Verhangen zieht sich ein dichter, grauer Schleier über den Himmel, welcher noch vor einigen Stunden klar und blau schien. Hier und da strahlt dennoch die Julisonne durch die Wolkenwand und bricht ihr Licht im grünen Gras. Langsam, aber beständig schreitest du Schritt für Schritt durch den breiten Hohlweg, welcher zur Böschung rechts von dir in einer dichten Hecke ausläuft. Zur linken Böschung ist die Aussicht frei, dahinter liegt eine saftige Wiese, welche am nahen Horizont von weiteren Böschungen durchzogen ist.
Eine Patrouille durch das Bocage
Du bist nicht allein… Der Rhythmus deiner Schritte geht im Takt mit dem deiner Kameraden. Keiner spricht ein Wort… Ruhig ziehst du mit jedem Atemzug die frische Sommerluft durch deine Nase in die Lungen – ein und aus. Der Karabiner liegt schwer, aber bestimmt in deinen Händen. Da zerreißt ein Donnerschlag die vermeintliche Ruhe! Instinktiv gehst du in die Hocke und blickst in die weit aufgerissenen Augen des Schützen links von dir. Obwohl du merkst, wie dein Herz schneller und härter in deiner Brust schlägt, signalisierst du ihm mit einer Geste, die Ruhe zu bewahren.
Jetzt ertönt ein weiterer Donnerschlag, gefolgt von einem weiteren – und noch einem! Kleine Blitzschläge steigen nun vermehrt in das Klangbild mit ein, und nun wird deine Befürchtung wahr: Der Feind setzt zum Angriff an!
„So viel zur Patrouille!“, schimpft der Zugführer, entsichert seine Maschinenpistole und gibt das Kommando zum Fertigmachen. „Die Böschung links hoch, verteilen! Ich will das MG ganz außen an dem Gebüsch, Walther und Richter sichern mit der Panzerfaust nach rechts ab!“ Jeder weiß nun, was zu tun ist – schließlich ist das nicht euer erster Einsatz! Auch du entsicherst deinen Karabiner, kraxelst die Böschung vor dir hoch, horchst und starrst in das ewige Grün der Bocage-Landschaft. Lautes Motorenknattern erklingt, und nur knappe hundert Meter entfernt von dir am Feldrand brechen sich die kanadischen Stahlkolosse schwerfällig durch die Hecken.
Ein ohrenbetäubender Knall hinter dir zerreißt die Luft – und dann geht einer von den Panzern in Flammen auf! „Auf die Achtacht von Stolteberg ist Verlass“, bemerkt der Schütze Zwickel kaum hörbar, bevor er anlegt und mit dem Maschinengewehr mehrere kurze Salven auf die olivfarbenen Schatten abfeuert, welche zwischen den Hecken neben den Panzern umherhuschen. Doch auch von gegenüber kann man nun Feuerblumen im Gestrüpp erkennen, und der Dreck spritzt dir nur so um die Ohren! Einer nach dem anderen legt an, drückt ab – und du steigst mit ein… Jetzt nimmst du einen vermeintlichen Schattenriss auf der anderen Seite in den Hecken aufs Korn und drückst mit der Ausatmung ab…
Und so zieht das Stahlgewitter auf.
Ein historischer Shooter
Dieser in Szene gesetzter Einstieg ist ein von mir ausgeschmückter Erlebnisbericht einer Runde in „Darkest Hour: Europe 44–45“. Dieser taktische First-Person-Shooter, welcher ursprünglich als Modifikation zum Original „Red Orchestra: Ostfront 41–45“ im Jahr 2008 erschienen ist, versetzt dich mitten ins Herz der größten militärischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts – den Kämpfen an der West-, Ost- und Südfront im großen Ringen um die Zukunft Europas.
Statt simpler Arcade-Action erwartet dich hier – wenn du dich darauf einlässt – eine Mischung aus Realismus, Strategie und Teamplay. Jedes Gefecht fühlt sich an wie ein kleines, chaotisches Stück Geschichte, in dem dein Handeln über Sieg oder Niederlage deines Trupps entscheidet. Um zu verstehen, what dieses Spiel so einzigartig macht und was es von ähnlichen Erscheinungen wie „Squad 44“ oder „Hell Let Loose“ unterscheidet, schauen wir uns Setting, Gameplay, Karten und die Community etwas genauer an.
Von Stahlhelm, Karabiner und Panzerfaust – Die schonungslose Härte von Darkest Hour!
„Darkest Hour“ versucht sich als Videospiel am Realismus des Zweiten Weltkrieges mit all seinen Phasen und Gegebenheiten zu orientieren, ohne dabei vom schmalen Grat zwischen Spielspaß und absoluter Frustration abzukommen. Klingt also nach schwierigen und zeitaufwändigen Gefechten? Richtig – das sind sie nämlich auch!
So erwartet den Spieler zum historischen Schlachtfeld die dazu passende Einheit, welche zu den damaligen Umständen um diesen Boden focht. Dementsprechend wird darauf geachtet, die Truppengestaltung der Infantrie und Panzerfahrzeuge, sowie die Namen der Einheiten historisch korrekt zu gestalten. Dabei wird im Gegensatz zu strukturell ähnlich gehaltenen Videospielen nichts zensiert oder auf eine moderne Spielerschaft angepasst…
Wer also auf hochglanzpolierte und hochmoderne Grafikdarstellungen im schnelllebigen Uniformenchaos einer politisch korrekten Umsetzung Wert legt, wird hier definitiv nicht auf seine Kosten kommen.
Nein – Darkest Hour will es echt und ungeschönt haben! Und auch die Unreal Engine 2, welche das Spielerlebnis grafisch gestaltet und den einen oder anderen auf den ersten Blick möglicherweise abschrecken könnte, leistet ihren Beitrag dazu, diese Authentizität zu fördern – mitunter, weil sie an eine Zeit erinnert, in der Videospiele noch nicht unter dem Ungeist der heutigen Zeit standen.
Die Fraktionen bestehen demnach klassisch aus den Achsenmächten, sprich Deutschland und Italien, und den Alliierten, also USA, Commonwealth, Polen und Sowjetunion.
Auf einer Karte stehen sich bei vollen Servern jeweils 32 Spieler gegenüber, welche in ihrem Team in Trupps von bis zu acht Mann eingeteilt werden. Jeder Trupp wird von einem Truppführer mit Kommandos angeleitet und mit Spawnpunkten versorgt. So entscheidet dieser, ob und von wo angegriffen oder verteidigt wird. Der Leser merkt hier, dass diese Rolle einem erfahrenen Spieler zusteht, welcher im besten Fall ein Headset nutzt.
Des Weiteren ergänzt sich ein Trupp aus MG-Schützen, welche den Feind niederhalten sollen, Panzerjägern, die sich auf gegnerische Fahrzeuge fokussieren, Funkern, welche den Kontakt zum HQ halten, und Pionieren, die für Rauchdeckung und Sperrbeseitigung sorgen. Da diese speziellen Klassen begrenzt zu wählen sind, wird der Rest des Teams mit einfachen Schützen gefüllt.
Battlefield für Landser-Genießer
Natürlich gibt es auch Schlachtfelder, in denen man in die Rolle des Panzerfahrers schlüpfen kann, um das Vorgehen des Teams mit Feuerkraft zu unterstützen. Soweit so Battlefield also, aber da enden schon die Gemeinsamkeiten. Von der Arcade geht es hier in die Etappe, denn Darkest Hour bleibt ein realistisches Spiel.
So darf nicht davon ausgegangen werden, dass man, nur weil man in einem deutschen Panzer sitzt, unbesiegbar ist. Der Gegner wird alles daransetzen, den Panzer als Gefahr auszuschalten – und ein erfahrener Gegner wird dies mit Leichtigkeit schaffen, wenn man sich selbst überschätzt und das Panzerfahren zu unüberlegt angeht… Zudem ist es wichtig zu erwähnen, dass auch das Schadensmodell wirklichkeitsgetreu ist. Geschossene Projektile unterscheiden sich in ihrer Wirkung je nach Art, z.B. panzerbrechend oder hochexplosiv, der Distanz zwischen Schützen und Ziel, sowie der Stelle des Treffers.
Die Waffen der Klassen definieren sich nach dem gebräuchlichen Arsenal der Nation sowie dem Jahr des Konflikts. Sprich: Der deutsche Panzerjäger bedient sich vor dem Jahr 1943 an Sprengladungen oder Panzerbüchsen, erst ab Ende des Jahres 1943 kann man dann Panzerfaust und Panzerschreck einsetzen. Die Bedienung einer Waffe läuft mittels Kimme und Korn – so etwas wie ein Fadenkreuz gibt es nicht. Des Weiteren ist die Munition des Spielers begrenzt. Ein regulärer Schütze hat auf den meisten Karten 30 Schuss zur Verfügung, kann seine Munition – wie alle anderen Klassen auch – an Versorgungspunkten aber zur Not wieder aufstocken.
Zwischen Befehl und Chaos – Der Schlüssel zum Sieg!
Die Karte wurde gewählt, die Rolle ausgesucht, die Trupps sind eingeteilt, Waffen und Munition überprüft, die Panzerfahrzeuge bestiegen – es geht an den Feind! Nun geht es gemeinsam als Team ans Verteidigen oder Nehmen einer Karte und deren strategischer Unterpunkte. Hierbei können sich aber auch Gelegenheiten für Manöver und Gegenangriffe bieten. Gewonnen hat am Ende das Team, welches entweder alle strategisch wichtigen Punkte der Karte erobert oder die Manneskraft des Gegners maximal erschöpft hat. Entscheidend für den Ausgang eines Gefechts ist, dass man selbst die Aufgabe seiner Rolle erfüllt, kommunikativ ist und die Dynamik im eigenen Trupp sowie im Kollektiv stimmt.
Als Beispiel nehmen wir die Karte „Stoumont“, in welcher Männer der Kampfgruppe Peiper ein belgisches Dorf im Rahmen der Ardennenoffensive erobern müssen, das vom 119th Regiment der 30th US Infantry Division verteidigt wird.
Während der Angreifer im Schutz der von den Panzern und Pionieren abgefeuerten Rauchgranaten im offenen Feld oder an den Flanken vorrückt, ist es am Verteidiger, die Stellungen und Stützpunkte so auszubauen und zu bemannen, dass die Offensiven scheitern und die Manneskraft der Angreifer aufgebraucht ist. Es liegt an dir und deinen Kameraden, was ihr aus den euch gegebenen Mitteln rausholt!
Je nach Taktik und Geschicklichkeit der Teams kann so eine Runde zwischen 30 und 60 Minuten dauern. Der Spieler muss also neben Geduld, Auffassungsvermögen, eine gute Selbsteinschätzung, starke Nerven und im besten Fall ein gewisses Verständnis vom Krieg mitbringen.
Kameradschaft kennt keine Grenzen – die Community von Darkest Hour
Vielleicht denken sich einige, dass ein Spiel von 2008 ausgestorben ist – doch dem ist nicht so! Den neuen Spieler erwartet eine treue und erfahrungsgemäß sehr reife Spielergemeinschaft aus aller Welt. So trifft man neben einigen Deutschen auch auf Italiener, Amerikaner, Russen, Jugoslawen und viele mehr. Die Server füllen sich in der Regel ab 18 Uhr und bleiben bis Mitternacht gefüllt. Gerade am Wochenende kann man mit einem hohen Aufkommen und sogar dem ein oder anderen historisch orientierten Event rechnen.
So kommt es vor, dass man im Gefecht schnell die Namen der „Stammspieler“ kennt und deren Eigenschaften einschätzen kann. Sollte man interessiert sein, sich mit Spielern auszutauschen, auf dem Laufenden zu bleiben oder etwas zu lernen, so kann man einem Discord-Server beitreten und sich in den dortigen Kanälen über allerlei unterhalten. Möchte man das Ganze eher anonym als stiller Mitleser genießen, ist dies aber natürlich auch möglich.
Als Kommunikationsmittel dienen der Teamchat oder der Truppchat. Optimalerweise nutzt man aber den Voicechannel, welcher sich auf den lokalen Radius des Spielers oder den gesamten Trupp begrenzt.
Die Front steht felsenfest – Ein Fazit
Darkest Hour – ein scheinbares Relikt aus 2008, das zeigt, dass Realismus und Teamgeist zeitlos sind, ist genau das richtige Videospiel für den Hardcore-Gamer, der Zeit, Frustrationstoleranz, Lernbereitschaft und historisches Interesse mit sich bringt. Es belohnt keine Eile, kein Draufgängertum und kein unüberlegtes Handeln. Stattdessen fordert es dich – als Teil eines Ganzen, als Panzerkommandanten, als Pionier, als Truppführer, als Artilleristen oder doch einfach nur als regulären Schützen in einem gnadenlosen Kriegsszenario, in dem dein Entscheiden den Verlauf der Schlacht beeinflussen kann.
In einer Welt, in der Spiele oft schnelllebig und austauschbar geworden sind, in der politische Korrektheit und ein Fokus auf stumpfe Action, sowie ein schneller Egokick den Markt dominieren, steht Darkest Hour hier wie ein alter Stahlhelm: verkratzt, aber standhaft als Bollwerk einer vorbeigezogenen Epoche. Wer sich darauf einlässt, entdeckt keine Explosionen im Dauerfeuer oder pubertäre Rambos, sondern echte Spannung, Verantwortung und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Und wenn am Ende der Runde Stille einkehrt, denkt man oft: Das war kein Match – das war ein Erlebnis.







