Im September erschien in der Sezession ein Gespräch von Ellen Kositza mit dem Internetaktivisten Patrick Kolek, alias Wuppi. Ich nehme dieses Gespräch zum Anlass, um auf eine Tendenz hinzuweisen, die man wohl durchaus als konservativ bezeichnen könnte, dies aber im schlechtesten Sinne. Mein Ton dabei ist unversöhnlich, nicht etwa, weil ich unversöhnlich bin, sondern weil ich es für eine Unart halte, die Synthese der Antithese vorwegzunehmen. Aber eines nach dem anderen.
Denunziation und Hegemonie
Herr Kolek hat sich einen Namen damit gemacht, dass er linke Hetzer jenen Methoden unterzieht, die sie so gerne selbst anwenden. Treffsicher identifiziert und doxxt er die fraglichen Haltungsmenschen, was oft schon ausreicht, um sie kaltzustellen. Er hat wohl recht, wenn er sagt, dass die meisten Linken „unterernährte Gestalten ohne Resilienz“ sind, die beim geringsten Widerstand zusammenklappen. Quod erat expectandum.
Dabei gilt zunächst, dass Denunziationen – und nichts anderes betreibt Herr Kolek – nur dann wirken, wenn sie über hegemoniale Rückendeckung verfügen. Das, was geäußert wurde, muss auch sozial geächtet werden, und was sozial geächtet wird, bestimmen eben „the powers that be“. Das ist bei der Causa Kirk, die Kositza und Kolek behandeln, ja nicht anders. Es ist kein Naturgesetz, dass wir Mordopfer nicht verhöhnen und derlei Verhalten sozial ächten. Der Blick in die Geschichte offenbart: Solche Tugenden sind eher die Ausnahme als die Regel. Allgemein ist die Menschheitsgeschichte eine Horrorstory – spärlich unterbrochen von Momenten des Übermenschlichen.
Die „gewissen Grundsätze“, auf die Herr Kolek etwas naiv verweist, sind also Überreste einer außergewöhnlichen kulturellen Hegemonie, die sich schon vor langer Zeit aufgelöst hat. Es war dies die Hegemonie des europäischen Adels, dessen Höflichkeit (wo kommt das Wort wohl her?) von der bürgerlichen Gesellschaft nur minderwertig kopiert wurde. Aber solange die Mehrheit der Menschen sich von dieser alten Abschrift noch beeindrucken lässt, solange werden Herrn Koleks Denunziationen noch wirken. Danach nicht mehr.
Denunziation als Mittel und Zweck
Diese Ausführungen sind wichtig, weil das „Doxxing von rechts“ einer pragmatischen Ethik unterliegt. Der Rechte befindet sich in einem Kampf – einem Kulturkampf, aber immerhin – mit Leuten, die nicht davor zurückschrecken, sein Leben zu ruinieren. Wo sich Chancen ergeben, ist es daher taktisch klug, die Methoden des Gegners gegen ihn zu verwenden. Nennt sich Waffengleichheit. Aber vom Prinzip her lehnt der Rechte diese Waffe ab. Sie wird ihm in die Hand gezwungen und er verspürt keine Genugtuung darin, sie zu benutzen. Es ist unter seiner Würde, jemanden zu denunzieren. Genauso gestaltet sich ja auch das Verhältnis des Rechten zur Waffengattung der Partei. Ihre Notwendigkeit missfällt uns. Diese Spannung muss man aushalten können.
Wo dieses Widerstreben fehlt, droht der Geist der Waffe den Geist des Waffenträgers zu verdrängen. Paradebeispiel Parlamentspatrioten. Und ähnlich scheint die Sache bei Herrn Kolek gelagert zu sein. Da gibt es kein Unbehagen bezüglich des Faktums, dass man nach allem Drehen und Wenden immer noch ein Denunziant ist. Stattdessen:
„Durch die Arbeit unseres #RedaktionsnetzwerkRechts stellen wir quasi den Urzustand wieder her, sodass Mitmenschen beurteilen können, ob sie solche Personen noch in ihrem Umfeld dulden wollen.“
Eine Mission also, ähnlich Rousseau, zum idealen Urzustand zurückzukehren. Wie der wohl aussieht? – „Früher war jede Äußerung, die gesellschaftliche Normen verließ, mit einem persönlichen Risiko verbunden.“ Und jetzt? – „Menschen, die keine Angst vor staatlicher Verfolgung haben müssen, agieren völlig hemmungslos […]. Sie fürchten aufgrund ihrer Anonymität nicht einmal den Ausschluss aus ihrer Gruppe.“ – Daraus folgt? – „Totale Anonymität im Internet schadet uns als Menschheit.“ Wird hier nicht ein Mittel zum Zweck? Joa. Der Kampf gegen die Anonymität verselbständigt sich zur Heilsmission.
Der Staat von morgen
Diese Stoßrichtung ist interessant, arbeiten einschlägige Akteure doch gerade auf das Ende der Anonymität im Netz hin. Der britische Online Safety Act macht’s vor. Alters- und Chatkontrolle hat die EU schon vorbereitet. Eine deutsche Expertenkommission soll sich mit weiterem befassen. Lautstärkster Befürworter dieser Entwicklung ist der Thüringer Ministerpräsident Mario Voigt, der in der Vergangenheit noch deutlich mehr gefordert hat: Smartphone- und Social-Media-Verbot für Jugendliche, Klarnamenpflicht, „verwirkbare Social-Media-Lizenzen“. Da geht die Reise hin. Im Namen der Demokratie und des Anstandes und des sozialen Friedens und denkt denn nicht mal einer an die Kinder?
Ach ja, der politische Enkeltrick. Wer da noch drauf reinfällt, ist selber schuld. Sicher, das Internet und alles, was damit verbunden ist – vor allem seine Nutzer – bergen große Gefahren, und zwar nicht nur für Kinder. Ich bin sogar der Ansicht, dass die meisten Argumente, die in diesem Kontext vorgebracht werden, die anthropologische Tragweite der Digitalisierung noch unterschätzen. Nur wird das Ende der Anonymität im Netz diese Probleme nicht lösen. Inceltum, parasoziales Verhalten, allgemeine Volksverdummung sowie Spiel- und Pornosucht haben tiefliegende und verschachtelte Ursachen, deren Lösung uns weit mehr abverlangen wird als Passkontrollen am PC. Aber darum geht es den Befürwortern dieser Maßnahmen ja auch gar nicht. Es geht um Kontrolle.
Zwar muss man zugeben, dass der Staat auch jetzt schon herausfinden kann, wer hinter „SchatziMausi89“ steckt. Aber das ist doch mit einigem Aufwand verbunden. Ein Ende der Anonymität im Netzt senkt diese Hemmschwelle, zumal die KI hier doch wunderbare Anwendungsmöglichkeiten bietet. Automatisches Erkennen „problematischer“ Inhalte, daraufhin Meldung an die hiesigen Stellen samt Entwurf für ein Anschreiben. Oder eine Anklageschrift. Und selbst wenn es bei einer „Gefährderansprache“ bleibt, kann man sich ausmalen, dass betroffene Konten zum Zwecke des „sozialen Friedens“ weitgehend eingeschränkt werden. Die „EU digital ID-Wallet“ (was ein furchtbarer Name) soll übrigens mit eurem Bankkonto gekoppelt werden. Ein Schelm, wer Böses denkt.
Die konservative Versuchung
Jetzt muss man Herrn Kolek durchaus zugutehalten, dass er diese staatliche Kontrolle ja ablehnt. Das ist dem Staat halt nur ziemlich egal. Der macht das dann einfach trotzdem. Vor diesem Hintergrund sind die oben zitierten Aussagen mindestens taktisch unklug. Aber es steckt doch mehr dahinter als Unvorsichtigkeit oder Naivität gegenüber der politischen Realität. Agitation wieder die Anonymität ist ein konservativer Dauerbrenner. Man echauffiert sich über „anonyme Trolle“, wirft ihnen Feigheit vor und fordert, dass man gefälligst für das, was man sagt auch mit Namen und Gesicht geradesteht. Herr Kolek, nennt das dann die „organische, normierende Gegenrede aus der Gesellschaft“.
Sehr nobel. Aber letztlich hat diese Einstellung eine ähnlich zerstörerische Wirkung auf unsere Zivilisation, wie Massenmigration und Deindustrialisierung. Sie bedeutet die Rückkehr zu einer historischen Norm, aus der sich das Abendland jahrhundertelang herauswinden musste. Denn der „Urzustand“ menschlicher Sozialordnung ist die totale Öffentlichkeit. Die Privatsphäre hingegen ist eine moderne Ausnahmeerscheinung. Für alle anderen Zeiten und Orte gilt: Das Geheimnis ist die Vorstufe zum Verbrechen. Denn warum sollte man etwas zu sagen haben, dass nicht alle Stammesmitglieder hören dürfen? Widersetzt man sich etwa gegen „gewisse Grundsätze der Gesellschaft“? Jetzt mal dahingestellt, wer diese Grundsätze bestimmt: Das ist Sklavenmoral vom Feinsten.
Das Ganze hat auch ein Geschmäckle, weil es damals wie heute vor allem darum geht, die Jugend gefügig zu machen. Die Jugend stellt die Institutionen einer Gesellschaft fast schon durch ihre bloße Anwesenheit infrage. Dazu kommt noch eine ordentliche Portion Ressentiment, da die tonangebenden Eliten meistens älter sind und der jugendlichen Lebenskraft gleichermaßen misstrauen, wie sie sie beneiden. So artet die Kontrolle der Jugend oft in eine regelrechte Lebensfeindlichkeit aus. Man kennt das von den Furien, die man heutzutage als Erzieherinnen, Lehrerinnen oder Personalerinnen vor die Nase gesetzt bekommt. Oder von rechten Influencern, die uns eine Karikatur protestantischer Arbeitsethik verkaufen wollen. Corona war auch ein lokaler Höhepunkt dieser Tendenz. Da wurde die formative Phase einer ganzen Generation dem Sicherheitsbedürfnis der Älteren und Schwächeren geopfert.
Die Realität der Virtualität
Dieser totalitäre Geist bricht sich jetzt erneut Bahn, wenn es um die Anonymität im Netz geht. Immerhin ist das Internet der Hort (fast) aller Jugendkultur. Das liegt nicht bloß an seiner Neuheit, sondern vor allem auch daran, dass es der Jugend eine Welt jenseits der lokalen Gemeinschaft eröffnet. Das fängt mit der Google-Recherche an und endet bei ausgeprägten Fandom- und Communitystrukturen. Wo soll es die denn sonst auch geben? Jeder andere Vektor jugendlicher Freizeit ist bereits vollständig institutionalisiert, von Politik und Kommerz gleichermaßen.
Sicher, das Internet ist heute kein Wilder Westen mehr. Die Kommerzialisierung des Netzes überflutet uns mit minderwertigem „Content“ vom linksliberalen Fließband. Doch neben, zwischen und unter all diesem Müll gibt es sie noch – die unabhängigen Künstler, die selbständigen Gruppen, die authentischen Interessen. Wo findet man sowas noch in der Außenwelt? Zwischen Migrantenvierteln, Antifa und dem deutschen Vereinswesen, dass von A bis Z durchpolitisiert wird? Selbst beim Waldgang sind die Wege beschildert. Da ist ein altes Imageboard dem Urwald durchaus näher.
Und auch wenn die Strukturen dieser Internetkultur virtuell sind, stellen sie eine soziale Realität dar, deren Wirkmacht man sich nicht entziehen kann. Ein Beispiel: Diesen Artikel von diesem Autor mit dieser Meinung in diesem Magazin von diesen Leuten für dieses Publikum konnte es so nur wegen der Online-Anonymität geben. Ich will die Leistungen von Autoren und Aktivisten, die unter Klarnamen agieren, nicht kleinreden. Aber ohne Anonymität, wären die sozialen Kosten politischer Beteiligung für viele Rechte so hoch, dass sie schlichtweg nicht am Diskurs teilnehmen würden. Fakten wären nicht verbreitet, Organisationen nicht gegründet, Theorien nicht geschmiedet worden.
Fazit
Der Angriff auf das Internet ist eine rechte Schicksalsfrage. Denn rechts zu sein bedeutet nicht, eine progressive Sklavenmoral durch eine konservative Sklavenmoral zu ersetzen. Beides ist Sklerose, beides ist abzulehnen, denn beides schadet dem Leben – vor allem dem Leben der Jugend. Jene Irrlichter in unserem Lager, die den Vorhaben von EU und Co. Vorschub leisten, opfern die Freiheit auf dem Altar des gutbürgerlichen Tons. In diesem Sinne sei daran erinnert: „Leben heißt kämpfen gegen das, was mich verneint.“ (Venner) In anderen Worten: Mach kaputt, was dich kaputt macht.








