen, heilen.
Ich will, wo unsre Fahnen wallen,
Sie siegen sehen – oder fallen:
In dieses Schicksal riesengroß
Flecht‘ ich des eignen Lebens Los.
Nicht zufrieden mit seiner Universitätskarriere verfasste Dahn eine Vielzahl an Populärliteratur: Und was wäre als Historiker naheliegender als historische Romane zu verfassen? Im Gegensatz zu Tolkien schrieb Dahn keine Fantasieromane, sondern legte seine Geschichten in die reale, aber nicht weniger fantastische Zeit, der Völkerwanderung. Der Untergang des römischen Reiches, Barbareneinfälle, das Aufeinanderprallen unvereinbarer Kulturen; – und im Zentrum all dessen germanische Stämme, die in diesem Chaos um ihre Selbstbehauptung kämpfen müssen. Die Könige und Krieger der Germanen sind es, die die Protagonisten von Dahns Romanen bilden, (meistens) edle Heroen im unermüdlichen Kampf für das Eigene, die sich gegen alle Widerstände durchsetzen – oder beim Versuch sterben. Moderne Leser fühlen sich vielleicht manchmal an die Mentalität diverser Figuren aus dem Warhammer 40k Universum erinnert….
Dahns Werke werden von der Literaturwissenschaft zu den „Professorenromanen“ gezählt, also von Akademikern verfasste Romane, die sich an ein jugendliches Publikum richten und nicht nur unterhalten, sondern auch erziehen sollen. Und in der Tat ist eine gewisse pädagogische Absicht in seinen Werken unverkennbar, vor allem wenn er die Vorzüge seiner germanischen Helden beschreibt. Das sollte aber nicht weiter stören, besonders wenn wir antike Krieger mit den grotesken Gestalten vergleichen, die sich heutzutage in „pädagogisch wertvollen“ Büchern finden.
Wer ab jetzt an trockene Geschichtswälzer denkt, deren einziger Zweck darin besteht, überholte Lektionen zu vermitteln, den können wir beruhigen: Die Charaktere sind vielschichtig, einprägsam und bleiben in Erinnerung. Die Geschichten sind kein reines schwarz-weiß-Denken, sondern nuanciert. Ach ja, und der Vergleich mit Tolkien? Ähnlich wie dieser erschafft Dahn ein episches Universum, mit umfangreicher „Lore“ (oder in diesem Fall wohl besser historischen Hintergrundgeschichten). Als Beispiel führen wir eine Episode aus „Felicitas“ an, in der uns der Bajuware Helmbert erklärt, warum sein Volk den Löwen als Wappentier führt:
Damals wiegte sich noch der Sieg auf den Flügeln der goldenen Adler. Da war am Tiberstrom in dem goldenen Hause Neros ein großer, zauberkundiger Kaiser. Der hatte durch seine Zauberkunst gefunden: wenn er zwei Löwen über den Danubius (die Donau) schwimmen lasse, werde in der bevorstehenden Schlacht das tapferste Volk der Erde siegen. Aber unsere Väter, die Markomannen, sprachen: „Was sind das für gelbe Hunde?“ schlugen die Löwen mit Knüppeln tot, und erschlugen darauf das Heer des Kaisers und seinen Feldherrn: zwanzigtausend Römer lagen da tot auf ihren Schilden. Nun wusste also der kluge Kaiser in Rom, welches Volk das tapferste auf Erden ist. – Wir aber führen seitdem zwei Löwen in der Heerfahne. So singen und sagen unsere Sänger!
Im Gegensatz zu Tolkien hat Dahn zwar keine eigenen Sprachen für seine Romane konstruiert, (auch wenn er lateinische, altgriechische und teilweise altgermanische Sprachelemente überreichlich verwendet), Gedichte und Lieder baut er aber auch in seine Bücher ein. (Er veröffentlichte auch mehrere Gedichtsammlungen.) z. B. folgendes:
Thor stand am Mitternachts-Ende der Welt,
Die Streitaxt warf er, die schwere,
„Soweit der sausende Hammer fällt,
Sind mein das Land und die Meere!“
Und es flog der Hammer aus seiner Hand,
Flog über die ganze Erde,
Fiel nieder an fernsten Südens Rand,
Dass alles sein eigen werde.
Seitdem ist’s freudig Germanenrecht,
Mit dem Hammer Land zu erwerben:
Wir sind von des Hammergottes Geschlecht
Und wollen sein Weltreich erben!
Ein Kampf um Rom
Das erste Mal mit Dahn in Berührung kam ich ungefähr im Alter von 14 Jahren. Damals las ich Dahn bereits zu Anfang erwähntes Werk „Ein Kampf um Rom“, und war sofort fasziniert von der heroischen Welt der Germanen. Ich erinnere mich lebhaft an einige schlaflose Nächte, in denen ich schweißgebadet die Schlachten und Heldenkämpfe verfolgte. „Ein Kampf um Rom“ eignet sich meiner Einschätzung nach auch als Einstieg am besten, es ist bei Weitem Dahns bekanntestes Werk und nimmt an Umfang und Anspruch in etwa denselben Stellenwert ein, den bei Tolkien „der Herr der Ringe“ einnimmt.
„Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig. Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunklen Fläche der Adria, deren Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel; nur ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende Ravenna…“
Nach dem Untergang des weströmischen Reiches haben die Ostgoten unter ihrem König Theoderich dem Großen Italien erobert. Dieser hat nun vierzig Jahre lang mit harter, aber gerechter Hand über Goten und Römer gleichermaßen geherrscht. Aber Theoderich ist tot, die Nachfolge ist unsicher und verschiedene Fraktionen am Königshof in Ravenna intrigieren nun gegenseitig um Macht und die zukünftige Ausrichtung des Reiches. Theoderichs selbstbewusste Tochter Amalaswintha und ihre römischen Ratgeber streben eine Stabilisierung des Staates durch Anpassung der Goten an italienische Sitten und Gebräuche an. Dagegen steht der gotische Adel um Theoderichs alten Waffenmeister Hildebrandt, der den Erhalt der alten germanischen Kriegertugenden und eine härtere Linie gegen die römischen Untertanen vorsieht. Gleichzeitig sieht die verbliebene römische Oberschicht, angeführt vom skrupellosen Machtmenschen Cethegus, die Gelegenheit gekommen, die verhasste gotische Fremdherrschaft abzuwerfen.
Die größte Bedrohung kommt jedoch von außerhalb: der größenwahnsinnige byzantinische Kaiser Justinian plant unter dem Einfluss seiner intriganten Gattin Theodora die Wiederherstellung des Römischen Reiches, – und dazu muss er natürlich Italien und Rom wiederbekommen. Aber auch Byzanz hat sich von seinen römischen Wurzeln lange verabschiedet. Der Staat erinnert mehr an eine orientalische Despotie als an die freiheitliche römische Republik; anstatt Cäsars unbesiegbarer Legionen schickt der Kaiser multinationale Söldnerheere in die Schlacht…
Vor diesem Hintergrund spielt sich der erste Teil der Handlung von „Ein Kampf um Rom“ ab. Intrigen am Königshof, befeuert von römischen Provokateuren und byzantinischen Agenten, Liebesaffären, Giftanschläge. In der Komplexität erinnert dies durchaus an Game of Thrones, – allerdings ohne sich auf dessen abstoßendes Niveau zu begeben. Jedenfalls haben die Goten sich auf ein Feld begeben, dass ihrer direkten Kriegernatur nicht entgegenkommt: Sie zerstreiten sich heillos und verlieren die äußere Bedrohung völlig aus den Augen. Schließlich liefert die Ermordung von Amalaswintha Justinian den ersehnten Vorwand zum Krieg. Die davon vollkommen überraschten Goten überwinden zwar nun endlich ihre inneren Streitigkeiten. Aber die Byzantiner stehen da bereits in Italien. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf…
Es folgen Jahrzehnte des Kampfes mit wechselndem Kriegsglück. Die Goten sind zwar tapfer und kämpfen aufopferungsvoll. Aber Byzanz verfügt über unerschöpfliche Ressourcen; für jede geschlagene Armee heuert der Kaiser weitere Söldner an. Noch dazu fehlt den Goten nach wie vor der Rückhalt ihrer römischen Untertanen, sie werden wiederholt Opfer von Verrat. So ist das unvermeidliche Ende nur eine Frage der Zeit. Hier wird die Geschichte zur Tragödie; die Goten wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können, es bleibt ihnen nur noch der ehrenvolle Untergang. Das zentrale Motiv im zweiten Teil ist hier der Kampf bis zum Tod, das heldenhafte Ende. Und der epischste Moment kommt natürlich am Schluss:
Teja, der in die Enge getriebene letzte Ostgotenkönig, stellt sich mit seinen Anhängern der byzantinischen Übermacht am Fuße des Vesuvs. Wissend, dass es keinen Ausweg mehr gibt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als ein letztes Heldenlied anzustimmen:
Vom fernsten Nord bis vor Byzanz,
Bis Rom – welch Siegeswallen!
Der Goten Stern stieg auf in Glanz: –
In Glanz auch soll er fallen.
Die Schwerter hoch um letzten Ruhm
Mit letzter Kraft zu werben: –
Fahr wohl, du stolzes Heldentum:
Auf, Goten – lasst uns sterben!
Und damit führt er seine Krieger in die letzte Schlacht. (Tejas gesamtes Lied wurde vielfach in den Metall– und Neofolk-Szenen vertont.) Aber einen eigentlichen Sieger gibt es nicht. Italien liegt nach Jahrzehnten des Krieges in Trümmern, der Glanz des einstigen Zentrums des Weltreiches ist unwiederbringlich verloren. Die Römer sind zwar die Goten losgeworden, die Freiheit hat es ihnen aber nicht gebracht. Sie haben lediglich die relativ milde Herrschaft der Germanen durch die Despotie des byzantinischen Kaisers ausgetauscht. Dieser betrachtet Italien lediglich als eine weitere Provinz, die er auspressen kann, um seine von sinnloser Eroberungsgier getriebenen Kriege zu bezahlen. Und die Byzantiner haben zwar Italien, aber der Sieg war teuer erkauft, im Osten ihres Reiches brauen sich neue Bedrohungen zusammen, es ist abzusehen, dass sie Italien nicht werden halten können…
Inspiration für die moderne Rechte?
Warum jetzt also „Ein Kampf um Rom“ und Dahn allgemein lesen? (Und bloß nicht die grauenhafte Verfilmung aus den 60ern anschauen!) Historische Romane gibt es auch aus unserer Zeit zuhauf, und bei denen muss man sich nicht erst an den Sprachstil des 19. Jahrhunderts gewöhnen.
Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass die Bücher nicht nur unterhaltsam sind und historisches Wissen vermitteln, sondern auch ein gewisses Antidot gegen die Moderne vermitteln. Germanische Kriegerideale und Wehrhaftigkeit sind für Jugendliche und auch Ältere, v.a. für Jungs, sicherlich ansprechender als die ausgehöhlten Phrasen und sogenannten „Werte“ unserer Zeit. Ich persönlich kann sagen, nach der Lektüre als Jugendlicher war ich für immer gegen alles Linksliberale immunisiert und meine politische Willensbildung beschränkte sich nur noch auf die Frage, welche Strömung der Rechten denn für mich die geeignetste wäre…
Auch als Geschenk eignet sich „Ein Kampf um Rom“ hervorragend. Ich habe es einige Male verschenkt, mit stets großem Anklang, das letzte Mal einem guten Freund. (Ein Musterbeispiel eines rechten Zoomers). Dies löste bei ihm eine regelrechte „Dahn-Manie“ aus, er kaufte sich nahezu alle Bücher, die er auftreiben konnte, und verschlang sie regelrecht. (Sehr zu meinem Leidwesen, da dies meinen alleinigen Status im Freundeskreis was esoterisches Geheimwissen über die Germanen und derartige Dinge angeht, doch etwas in Frage stellt.)
Darüber hinaus zeigt uns Dahn eine potenzielle Blaupause für genuin rechte Literatur: Er ist nicht explizit politisch, er setzt sich nicht mit Mainstreamdiskussionen auseinander. (Bleibt aber anschlussfähig.) Stattdessen erzählt er uns Geschichten aus einem anderen Wertesystem; seine Helden vertreten keine Ideale aus dem postmodernen Massenzeitalter, sondern aristokratische Kriegertugenden. Sie folgen keiner rationalen Logik, sondern entscheiden nach ihrer vormodernen Prägung. Dies wird weder erklärt, noch hinterfragt und schon gar nicht dekonstruiert. Das macht den Kampf um Rom aber umso faszinierender. Und daher kann auch heute jeder ab dem Jugendalter nur von der Lektüre profitieren.







