Game of Thrones als Serie und besonders die Buchvorlage wird von vielen Rechten voreilig als links abgestempelt, sie trifft aber einen Nerv und war einer der großen Erfolge der 2010er-Jahre.
Das Paradoxe an ihr ist, was sie für mich so interessant macht: Der Autor George R. R. Martin ist wirklich ein Linker, der „traditionelle“ Handlungselemente wie heldenhafte Krieger, gute Könige, unschuldige Prinzessinnen subversiv zerstören will, sich damit aber in eine Ecke geschrieben hat und nicht drum herumkommt, doch traditionelle Elemente zuzulassen und sie, als der Science-Fiction-Autor, der er ist, unabsichtlich mit zutiefst rechten Themen wie Eugenik zu verbinden. Außerdem ist sie mit der oft kritisierten Amoralität und den tragischen Elementen näher an den klassischen Erzählstrukturen der Antike als traditionelle Geschichten wie Der Herr der Ringe.
Das Franchise wird erweitert
Game of Thrones hat – im Gegensatz zu den Büchern – durch den drastischen Abfall der Qualität in den späteren Staffeln, besonders der von allen Fans gehassten letzten, vorerst nicht den bleibenden kulturellen Einfluss hinterlassen, den man erwartet hätte und wird wohl in Vergessenheit geraten – oder als filmisches Mahnmal zukünftige Produzenten vor den gemachten Fehlern warnen.
Finanziell war sie allerdings erfolgreich, weshalb der produzierende Sender HBO 2022 mit eine Prequel-Serie begonnen hat: House of the Dragon. Auch bei ihr gab es einige Probleme. Die Buchvorlage, ein fiktives Geschichtsbuch, das bewusst mit der Frage spielt, welchen historischen Quellen man vertrauen kann, ist aufgrund ihrer Struktur grundsätzlich schwierig zu verfilmen. Die Serie wird dieses Jahr in ihre dritte und laut Plan vorletzte Staffel gehen. Staffel 2 wurde bereits sehr kritisch rezensiert, auch G. R. R. Martin hat House of the Dragon auf seinem Blog heftig angegriffen.
Wegen dieser schlechten Erfahrung hat sich Martin lange geweigert, seine dritte Buchreihe Tales of Dunk and Egg, die in der gleichen Welt spielt, zu verfilmen. Wir wissen nicht, ob es ein großzügiges finanzielles Angebot von HBO war, das ihn letztendlich dazu motiviert hat, doch zuzustimmen, oder seine notorische Aufschieberitis, die ihn dazu bringt, sich allerlei Nebenprojekten zu widmen, nur um nicht das nächste Buch, The Winds of Winter, auf das die Fans mittlerweile fünfzehn Jahre lang warten, fertigstellen zu müssen.
Nahe am Buch und doch anders
Neben dem Inhalt sind die Game-of-Thrones-Serien auch wegen ihrer Form – als Serien eines Streaminganbieters – Repräsentanten ihrer Zeit. Insbesondere bei der neuen Serie, A Knight of the Seven Kingdoms, merkt man, dass nicht künstlerische, sondern ökonomische Faktoren dazu geführt haben, sie als Serie zu verfilmen. Das Kino und damit auch Spielfilme verlieren an Bedeutung. Streaming ist das aufstrebende Medium. Das Geschäftsmodell von HBO – und auch allen anderen Streaminganbietern – bevorzugt Serien. Mit einer Serie und geschickt im Kalender platzierten Veröffentlichungsterminen kann man die Kunden dazu bringen, mehrere Monate lang einen Streamingservice zu abonnieren – und wenn man etwas Glück hat, vergessen sie, das Abo zu beenden.
Die Kurzgeschichte wurde mit sechs etwa halbstündigen Episoden und einer Gesamtlaufzeit von über drei Stunden produziert, dabei hätte das Buch sehr gut in einem eineinhalbstündigen Spielfilm verfilmt werden können. Um es zu einer Serie zu strecken, muss einiges an Material dazuerfunden werden, außerdem braucht jede Episode ein passendes Ende, idealerweise einen Cliffhanger, was wiederum einen Einfluss auf das Pacing hat und die Motive des Werks verändern kann – und es auch tut.
Im Gegensatz zu den späten Staffeln von Game of Thrones ist A Knight of the Seven Kingdoms sehr nahe am Buch. Die Dialoge sind oft wortgetreu übernommen, nahezu alle Szenen haben den Weg in die Serie gefunden und die Reihenfolge wurde – abgesehen von wenigen Ausnahmen – beibehalten. Allerdings gibt es auch mehrere Stunden neuer Szenen, die oft gut passen, manchmal aber die Kernmotive des Buches verändern.
Der arme Ritter Dunk
Ohne genau auf die Handlung eingehen zu wollen, sei sie ganz kurz zusammengefasst, um die Änderungen nachvollziehbar zu erklären. Der junge Dunk ist Knappe eines Ritters, der vor Beginn der Handlung stirbt. Dunk macht sich auf, an einem Turnier teilzunehmen und behauptet, kurz vor dessen Tod von seinem Mentor zum Ritter geschlagen zu werden – was allerdings nie passiert ist. Auf dem Weg lernt er den jungen glatzköpfigen Buben Egg kennen, der sein Knappe werden möchte. In der ersten Hälfte der Geschichte bereitet sich Dunk auf das Turnier vor, gerät dann allerdings in Konflikt mit einem Prinzen der Königsfamilie und muss sich in einem Urteil durch Kampf verteidigen. Der Kampf ist allerdings kein Zweikampf, sondern ein Kampf von sieben gegen sieben. Der junge Egg offenbart sich als Mitglied der Königsfamilie, Dunk kann sich im Kampf behaupten doch der Erbe des Königs, das fähigste und beliebteste Mitglied der Familie stirbt.
Die Struktur des Buches ist im Grunde die perfekte Kurzgeschichte. Jede Szene der ersten Hälfte hat einen Pay Off in der zweiten Hälfte. Es gibt also keine „unnötige“ Szene, es wird mit maximaler Effizienz erzählt. Wie kann man eine solche Struktur erweitern, wenn man mehr Handlung braucht, um sechs Episoden zu füllen? Jede neue Szene bräuchte einen Pay Off in einer späteren Folge, doch das passiert nicht. Manche der neuen Szenen gehören zu den besten der Serie und haben auch ihren Sinn, da sie uns Figuren besser vorstellen, die im Buch plötzlich auftauchen.
Die meisten der Ritter, die sich am Ende auf Dunks Seite stellen, haben eine oder mehrere Szenen bekommen, um eine Beziehung zu Dunk oder Egg aufzubauen, die im Buch fehlt. Diese Ergänzungen werten die Serie auf und sind durchwegs gelungen. Allerdings werden auch einige Handlungsstränge begonnen, die es im Buch nicht gibt und die am Ende zu nichts führen. Die wenigsten dieser Szenen sind wirklich schlecht, sie verändern aber die Erzählstruktur und die Motive.
Martins Botschaft
Zentrales Thema der Kurzgeschichte ist die Ungerechtigkeit einer ständebasierten Gesellschaftsordnung. Im Grunde eine kommunistische, zumindest aber egalitäre Botschaft. Die allermeisten Adeligen interessieren sich nicht für die Anliegen von Dunk, sind nicht bereit, ihm zu helfen, auch wenn es für sie kein Mehraufwand wäre. Angehörige der Königsfamilie benehmen sich daneben und tyrannisieren einfache Leute. Noch wesentlich stärker als in der Hauptserie kritisiert Martin eine „Klassengesellschaft“, primär durch eine marxistische Brille, die die Adeligen mit den Reichen gleichsetzt. Hier zeigt sich auch eines der größten Probleme in Martins Weltbild: als Amerikaner versteht er nicht den Unterschied zwischen Stand und Klasse.
Die meisten Adeligen bedienen sich derber Sprache, und halten sich überhaupt nicht an all die Eide und Ehrenkodexe, die ihren Stand ausmachen sollten. Mit ihnen kontrastiert wird Dunk, der nie zum Ritter geschlagen wurde, aber als einziger den ritterlichen Eid, die Schwachen und Unschuldigen zu verteidigen, lebt – und dafür den Prozess gemacht bekommt.
Das Bild, das hier vom Adelsstand gezeichnet wird, ist ein düsteres und in weiten Teilen auch ahistorisches. Man merkt, dass Martin ein linker Hippie-Boomer ist und nicht wirklich ein Gefühl für das alte Europa hat. Die Serie übernimmt diese Motive grundsätzlich, verwässert sie aber durch einige neue Szenen. So ist etwa die große soziale Distanz zwischen Dunk und dem Hochadel immer wieder relevant im Buch, in der Serie schafft es Dunk aber, sich innerhalb eines Abends mit Lyonel Baratheon, einem der höchsten Adeligen des ganzen Reiches, anzufreunden. Die Szene ist an sich eine der besten der Serie und hat ihren Pay-Off darin, dass es nachvollziehbarer ist, warum Baratheon am Ende für Dunk kämpft, unterminiert aber die Botschaft des Buches.
Das leidige Problem mit dem Millennial Writing
Produzent der neuen Serie ist Ira Parker, Jahrgang 1985 und damit ein früher Millennial. Und dass er ein Millenial ist, merkt man der Serie an. Es kommt nämlich mehrmals vor, dass an völlig unpassenden Stellen plötzlich primitivster Fäkalhumor eine heroische oder dramatische Szene zerstört. Gleich am Anfang der ersten Folge beschließt Dunk, in die Fußstapfen seines Meisters zu treten, nimmt dessen Schwert in die Hand und die bekannte und beliebte Titelmusik aus Game of Thrones beginnt zu spielen, bis ein plötzlicher Schnitt Dunk dabei zeigt, wie er sich an einen Baum lehnt und Dünnschiss hat. Mehrere Sekunden lang muss der Zuseher offensichtlich falsche Scheiße aus Dunks Hintern spritzen sehen.
Fans und Kritiker haben viele Interpretationen für diese Szene gebracht: hier wird auf Heroismus geschissen (passend zum Motiv der Serie, dass Adelige als Arschlöcher präsentiert), hier geht es nicht um edle Helden sondern um einfache Leute, oder auch hier wird auf Game of Thrones als Serie geschissen, weil sie schlecht war. Der wahre Grund für diese Szene ist aber schlicht und ergreifend, dass Ira Parker Millenialhumor hat (popularisiert durch die minderwertigen Schundfilme der Marvel-Superhelden) und es lustig findet, wenn an besonders dramatischen Stellen plötzlich ein „ironischer“ und möglichst ekliger Witz eingebracht wird. Die Game-of-Thrones-Titelmusik durch eine Szene, die das einfache Leben zeigt, abzuhacken, ist an sich kein schlechter Gedanke, insbesondere, wenn man das Grundmotiv der Serie beachtet. Der Fäkalhumor zerstört die Szene allerdings.
In der zweiten Folge bekommen wir einen gigantischen falschen Penis beim Urinieren zu sehen, und in der vierten Folge bricht ein lauter Furz eine sehr dramatischen Szene mit steigender Spannung plötzlich ab. All diese Szenen passen motivisch zur Serie, sind aber in ihrer Umsetzung einfach unlustig und nervig und hätten mit kleinen Änderungen viel besser funktioniert. Außerdem fluchen die Figuren, sowohl Adelige als auch einfaches Volk, viel zu viel, sodass es geradezu unangenehm wird. Für einen Millenial ist es vielleicht cool, wenn in jeder zweiten Szene „fucking“ gesagt wird, es ist aber unpassend und wirkt nicht natürlich.
Mehr Marxistisch als Woke
Und da man in einem rechten Kulturmagazin wohl nicht darum herumkommt, Serien auch nach ihrer „Wokeness“ zu analysieren. Game of Thrones ist im Wesentlichen ohne hereingekünstelte ethnische und sexuelle Minoritäten ausgekommen. Alle Nichtweißen Figuren waren aus fernen Ländern, was sie akzeptabel macht. House of the Dragon, zum Höhepunkt von „Wokeness“ geschrieben, hat allerdings eine bedeutende Adelsfamilie zu Schwarzafrikanern gemacht, was nicht nur unrealistisch ist, sondern innerhalb des Worldbuildings, in dem die Biologie der Herrscherfamilien eine wichtige Rolle spielt, unmöglich. Außerdem hat der linksextreme und transsexuelle Youtuber Philosophy Tube eine Rolle bekommen.
Aus strategischen Gründen scheint es so, als würde „Wokeness“ von den Eliten zurückgefahren und das merkt man auch in der neuen Serie. Es kommen Schwarzafrikaner vor, allerdings nur als Hintergrundfiguren. Wenn man nicht genau hinschaut, bemerkt man sie nicht. Nur zwei Sprechrollen sind nicht weiß und bei beiden ist es innerhalb der Welt nachvollziehbar, dass sie es nicht sind. Mit Schwulen und Transen wird das Publikum zum Glück nicht belästigt. Das politische Messaging der Serie geht weg von „Identitätspolitik“ und nähert sich wieder dem klassischen Marxismus an, den wir von früheren Linken schon kennen.
Die Rückblende als schwächste Szene
Ein letzter schwerer Kritikpunkt, den ich an der Serie habe, ist eine lange Rückblende-Szene, die Dunks Kindheit zeigt. Sie ist eine der wenigen inhaltlichen Änderungen zum Buch. Während der Rest der Serie endlich mit dem leider so typisch gewordenen Klischeebild vom dreckigen, grauen Mittelalter bricht und viele bunte Farben und manchmal geradezu idyllische Szenen zeigt, ist das Flashback Elendspornographie vom Feinsten. Alles ist dreckig und der junge Dunk wird wie Abfall behandelt. Dunk bekommt ein Trauma angedichtet, das er im Buch nicht hat, um eine Reaktion von ihm in der Gegenwartshandlung zu rekontextualisieren. Allerdings unterminiert der neue Kontext das zentrale Motiv der Serie, da neben Verliebtheit und Ehrenhaftigkeit ein psychoanalytischer Grund für seine Handlung dazuerfunden wird.
Außerdem ändert die Serie die Umstände, unter denen der junge Dunk Knappe seines Meisters wird, um peinlich offensichtliche Parallelen zu seinem aktuellen Knappen Egg zu ziehen. Der Zuschauer soll sich denken „oh wow, Dunk sieht in Egg sich selbst als Kind!“, diese Parallelen sind aber extrem plump und künstlich. Die lange Rückblende in der fünften Folge ist für mich klar die schlechteste Szene der gesamten Serie und sabotiert die ansonsten erstaunlich hohe Qualität. Parkers Fäkalhumor bringt kurze unangenehme Momente, die Rückblende füllt aber über die Hälfte ihrer Folge.
Sehr gute technische Umsetzung
Trotz deutlich niedrigeren Budget als bei den größeren Schwesterserien ist die Produktionsqualität herausragend. Das Kostümdesign ist einmal mehr genial, vielleicht sogar das beste aller drei Serien. Farbenfroher und realistischer, aber gleichzeitig extravagant und einfach cool, wie man es sich von einer mittelalterinspirierten, aber nicht historischen Serie wünscht. Die schauspielerischen Leistungen sind durchwegs gut, in Summe die besten aller drei Serien, selbst der kleine Egg, gespielt vom zehnjährigen Dexter Sol Ansell überzeugt. Die Kulissen, ein Marktplatz und ein Turnierfeld, laden dazu ein, sich Szenen immer wieder anzusehen, um neue Details zu entdecken. Man braucht keine teuren computeranimierten Drachen oder aufwendige Schlachtszenen, um eine spannende Serie zu drehen. Manchmal sind es gerade das Alltägliche und die kleinen Konflikte, die am meisten mitreißen.
Die Musik, diesmal nicht vom HBO-Hofkomponisten Ramin Djawadi sondern dem Amerikaner Dan Romer, passt sich der kleineren und einfacheren Welt an. Bis auf wenige Ausnahmen müssen wir auf die epischen Orchesterwerke, die wir aus Game of Thrones und House of the Dragon kennen, verzichten. Stattdessen bekommen wir eine bodenständigere Musik, oft mit mittelalter-artigen Instrumenten oder auch menschlichem Gepfeiffe. Es gibt auch mehrere Szenen mit diegetischer Musik, auch die Figuren in der Serie dürfen ihre Freude damit haben. Stellenweise wird sie geradezu experimentell und nimmt jazzige Züge an. Diese einfachere und derbere Musik passt sehr gut zur verkleinerten Welt. Es geht nicht mehr um kontinentale Kriege zwischen mächtigen Herrscherfamilien, sondern um einen armen Ritter und seine Erlebnisse.
Fazit
Die erste Staffel von A Knight of the Seven Kingdoms kann qualitativ der ersten Staffel Game of Thrones das Wasser reichen und ist, obwohl sie im gleichen Universum spielt und viele optische Gemeinsamkeiten hat, doch grundverschieden. Das kommunistische Motiv ist ärgerlich, aber wenn man nicht all zu ideologisch an die Serie herangeht, kann man darüber hinwegsehen. Kritischer sind da schon Parkers Fäkalwitze und besonders die schreckliche Rückblende, die die Qualität der Serie beeinträchtigen. Und gäbe es nicht den starken ökonomischen und technischen Druck, ständig Serien zu produzieren, wäre A Knight oft he Seven Kingdoms ein Spielfilm geworden, was ihm gut getan hätte.
Ist die Serie rechts? Nein, definitiv nicht. Die Grundbotschaft ist zutiefst egalitär und antitraditionell. Man kann, wenn man möchte, natürlich rechte Elemente hineininterpretieren, besonders die Ehrenhaftigkeit des Protagonisten Dunk, der einfach das Richtige tut, auch wenn es gesellschaftlich nicht erwünscht ist. Das ist aber keine generell rechte Botschaft, ein Linker wird ihr genauso zustimmen – und sie mit dem marxistischen Hauptmotiv verknüpfen, denn der einzige wahre Ritter ist ausgerechnet der arme Dunk von niedrigem Stand.
Zwanghaftes Politisieren ist allerdings nicht gesund und die Qualität einer Serie hängt von vielen weiteren Faktoren ab und nicht nur von ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Botschaft. Im Großen und Ganzen überzeugt A Knight of the Seven Kingdoms. Die zweite Staffel soll bereits nächstes Jahr erscheinen und zumindest im Buch ist die zweite Geschichte die beste. Wir können uns also freuen.







