In der finsteren Finsternis der fernen Zukunft gibt es nur Bürokratie. Das könnte in Abwandlung der Wahlspruch des neuen DLC für das Rollenspiel Rogue Trader sein. Denn Warhammer 40.000: Rogue Trader – Lex Imperialis legt den Fokus auf den entmenschlichenden, hochbürokratisierten Verwaltungsapparat des Imperiums: das Administratum. Blickt man hinter die Kulissen eines Millionen an Welten überspannenden Großreichs erblickt man keine Staatsmänner ,sondern begegnet dem apathischen Blick des Managerialismus in seiner finalen Form.
Richter, Geschworener, Henker
Das Solarjahr neigt sich dem Ende zu – und was hat man als Lord-Captain von Valancius, Rogue Trader, Gesalbter des Imperators, Träger des heiligen Warrant of Trade, in der Regel als Erstes im Blick?
Natürlich: die Steuererklärung, die man jedes Jahr ausfüllen muss.
Denn wenn es etwas gibt, worauf man sich selbst in der dunklen Zukunft, in der es nur Krieg gibt, verlassen kann, dann darauf, dass der Steuereintreiber pünktlich auf deiner Türschwelle stehen wird.
Und natürlich kommt er nicht allein. Ein oder zwei Einheiten seines persönlichen Vollstreckerteams hat er gleich im Schlepptau – denn man weiß: Steuerhinterziehung wird in der dunklen Zukunft oft schlimmer geahndet als Raub, Nötigung oder gar Mord.
Genau hier setzt Lex Imperialis an: Owlcat Games schenkt uns zum ersten Mal wirklich greifbare, visuelle Eindrücke vom bürokratischen Innenleben des Imperiums der Menschheit – eines Reiches, das über eine Million Welten umspannt. Dazu bekommen wir neue Arten von Welten zu sehen und treffen erstmals auf den gnadenlosen juristischen Arm des Imperiums: das Adeptus Arbites.
Der Zehnt – der Alptraum jeder imperialen Welt!
Was, meinst du, fürchtet ein imperialer Gouverneur am meisten?
Einen Aufstand? Eine Xenos-Invasion? Einen Einfall des Chaos?
Vielleicht. Wahrscheinlich.
Doch selbst das Entsetzen, das eine Orkstreitmacht, eine Tyraniden-Schwarmflotte oder gar Abaddon der Vernichter verbreiten kann, verblasst gegenüber dem Schrecken, den ein Beamter des Adeptus Administratum auslösen kann – und gegenüber der gnadenlosen, kaltblütigen Bürokratie des Imperiums, die mit einem einzigen Federstrich die Existenz ganzer Welten beenden kann.
Ein Beispiel, das man im Spiel finden kann, zeigt das perfekt:
Aufgrund einer Falschbezifferung hat eine gerade kolonisierte Welt „versäumt“, ihren Zehnt zu zahlen. Die Zehntschiffe fliegen statt dorthin jedoch einen toten Asteroiden an und kehren mit leeren Frachträumen zurück – hundert Jahre lang. Als man den Fehler endlich bemerkt, ist die Welt längst zu einer blühenden Zivilisation herangewachsen. Doch statt einer Entschuldigung folgt das Urteil: Nachzahlung sämtlicher „versäumter“ Zehntleistungen – plus Strafzinsen wegen „versäumter“ Zahlungen. Am Ende wird eine einst blühende imperiale Kolonie ausgebeutet, ihre Bewohner werden in die Sklaverei verkauft, und zurück bleibt eine Ruinenwelt: aufgegeben und geplündert.
Wo wir hingehen, brauchen wir keinen 5-Jahres-Plan
Dabei muss erwähnt werden, dass der imperiale Zehnt keine feste Prozentrechnung ist. Es gibt keine einheitliche „alle hundert Jahre muss ein Planet 10% dessen, was er im letzten Jahrhundert erwirtschaftet hat, ans Imperium abgeben“-Regel, sondern eine planetenspezifische Pflichtleistung, die sich daran orientiert, was das Imperium gerade benötigt.
Das Administratum bewertet jede Welt mittels einer Aestimare (Industrie, Ressourcen, strategische Bedeutung usw.) und weist ihr daraufhin eine Zehntstufe zu, die die Schwere der Abgabenlast beschreibt.
Und dieser Zehnt ist in der Praxis oft eine Art Doppelbesteuerung:
- Einmal der Militärzehnt (Departmento Munitorum): Aushebung von Truppen, oft etwa ein Zehnt der PDF.
- Und dann noch einmal die Exacta (Departmento Exacta): Rohstoffe, Nahrungsmittel, Industrieprodukte oder andere strategische Güter.
- Zusätzlich gelten imperiumsweite Pflichten wie die Abholung von Psykern durch die Schwarzen Schiffe – also: gewissermaßen dreifache Besteuerung.
Dazu kommt: Weder die Mengenangabe noch der zeitliche Ablauf sind wirklich festgeschrieben. So kann es passieren, dass Welten mehrfach in kürzester Zeit zur Abgabe gezwungen werden – ohne je die Chance auf Einspruch oder eine Steuerrückgabe zu bekommen.
Kurz gesagt: Der Zehnt ist der verwaltungsmechanische Alptraum jedes planetaren Gouverneurs (und jedes Libertären, der mindestens einmal „Steuern sind Raub!“ gerufen hat) – und häufig der Funke, der Aufstände und Bürgerkriege entzündet. Und wenn das Administratum seine Forderungen durchsetzt, steht selten nur Papier im Raum: Oft kommt der Begleitschutz gleich mit – das Adeptus Arbites, der juristische Arm des Imperiums.
Judge Dredd in der dunklen Zukunft des 40k – noch gnadenloser, systemtreuer und ohne nette Seite
Neben den Space Marines, den Adepta Sororitas und den Soldaten der Imperialen Garde zählen die Einheiten des Adeptus Arbites zu den bekanntesten Gesichtern des Warhammer-40k-Universums – vor allem, weil ihr ikonisches Design an Judge Dredd erinnert: die Hauptfigur der britischen Kult-Comicreihe 2000 A.D. (seit 1977). Dystopie, Megastädte – und „Judge“ bedeutet dort: Richter, Geschworener und Henker in einer Person.
Wer sich mit der Materie beschäftigen will, ohne tausende Comics lesen zu müssen, dem empfehle ich die beiden bekannten Verfilmungen:
- Judge Dredd (1995) (2025: 30-jähriges Jubiläum) mit Sylvester Stallone: filmisch mäßig, aber satirisch überzeichnet und im Weltbau erstaunlich nah am Comic.
- Dredd (2012) mit Karl Urban (Éomer aus der Peter-Jackson-Herr-der-Ringe-Trilogie): bis heute die beste Darstellung von Dredd. Zusammen mit der psi-begabten Rekrutin Cassandra Anderson (Olivia Thirlby) nimmt er ein Verbrecherkartell auseinander.
Dass das Arbites-Design an Dredd erinnert, dürfte auch daran liegen, dass viele kreative Köpfe aus dem britischen Umfeld historisch nah beieinander lagen: Warhammer 40k gehört ebenso zur britischen Nerdkultur wie Judge Dredd oder Alan Moore.
Aber: Abgesehen vom Look sind die Arbites nicht „Straßenpolizei“. Wo der echte Judge Dredd noch auf den Straßen patrouillierte, um unschuldige Bürger vor Gefahren zu beschützen, interessieren sich die Arbites selten für Alltagskleinkram wie Diebstahl oder Mord – es sei denn, es betrifft hochrangige Beamte, Funktionäre oder Adelige. Wenn sie Verbrechen jagen, dann meist die großen Brocken: die Kasballica (eine galaxisweit operierende Mafia), Piratenvereinigungen wie die Fellowship of the Void – oder schlicht alles, was den Zehnt gefährdet.
Mit anderen Worten: Das Arbites schützt in erster Linie das System, nicht die Bürger.
Diese Haltung verkörpert auch unser neuer Begleiter im DLC: Arbiter Solomorne Anthar. Knallhart, lexgläubig, kompromissfeindlich – und seine Botschaft ist eindeutig:
Kompromisse mit Kriminellen zu schließen, ist der erste Schritt in die Anarchie.
Natürlich kommen die Arbites nicht mit leeren Händen: Schrotflinten mit Spezialmunition, Ausrüstung für Vollstreckung und Einschüchterung – und ihr ikonischer Gefährte, der Cyber-Mastiff.
Der Hund – im 41. Jahrtausend der beste (und einzige) Freund des Menschen
Lass dir eines gesagt sein: Im 41. Jahrtausend gibt es niemanden, dem du wirklich vertrauen kannst. Du musst immer damit rechnen, dass dich dein Nachbar, Arbeitskollege, Freund oder gar ein Familienmitglied als Häretiker, Mutant oder Xenos-Sympathisant denunziert – und du dich plötzlich im selben Raum mit einem Mitglied der Inquisition wiederfindest.
Doch der gütige Gott-Imperator schenkte den einsamen Seelen tierische Begleiter: Vertraute (Familiars), die seit Jahrtausenden auf Seiten der Menschheit stehen. Unter ihnen der Cyber-Mastiff, der tierische Begleiter vieler Adeptus-Arbites-Einheiten:
Kybernetisch modifizierte Hunde, klongezüchtet aus den reinsten Linien und veredelt mit den besten Implantaten und Augmentationen, die der Menschheit zur Verfügung stehen. Eine perfekte Symbiose aus Maschine und Biest – und der gestaltgewordene Albtraum jedes Verbrechers, der ihm über den Weg läuft.
Zusätzlich wurden weitere großartige Cyberbegleiter ins Spiel hinzugefügt: der Cyber-Eagle, der sich im Sturzflug auf deine Feinde stürzt, ein Servoschädel-Schwarm (nützliche Gesellen, die dir helfen, deine Attribute im Kampf zu erhöhen) und der Psi-Rabe, eine spezielle, nur für Psioniker verfügbare Züchtung, die die Kräfte deines Psionikers unterstützt und stärkt.
Um einen Vertrauten wirklich auszubauen, wurde sogar eine neue Klasse eingeführt: der „Aufseher“, mit dem man im Laufe der Zeit zusätzliche Fähigkeiten und Talente des Begleiters freischalten kann – inklusive der Verantwortung, die damit einhergeht.
Die diversen Welten von Warhammer 40k
Eine der großen Stärken von Lex Imperialis gegenüber dem Vorgänger Void Shadow ist, dass es die Welt des Hauptspiels Rogue Trader tatsächlich erweitert – nicht nur in Quests, sondern im Gefühl für die Vielfalt des Imperiums.
Schon im Hauptspiel bekamen wir einen Vorgeschmack auf die Welten-Klassifikation: von Weltraumstationen über Agrarwelten, Schmiedewelten des Mechanicus, Bergbauplaneten mit Strafkolonien, Ruinenwelten ehemaliger imperialer Kolonien – und natürlich Makropolwelten: gewaltige Stadtplaneten mit kilometergroßen Bauwerken, die die komplette Planetenoberfläche überziehen (wie Coruscant in Krieg der Sterne, nur nicht ganz so schön).
Im DLC bekommt der Spieler mindestens zwei neue Welttypen zu Gesicht:
Zum einen die Feudalwelten des Imperiums: Welten, die vor langer Zeit jeden Kontakt zu einer technischen Zivilisation verloren haben und sich zu einer mittelalterlichen Gesellschaft zurückentwickelt haben (Kingdom-Come: Deliverance-Veteranen wären begeistert).
Und zum anderen sehen wir eine imperiale Depotwelt (im Original: Imperial Armoury World): im Grunde ein planetenumspannender Frachtcontainerhafen, in dem das Administratum Zehntlieferungen zwischenlagert – meist anorganische, nicht verderbliche Materialien wie Munition, Fahrzeuge oder Werkzeuge. Von dort soll alles nach Bedarf weiterverteilt werden… was zwischen einem Jahr und einem Jahrtausend dauern kann. Bis dahin liegt es unter anderen Lieferungen begraben: verschollen, vergessen, abgestempelt.
Deswegen stapeln sich die Frachtcontainer geradezu himmelwärts und erreichen oft die Ausmaße ganzer Bergregionen – den gesamten Planeten überziehend.
Unter Warhammer-Fans kursiert dazu ein Witz, der fast schon zu gut passt: Würde das Imperium – beziehungsweise seine Verwaltung – funktionieren, könnte es praktisch jeden Krieg im 41. Jahrtausend gewinnen. Es könnte hunderttausende Welten zu florierenden Zivilisationen machen und Armut spürbar reduzieren, wenn das Administratum die Zehntzahlungen nur so verteilen würde, wie es ursprünglich gedacht war.
Ein überspitzter Kommentar, der sehr schön zeigt, wohin dein „Steuergeld“ manchmal verschwindet und in „Totes Kapital“ umgewandelt wird.
Der Feind im Inneren
Meine persönliche Meinung: Lex Imperialis erweitert die Welt von Rogue Trader unglaublich, weil es zeigt, wie die Maschinerie im Inneren des Imperiums arbeitet – und weil man stellenweise selbst in eine Rolle gedrückt wird, die sich anfühlt wie „Richter, Geschworener und Henker“ in einem imperialen Verfahren. Stell dir einen riesigen Gerichtssaal vor, der Angeklagte vor einer großen Laserkanone – und am Richterstuhl ein „Schuldig“-Knopf. 40k eben.
Dazu kommt ein Twist, den ich sehr mag: Der Feind kommt diesmal nicht nur von „außen“ (Genestealer, Chaoskultisten usw.), sondern von innen. Und das erinnert gerade Lore-Kenner daran, wie verfeindet die verschiedenen Zweige und Fraktionen des Imperiums untereinander sein können – obwohl sie offiziell alle „für den Thron“ arbeiten.
So spannend war eine Steuererklärung noch nie
Genau wie beim letzten DLC lohnt sich der Kauf auch hier. Lex Imperialis erweitert das Hauptspiel Rogue Trader spürbar: mit seiner Geschichte, seinen Quests, einem neuen Blick auf das Imperium (Bürokratie und Verwaltung), neuer Ausrüstung und faszinierenden neuen Charakteren.
Was ich besonders gut getroffen fand: Die Antagonisten sind diesmal nicht einfach eine neue Xenosrasse oder Chaoskultisten (auch wenn solche Elemente vorkommen), sondern tatsächlich Personen und Institutionen aus den eigenen Reihen – und sie verfügen über Macht und Einfluss, die dir wirkliche Schwierigkeiten bereiten können.
Selbst die Inquisition (die eigentlich zu den furchtbarsten und schrecklichsten Institutionen des Warhammer-40k-Universums zählt) wirkt dagegen manchmal harmloser – nicht weil sie weniger grausam wäre, sondern weil sie in der Regel zweckgebundener und pragmatischer handelt und WIRKLICH die Menschheit vor Gefahren beschützen will, auch wenn sie ständig über Leichen geht.
Ausufernde Spielzeiten
Als einziges negatives Manko muss ich sagen: Mit Lex Imperialis kommen noch einmal zusätzliche ca. 15 Stunden Spielzeit in den Hauptplot mit hinein. Da auch dieses Addon keine Erweiterung der Geschichte nach dem Ende der Hauptquest darstellt, sondern einmal mehr währenddessen angesiedelt ist, kann man nicht einfach für die neuen Inhalte zurückkommen, sondern muss sich erneut Zeit für einen neuen Durchlauf nehmen.
Zusammen mit Void Shadow wären wir damit bereits bei rund 130 Stunden Spielzeit – und für 2026 sollen schon zwei weitere DLCs, The Infinite Museion und Processional of the Damned, veröffentlicht werden. Und es bleibt zu befürchten, dass sie ähnlich funktionieren. Damit käme man insgesamt auf etwa 160 Stunden. Das ist selbst für Hardcore-Fans eine Ansage – und ob normale Spieler wirklich die Zeit, Geduld und Kraft haben, Rogue Trader mit all seinen Erweiterungen komplett durchzuspielen, denn geschweige erneut einen Durchlauf anzufangen, ist zumindest fraglich.
Blick in den Auspex
Wer allerdings Lust auf einen Perspektivenwechsel hat und sich schon immer mal über die Arbeit der Inquisition schlau machen wollte – und selbst in die Rolle eines Akolythen oder gar Interrogators (das sind die Lehrlinge und Azubis der Inquisitoren) schlüpfen möchte: 2026 soll von Owlcat ein neues CRPG erscheinen, mit dem Titel Dark Heresy, das ebenfalls auf einem bekannten Rollenspiel von Games Workshop basiert.
Ich weiß nicht, was Owlcat weiter für die Zukunft plant – aber mittlerweile gehören sie für mich zu meinen favorisierten Computerspielentwicklern für Rollenspiele, so wie einst BioWare.
Hoffen wir nur, dass sie in Zukunft nicht auch noch von EA aufgekauft werden…







