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Stolznation Estland – eine Reiseempfehlung

Stefan Thöny von Stefan Thöny
15. Januar 2026
in Reisen
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Stolznation Estland – eine Reiseempfehlung
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„So where do locals go to celebrate New Years Eve?“
„Meh. Estonian people don’t like having fun.“

Der erste Austausch mit einer Estin um 3:00 Uhr morgens lässt uns kurz fragen, ob wir das richtige Land für einen Silvester-Trip ausgesucht haben. Allerdings sind die drei Estinnen entgegen der eigenen Einschätzung doch ganz gesprächig und lebensfroh. Womöglich handelt es sich aber auch um eine verzerrte Ressentimenteinschätzung, denn mit ihren Freundinnen unterhält sie sich zwischendurch immer wieder auf Russisch. Sie beharrt aber darauf, eine echte Estin zu sein.

Im Verlauf der nächsten Tage merken wir ausserdem, dass sie schon einen Punkt getroffen hat. Die Esten scheinen tatsächlich sozial allgemein kühl und distanziert zu sein. Weder Verkäufer noch andere Angestellte zeigen hier besonders gern ein Lächeln, Antworten auf Fragen beschränken sich auf die dafür exakt notwendige Wortzahl. Anders als in Südeuropa sieht man in den Strassen wenige Menschengruppen lachen oder sich laut unterhalten. Dieser Volkscharakter dürfte andererseits aber auch für die angenehm ruhigen Gassen der charmanten Altstadt von Tallinn verantwortlich sein. Obwohl mit einer knappen halben Million Einwohner gut ein Drittel der insgesamt 1,3 Millionen Esten in Tallinn lebt, hat die Stadt nichts vom Lärm, Stress und Dreck eines Ballungsraums.

Vom kleinen Flughafen Tallinn ist es gerade mal eine zehnminütige Fahrt bis in den Stadtkern hinein. Die modernen Gebäudekomplexe und Wolkenkratzer werden am Rand des Stadtkerns durch eine weitläufige Altstadt abgelöst. Die Gassen aus Kopfsteinpflaster sind lang genug, um eine gute Stunde nur durch die historische Stadt spazieren zu können. Die verwinkelten schmalen Straßen zwischen den Häusern mit ihren ansehnlichen Fassaden werden von Laternenlampen erleuchtet. Sie brechen fast immer dort ab, wo die Überbleibsel der mächtigen Stadtmauer stehen. Einige der intakten Wachtürme wurden in Wohnungen umgewandelt.


Was von außen sehr charmant wirkt, wird innen drin dann doch etwas mühsam. Wir haben uns im Hotel „Three Crowns Residents“ einquartiert. Der Riegelbau und der Mittelaltercharme können die beengten Platzverhältnisse aber nicht wettmachen. In meinem Zimmer können wir uns wenigstens zu zweit gleichzeitig bewegen. Im Zimmer unserer Kollegen muss sich wohl jedes Mal, wenn einer den Raum durchqueren möchte, der andere aufs Bett legen.

Auch die Gaststätte Olde Hansa hat sich dem Mittelalterflair verschrieben. Bei Kerzen und Kronleuchtern wird man von entsprechend gekleidetem Personal bedient und bekommt in Krügen und Tellern die passenden Gerichte serviert, bis hin zum Bärenfleisch. Der Bär schmeckt allerdings nicht besonders, und ich schreibe mir das fürs nächste Mal hinter die Ohren, wenn er wieder auf der Speisekarte steht.

Nicht nur das architektonische Stadtbild von Tallinn ist angenehm lokal und einheimisch, sondern auch die Bevölkerung. Abgesehen von einigen anderen Touristen ist von fremden Bevölkerungsgruppen kaum etwas zu sehen. Selbst der Verkäufer in einem lokalen Dönerladen, einer der wenigen, die wir überhaupt gesehen haben, trägt die Haare in einem langen Wikingerzopf.

Nationalstolz und Volksbewusstsein sind bei den Esten fest verankert. Das wird nicht nur durch die allerorts wehende Trikolore Blau, Schwarz, Weiß klargestellt, sondern auch durch ein riesiges eisernes Kreuz, das auf dem Hauptplatz in Tallinn steht und dem Kampf um die estnische Unabhängigkeit seit 1919 gewidmet ist. Für die Esten ist es das Freiheitskreuz.

Zu Neujahr kommen viele Finnen nach Tallinn, um zu feiern. Helsinki liegt nur circa 80 km auf der anderen Seite des Meeres und ist in zwei Stunden mit der Fähre zu erreichen. Für westeuropäische Besucher ein ungewohntes Bild, wenn zu Neujahr Tausende Esten und Finnen zur Musik der einheimischen Band Terminaator unter einem riesigen eisernen Kreuz feiern, während ein Feuerwerk dahinter den Nachthimmel erleuchtet.

Die Bilanz der intakten Hochvertrauensgesellschaft spricht für sich. Keine Eskalation, keine Schlägereien, keine Übergriffe. Selbst herumtorkelnde Trunkenbolde werden ohne Aggression gemanagt, und die feiernde Menge scheint kaum Polizei oder Sicherheitspersonal zu brauchen, um eine zivilisierte Stadtfeier zu gewährleisten. Öffentliches Trinken ist in Estland zwar verboten, aber die Polizei schaut grundsätzlich immer weg, solange sich jeder im Griff hat. Das bestätigt uns auch ein Este mit „Pro Patria“-Patch auf der Jacke, der mit seiner Tochter Silvester feiert. Das Gesetz sei hier mehr dazu da, um im Ernstfall direkt eingreifen zu können, aber die Polizei wolle hier auch niemandem aus Paragrafentreue den Spaß verderben. Das können wir bis zum Ende unseres Aufenthalts bestätigen.

Innerhalb des Stadtkerns ist Tallinn sehr fußläufig. In wenigen Minuten erreicht man Bars und Kneipen, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Eine Eigenart der estnischen Sprache ist, dass an viele Worte ein -i angehängt wird. Das Irish Pub wird zum „Iri Pubi“, die Kulturbar wird zum „Kulturklubi“, und Schilder von Nachtclubs mit einer kurvigen Frauensilhouette in Rot darauf werden zum „Ööklubi“.

Das Nachtleben ist überschaubar, aber in den Gewölben und Bars, wo es stattfindet, ist es doch unterhaltsam. Mit steigendem Alkoholkonsum werden auch die Esten und Finnen gesprächiger. Zwei Russen in einer Bar trinken so viel, bis es bodenlos wird. Sogar vom gegenüberliegenden Tisch kann man erkennen, dass sie mit den Cocktails und Champagnerflaschen gerade die Köpfe zusammenstecken, um einen Plan zu schmieden, die beiden Blondinen auf der anderen Seite anzusprechen. Die Anzahl an hochgewachsenen Männern und Frauen mit blonden Haare und blauen Augen ist hier so treffend wie klischeehaft. Das ganze Baltikum soll einen demografischen Frauenüberschuss haben. Als der dünnere Russe mit dem Champagner aufsteht und zum Angriff bläst, greift die eine Estin bereits ihre Jacke und Tasche. Der wankenden Kavalier schafft es aber irgendwie trotzdem, dass sie sitzen bleiben und er an ihrem Tisch Platz nehmen kann. Der andere Russe, muskulöser, glatzköpfig, weniger betrunken, schliesst die Zangenbewegung auf der anderen Seite des Tisches.

Ich spreche zwar nicht Russisch, aber kann das Geblabber des einen bis zu unserem Tisch hören. Da sich der Charmeur demnächst in einen kotzenden Kavalier verwandeln dürfte, steht die Estin auf und kommt kurz darauf mit ihrem Freund zurück. Der Glatzkopf auf der anderen Seite hatte mehr Erfolg. Ihre Freundin muss die andere Blondie regelrecht von seinen Lippen wegreissen.

„She is not interested!“

Doch es scheint dennoch zu laufen. Als wir eine Runde Shots in den Nationalfarben bestellen, haben wir leider genau zwei zu viel auf unserem Tisch. Genau zwei zu viel für die beiden Estinnen am Nebentisch. Einer von uns lehnt sich rüber. Das Manöver wird für ihn bis zum Morgen erfolgreich verlaufen.

Einen Herrenabend kann man direkt neben unserem Hotel in einem anderen Whisky-&amp-Zigarren-Club verbringen. Der ganze Komplex in der zweiten Etage wirkt unscheinbar, im Inneren befinden sich aber in verschiedenen Räumen mehrere Bars, eine davon ausschliesslich für Gin, eine weitere ausschliesslich für Whiskey.

Beim Eingang kann man Herrenmode kaufen, dahinter befindet sich ein Tisch zum pokern. Wir spielen ein paar Runden Billiard und verlegen uns dann mit ein paar Zigarren auf Empfehlung des Hauses in den Raucherraum zum Schach. Leider wird das der einzige Abend im Herrenclub gewesen sein. Für die weiteren Tage, an denen wir uns noch in Tallinn befinden, wird der Salon geschlossen sein.

Zu Silvester unterhalte ich mich mit einem Esten und einem Finnen, die beide ihre Gruppe verloren haben. Zu meiner eigenen Überraschung erfahre ich, dass sich die estnische und finnische Sprache sehr ähnlich seien, nicht wenige Worte seien sogar quasi identisch. Als ich dem am nächsten Morgen nachgehe, stelle ich fest, dass Estnisch tatsächlich eine finno-ugrische Sprache ist, die sehr eng mit Finnisch verwandt ist. Bei der geografischen Nähe eigentlich naheliegend. Estnisch unterscheidet sich damit stark von der lettischen und litauischen Sprache im Süden, die zu den indogermanischen Sprachen zählen.

Der Unterschied wird uns später in der lettischen Hauptstadt Riga an Schildern und Bezeichnungen von selbst auffallen, auch wenn die beiden gesprochenen Sprachen für unsere Ohren gleichermaßen unverständlich klingen. Eine Sache, die die Esten mit ihren Sprachverwandten im Norden und ihren Nachbarn im Süden jedenfalls verbindet, ist ihr Stolz auf die eigene Heimat und die einst errungene oder bis zum Äussersten verteidigte Unabhängigkeit ihres Landes.

Bei einem Tagesausflug nach Helsinki kaufe ich mir wegen der anhaltenden Kälte eine Fellmütze mit braunem Kord. Zu Hause nannten wir diese Kopfbedeckung immer eine Finnenmütze. Allerdings fallen uns bereits in Helsinki, später dann auch in Tallinn und insbesondere in Riga immer wieder böse Blicke und grimmiges Anstarren von Passanten in den Straßen auf. Von jungen Leuten bis hin zu alten Großmüttern. Als ich einige Esten und Letten im Nachtleben darauf anspreche, wird mir gesagt, dass diese Mütze ganz klar russisch sei und auch entsprechend wahrgenommen werde. Das scheint uns eine mögliche Erklärung zu sein, warum diese äusserst effektive Kopfbedeckung trotz des Windes und der Kälte von Einheimischen so gut wie nie getragen wird. Die Träger scheinen – auch hier musste ich mangels Sprachkenntnis oftmals raten – doch Angehörige der russischen Minderheit in den baltischen Staaten zu sein. In Estland sind das circa 20 % der Bevölkerung, in Lettland etwa 27 %.

Das Misstrauen gegenüber dem östlichen Nachbarn ist überaus präsent. Die Esten haben allerorts ihre Fahne gehisst, und Denkmäler für den estnischen Unabhängigkeitskampf sind überall zu finden. Vor allem der Ausbruch des Ukrainekriegs dürfte dies noch einmal deutlich verstärkt haben.

Außerhalb von Tallinn befindet sich ein großes Denkmal. Zuletzt war ich bei meinem ersten Besuch in Tallinn vor zehn Jahren dort. Ein langer und etwa zehn Meter hoher Korridor aus schwarzem Stein begrenzt das Denkmal auf der einen Seite. Auf der Innenseite sind die Namen von über 20.000 Esten eingraviert, die während der sowjetischen Besatzungszeit verschleppt und ermordet wurden. Bewegt man sich auf die Anhöhe daneben, sieht man gut hundertfünfzig Meter entfernt eine steinerne Tribüne mit einem 35 Meter hoch aufragenden Obelisken.

Als wir an den drei weißen Steinkreuzen vorbeigehen, die gemäß Inschrift den „Verteidigern der estnischen Abwehrschlacht 1944“ gewidmet sind, fällt mir auf, dass zwischen diesen Kreuzen und dem Obelisken etwas fehlt. Bei meinem letzten Besuch waren hier bei einer Wegkurve viele Steine mit Gedenkplatten in Erinnerung an sowjetische Truppen, Panzerbrigaden und Kampfverbände platziert. Die Sowjets hatten nach ihrem Sieg das gesamte Denkmal, das während des Krieges ein deutscher Soldatenfriedhof war, geschliffen und in ein eigenes Denkmal umgestaltet. Die roten Sterne und Gedenkplatten sind jedoch mitsamt den Steinen, auf denen sie befestigt waren, verschwunden. Die Anlage ist nun auch offiziell nur noch den „Verteidigern der estnischen Unabhängigkeit“ und den „Opfern des kommunistischen Terrorregimes“ gewidmet. Offenbar wurde die Anlage als Reaktion auf den Ukrainekrieg umgestaltet und erhielt eine neue Bedeutung.

Vom Monument aus hat man einen hervorragenden Blick auf die Silhouette der Küstenstadt Tallinn. Die Szenerie vermengt die modernen Wolkenkratzer mit den mittelalterlichen Türmen und Gebäuden der Altstadt, während die früh untergehende Nordsonne ihre letzten Strahlen über die Hausdächer schickt.

Zurück in der Stadt trinken wir einen Glöggi. Der Glühwein wärmt uns wieder etwas auf, nachdem uns der Küstenwind die Wärme aus den Knochen gepustet hat. Ich könnte mir trotz der Kälte gut vorstellen, noch einige Wochen in Tallinn zu bleiben, einfach weil mir hier fast alles gefällt. Meinen Reisegenossen scheint es gleich zu gehen.

Zum ersten mal überlege ich tatsächlich, so einen typischen Touristenpullover mit „I <3 Tallinn“ zu kaufen. Schlussendlich entscheide ich mich dann doch lieber für einen Estonie-Kaffeebecher und einen Teller mit einem skizzierten Altstadteingang drauf als Erinnerung für zu Hause. Estland ist definitiv ein Besuch wert.
„Ma tulen tagasi“ – ich komme wieder.

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Stefan Thöny

Stefan Thöny

Für die Schweiz. Für Europa.

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