Wenn man Menschen lange genug quält, verfallen sie in Agonie oder raffen sich zu einer letzten verzweifelten Tat auf. Eine solche gewaltsame Erhebung als Zeichen der Verzweiflung gegenüber einem übermächtigen System ist Bestandteil der Geschichte eines monströsen und sinnlosen Projektes, das von Arbeitssklaven Stalins im kommunistischen Russland begonnen wurde und dem Viktor Remizovs Roman Permafrost gewidmet ist:
„Und da krachten die Maschinengewehre los… Die Maschinengewehre durchschlugen die Wände, die Menschen im Innern konnten sich nicht schützen. Das Feuer war dicht und kam von allen Seiten, abprallende Kugeln sausten mit vibrierendem Kreischen an den Lastwagen vorbei. Es gab dort viele Tote und Verwundete… Inzwischen hatte die Schießerei nachgelassen, die Soldaten der Zone drangen in die Baracken ein. Man hörte Stöhnen, Hassschreie und Hilferufe aus der nächstgelegenen Baracke…“
„Auf die Knie! Kriecht, ihr Bandera-Faschisten! Auf die Knie verflucht.“ Die Gefangenen fielen auf die Knie, unter ihnen waren auch Verwundete, sie krochen durch die Lücke. Hinter dem Stacheldraht erwarteten sie die Urki – diese schlugen sie mit Knüppeln und Fäusten und traten auf sie ein…“
(S. 1234 ff.)
Doch nun der Reihe nach: Dieser Aufstand war nur eine Facette eines historischen Geschehens und quasi dessen Endpunkt. Am Anfang von allem stand Stalin.
Stalin lebt
Stalin lebt. Ausgerechnet in Putins Russland feiert er ein fröhliches Wiederauferstehen. Man errichtet ihm von Wolgograd bis Moskau wieder Statuen, er ist der Held der Industrialisierung und des „Großen Vaterländischen Krieges“. Unter ihm wuchs das Imperium und vergrößerte seinen Einflussbereich. Putin hat ihn in sein eigenes imperiales Geschichtsbild fest integriert. Doch dieses Bild ist ein hässliches Bild. Nichts passt zusammen, alles ist widersprüchlich.
Es ist eine Geschichte, die mit viel Blut geschrieben wurde. Der Russe Viktor Remizov hat sich ihr in seinem Buch „Permafrost“ gestellt und in Russland einen bemerkenswerten Erfolg erzielt. Die Gräuel des Kommunismus sind im Russischen Volk bis heute nicht vergessen. Remizovs Buch hat sie nun noch einmal auf ewig unverlierbar in das Gedächtnis eingebrannt.
Kann man Stalin rechtfertigen?
Wer heute noch irgendetwas Positives an Stalin findet, muss entweder die Enthüllungen der vergangenen Jahrzehnte über dessen desaströse, menschenvernichtende Politik verschlafen haben oder ihm wesensnah sein. In diesem Text beschäftigen wir uns mit dem Roman „Permafrost“ von Viktor Remizov, der ein Paradebeispiel der stalinistischen Hybris geliefert hat, das sowohl das menschenverachtende System, als auch die persönliche brutale Willkür des Diktators Stalin detailliert beschreibt.
Remizov lässt einen von Stalins Schergen über den „großen Führer“ rechtfertigend sprechen:
„Nur ist er aus ihrer Sicht ein Übeltäter, dabei musste er ein riesiges Land regieren. Als Ungebildeter, der nichts von Selbstdisziplin verstand. Was bedeutete es, für sich selbst und für das eigene Verhalten die Verantwortung zu übernehmen? Ich habe viel darüber nachgedacht. Er musste ein Land regieren, wo alle auf fremden Reichtum neidisch sind, wo man im Dreck lebt, halb verhungert, weit entfernt von jeder Hochkultur. Wie kann man ein solches Land regieren? Nur mit Angst! Jahrhundertelang hat der Gutsherr mit der Peitsche regiert, der russische Bauer kannte nichts anderes und wollte es auch nicht.“
(S. 1204 f.)
Bauherr Stalin
Diktatoren bauen gerne. Während keine Dokumentation über Hitlers Bauwut ohne die Verweise auf Unsinn und Größenwahn auskommt, obwohl viele der Prachtgebäude kaum über die Planungsphase hinauskamen, ist vergleichsweise wenig bekannt, mit welcher Hybris sich kommunistische Anführer anschickten, nicht nur ganze Gesellschaften zu revolutionieren wie bei Maos Großem Sprung sondern auch die Natur in Größenordnungen umzubauen.
Die Zerstörung des Aralsees durch gewaltige Bewässerungskanalarbeiten und die anschließenden Überlegungen Sibiriens Flüsse umzuleiten, um dessen Austrocknung zu verhindern, sind Mahnmale für einen schrankenlosen Glauben an Technik- und Naturbeherrschung.
Stalin stand seinen Diktatorkollegen hier in nichts nach. Eines Tages stand er vor einer Karte und betrachtete den hohen Norden der Sowjetunion. Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und der „Kalte Krieg“ hatte begonnen. So kam er auf die grandiose Idee, den Norden seines Reiches gegen den kriegslüsternen Imperialismus zu sichern und den friedlichen Aufbau des Sozialismus da voranzutreiben, wo das Überleben der Sowjetmenschen durch die harte Natur bereits eine große Herausforderung darstellte. Stalins ambitioniertes Projekt mit dem Schwerpunkt einer ca. 1.400 km messenden, entlang des Polarkreises von Salekhard (am Ob-Fluss) bis Igarka (am Jenissei-Fluss) km führenden Eisenbahnlinie hatte allerdings von Anfang an einen Haken: Es war purer Unsinn und in dem unwirtlichen Gelände so nicht zu realisieren. Die Umsetzung stockte von Anfang an.
Natürlich widersprach man einem Stalin nicht ungestraft und so nahm das Verhängnis seinen Lauf:
„…zumal niemand hier im Raum eigentlich wusste, wozu diese Eisenbahn gut sein sollte. Wozu all diese Eisstraßen durch die Taiga und Sümpfe, wozu Tausende Tonnen Kies und Sand? Wozu achtzig Tonnen Schienen pro Kilometer Eisenbahn, die wer weiß wohin führen?“
Fast vierzigtausend Menschen, die weder dumm noch abstoßend waren, sprangen nach dem Willen eines einzelnen Menschen sinnlos herum wie Affen in einem riesigen Polarzoo.
Sie spielten etwas, bemühten sich, damit es irgendwie dem entsprach, was er sich erdacht hatte… Er stand mit seinem freundlichen Lächeln und einem feinen Pfeifchen ganz oben…“
(S. 256)
Bekanntermaßen war der Kommunismus ein System, in dem sich die Menschen verbiegen mussten, in dem gewohnheitsmäßig gelogen und betrogen wurde. Man redete Stalin nach dem Mund, wenige brachten schwache Einwände vor und am Ende stimmten sie alle zu.
Ein Projekt mit der Brechstange
Das Buch „Permafrost“ von Viktor Remizov handelt von jenem irren Bauvorhaben, das ein größenwahnsinniger Diktator seinen Untertanen aufzwang. Dem Sowjetmenschen war so viel geglückt: Man hatte den Zweiten Weltkrieg gewonnen und sein Machtgebiet bis nach Deutschland hinein erweitert. Der Sowjetmensch griff nach den Sternen. Was sollte es da ein Problem sein, in arktischen Verhältnissen einen Tiefseehafen zu errichten, dazu Industriekomplexe und eine große Bahn, die alles verbinden würde? Hatte man dazu im GULAG nicht ein unerschöpfliches Reservoir von Arbeitssklaven, deren Leben nichts zählte und die man für den Aufbau des Kommunismus ohne großes Bedauern opfern würde?
Stalin sorgte bekanntermaßen sogar persönlich für einen unendlichen Nachschub an Arbeitssklaven, ob es „Konterrevolutionäre“, Berufsverbrecher, Deserteure, vermeintliche „Agenten und Saboteure“, Abweichler vom Stalinschen Kurs oder einfach Unschuldige waren. Der GULAG lieferte für das Projekt jede benötigte Menge Menschenmaterial.
Etwas naiv waren viele Anhänger Stalins schon, egal ob sie frei oder inhaftiert waren. Sie mussten unerfreulicherweise immer öfter Bilder sehen, die sie irritierten.
Kein Befürworter des Kommunismus konnte sich der offenkundigen Realität mehr entziehen:
„Was mich heute erschüttert, wissen Sie, das war die Menschenkolonne, die ich bergauf gehen sah. Sowjetmenschen, verstehen Sie? Und dazu unsere Soldaten mit Maschinengewehren… Beim Rückzug in der Nähe von Smolensk habe ich so was gesehen. Da ging eine Kolonne unserer Soldaten, angetrieben von Faschisten. Und auch dort stürzten sich Hunde auf die Menschen. Das hat mich damals furchtbar erstaunt. Bach, Beethoven, Schiller… und dann diese wild gewordenen Hunde und die lächelnden Deutschen. Dieses abscheuliche Verbrechen gegen eine große Nation. Gegen eine großartige Kultur. So dachte ich. Und heute sah ich etwas noch Schrecklicheres… Sowohl die Wachen als auch die Leute in der Kolonne waren Russen. Sie haben die Hunde auf Brüder gehetzt. Unmöglich, das kann nicht sein!“
(S. 56 f.)
Ein Häftling erinnert sich:
„Jeder, der in unserer Zelle saß, war im Feld. Orden, die Blockade, sie haben ja die Verteidigung organisiert und Leningrad gehalten. Verdienstvolle Leute!“
(S. 56)
Wut und Hass
Ohnmächtige Wut und Hass waren das Ergebnis stalinistischer Willkür:
„Schuras Gesicht verzerrte sich nun zu einer wütenden Grimasse. „Acht Jahre Lager – für nichts! Das habe ich Dir zu verdanken, Vater aller Völker!“ Schuras Zähne malmten vor Wut. „Eine Spitzhacke müsste man dir in dein verrücktes Hirn treiben, bis zum Griff! Und von mir aus können sie mich in Stücke reißen lassen, aber ich würde dir deine pockennarbige Visage spalten! Kein einziger Faschist auf der Welt hat uns so viel angetan.“
(S. 353)
Willige Helfer zuhauf
Was waren das für Leute, die dieses verbrecherische, barbarische System stützten?
„…meist waren es Schurken, die für ein Gehalt, eine Unterkunft und Sonderrationen zu jeder Gemeinheit fähig waren. Sie empfanden Vergnügen an Machtausübung und Demütigung von Menschen, die anders waren als sie. Aber es gab auch Dummköpfe – oder auch pathologische Feiglinge. Oft traf man auf Feigling, Dummkopf und Schurken in einer Person.“
(S. 346)
Remizov schildert natürlich die ganze Bandbreite der damaligen Sowjetgesellschaft. Es war nicht einfach nur ein brutales kommunistisches System, in dem sich dieser Abschaum austoben konnte, es wurde gerade durch Stalin höchstpersönlich gesteigert und perfektioniert.
„Von solchen, die bereitwillig Gemeinheiten ausübten, gab es viele. Sie schrieben Denunziationen, bewachten, verhafteten, verfolgten andere heimlich oder waren Begleitsoldaten. Der Henker, Schänder und Gewalttäter des riesigen Landes – dieser gewöhnliche Mann mit zwei Armen und zwei Beinen, kam ohne diese Armee von Helferhelfern nicht aus.“
(S. 346)
Niemand war mehr sicher
Eine der Hauptfiguren in Remizovs Roman, ein Stalinanhänger, gerät unschuldig in die Fänge der „Sicherheitsorgane“ und ist fassungslos über das, was man mit ihm anstellt. Remizov beschreibt über mehrere Seiten unfassbare Grausamkeiten, die an ihm verübt wurden. Hier ein winziger Auszug:
„Warum schlagen sie mich?“ Below schluckte das Blut und sah den Unteroffizier an. „Ich habe keine Schuld. Er wird sich für alles verantworten. Ein Held ist er, ja? Unterleutnant Kosin fleschte die Zähne und schlug ihm mit dem Schlauch auf den Kopf, nach ihm der Unteroffizier. Dieser schlug professionell, etwas knirschte, San Sanytsch spuckte es zusammen mit dem Blut aus… es waren Zähne. In seinem Mund war an der Seite eine Lücke entstanden.“
(S. 910)
Es gab nur Verlierer
Es ist ein Buch mit wechselnden Erzählsträngen. Alle Personen stehen zeitlich und örtlich im Zusammenhang mit dem Bau der „Stalinbahn“. Die Handlung besteht aus dem Leben und Erleben der handelnden Personen, sie hat ihre zwangsläufigen Höhen und Tiefen. Das Geschehen entwickelt sich in seiner ganzen Dramatik mit einer gewissen Unabänderlichkeit. Immer wenn man denkt, es geht nicht schlimmer, wird man eines Besseren belehrt. Insofern ist es eine Aneinanderreihung von negativen Erlebnissen und Ereignissen bis zum Ende des Projektes. Das irrsinnige Projekt wird nach dem Tod Stalins still und heimlich liquidiert.
Die Überlebenden müssen sehen, wie sie ihr Leben neu organisieren. Freund und Feind, auch die Schwankenden oder Indifferenten sind allesamt Verlierer, da sie alle mehr oder weniger viel verloren haben. Die Freude der Opfer Stalins wird gedämpft durch das, was sie für immer eingebüßt haben: Gesundheit, Freiheit, Vermögen, besonders aber Freunde und Familienangehörige. An Rache oder Wiedergutmachung war überhaupt nicht zu denken. Der GULAG wurde nur teilweise entleert. Es ging weiter mit dem kommunistischen System bis zu dessen späterer Implosion, die viele nicht mehr erleben durften.
Die zwei wichtigsten Charaktere
Zwei Charaktere in Permafrost stechen besonders hervor: Zum einen ist es der in den 30er Jahren unschuldig verhaftete Geologe Gortschakow, den man während der Säuberungen fälschlicherweise als „Volksfeind“ deklariert hatte. Dieses typische Opfer des roten Terrors ist ein Mensch mit intellektuellen Gaben, der in die Mühlen des Stalinismus gerät und sich dort aus purem Überlebensinstinkt den Verhältnissen anpasst. Haft, Erniedrigung, Hunger, Kälte und die Aussichtslosigkeit der Lage im GULAG machen ihn zu einem passiven Pragmatiker. Dennoch bleibt er tief in seinem Inneren überraschend widerständig und charakterstark. Die Zerstörung seiner Individualität hat insofern nicht das Ausmaß angenommen, das die meisten Lagerbewohner befallen hat.
Zum anderen handelt es sich um den außergewöhnlich erfolgreichen Kapitän Below, der versucht, das Gute im Kommunismus zu entwickeln. Berauscht von der Aufbauwut und Propaganda der Industrialisierung sieht er in Stalin den Führer, der die Sowjetunion in eine strahlende Zukunft führt. Auch er gerät unschuldig in die Mühlen des Terrors. Als er auf Grund eigener Anschauung und eigenem Erleben, mit der Erfahrung äußerst knapp überstandener massiver Repressalien, starke Zweifel bekommt, siegt auch bei ihm der Überlebenswille. Er passt sich an, arbeitet hart und kapituliert vor den offensichtlichen Missständen – ein Mitläufer aus Überlebensinstinkt, der sich seiner Unzulänglichkeit zumindest gelegentlich bewusst ist.
Beide Charaktere, wie viele andere auch, sind keine Helden im klassischen Sinne. Es sind Menschen mit natürlichen Schwächen, die überleben wollen. Was konnte man in einem solchen übermächtigen, albtraumhaften System auch anderes tun? Nicht jeder ist zu einem Märtyrer geboren; leider viel zu viele zum Täter.
Ein herausragendes Buch
Mit seinem Buch „Permafrost“ ging Viktor Remizov ein hohes persönliches Risiko ein. Jahrelang hatte er recherchiert und dabei auch Kontakt mit Personen und Organisationen gehabt, die in Putins Russland argwöhnisch beobachtet, bekämpft oder verboten wurden. Das Ergebnis seiner Bemühungen lässt sich sehen: Eng an den historischen Fakten, mit Recherchen vor Ort, hat Remizov 2021 ein Buch veröffentlicht, das ihn in den Olymp der russischen Literatur trug. Es verkaufte sich entsprechend gut und zeigte, dass zu dem Zeitpunkt gegen die teilweise Rehabilitierung von Stalin eine gewisse politische Freiheit in der Literatur möglich war.
Jedenfalls reflektiert es auch das Unbehagen großer Teile der russischen Bevölkerung gegenüber dem permanenten Versuch der Geschichtsklitterung, wie auch gegenüber einem diktatorischen Regime. Die hohe Seitenzahl macht es nicht zuletzt auch trotz seines an die Nieren gehenden Inhalts zu einem elitären Vergnügen in einer traurigen Zeit der immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und Verflachung.
Eine Erinnerung an Stalins wahres Gesicht
Viktor Remizov hat den schlagenden Beweis erbracht, dass es in Russland immer noch möglich ist, ein herausragendes Werk zeitgenössischer Literatur über die dunkle Zeit des Kommunismus zu schreiben, das inhaltlich, qualitativ und politisch-historisch allerhöchsten Ansprüchen gerecht wird.







