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‚Show and tell‘ in der Lyrik – Rilkes Torso und Meyers Gespenster

Spartabube von Spartabube
3. Februar 2026
in Kultur, Literatur
0
‚Show and tell‘ in der Lyrik – Rilkes Torso und Meyers Gespenster
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Es gibt Dinge, die kann man nicht dozieren oder erklären. Man kann sie nur erleben, die Erschütterung am eigenen Leibe fühlen, und erst dann hat man sie wirklich verstanden. Erst dann begreift man die wahre Tiefe der Bedeutung. Vielleicht ist dieser Artikel daher sinnlos und überflüssig, glaubt doch der Autor selbst, seinen Inhalt nicht in Worte fassen zu können. Und doch sei der Versuch gewagt.

Ich werde dabei rein subjektiv meine persönlichen Eindrücke darstellen. Kein Kunstgenießer spart sich seine emotionale Reaktion auf Kunst auf, bis er 20 Analysen von Kunsttheoretikern gelesen hat, die ihm erklären, was er empfinden soll. Wie die Kunst auf den unvoreingenommenen Geist wirkt – das ist, worauf es ankommt.

Zwei Sonette

Manchmal braucht es wirklich nicht viel Text, um gute Gedanken auszubreiten. In diesem Artikel will ich zwei Gedichte gegenüberstellen:

Gespenster

Am Horizonte glomm des Abends Feuer;
Ich stieg, indes die Purpurglut verblich,
Zum Römerturm empor und lehnte mich
Randüber auf das dunkelnde Gemäuer –

Und sah, wie sich am Hange scheu und scheuer
Die Beerenleserin vorüberschlich.
Das arme Weibchen drückt‘ und duckte sich,
Und schlug ein Kreuz: ihr war es nicht geheuer …

Mich flog ein Lächeln an. Im Eppich[1] neben
Der Brüstung flüstert‘s: „Freund, in deinem Leben
Ist auch ein Ort, wo die Gespenster schweben!

Führt dich Erinn‘rung dem zerstörten Ort
Vorbei, du huschest noch geschwinder fort,
Als das von Graun gepackte Weibchen dort.“

 

Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Bei beiden Werken handelt es sich um klassische Petrarca Sonette, die „Gespenster“ von C.F. Meyer aus 1882, und Rilkes „Archaïscher Torso Apollos“ von 1908. Da beide Sonette sind, vergleichen wir hier keine Äpfel mit Birnen. Auf die Feinheiten der Form will ich auch gar nicht weiter eingehen, auch wenn Rilke eine etwas freiere bevorzugt. Den ästhetischen Grundvoraussetzungen, die ich an ein Gedicht stelle, genügen beide vollumfänglich. Erst der Inhalt wird wirklich interessant: Obwohl sie in der äußeren Form so ähnlich sind, könnten die Gedanken der Autoren beim Niederschreiben wohl kaum unterschiedlicher gewesen sein.

Vielschichtigkeit als Qualitätsmerkmal

Betrachten wir zuerst C.F. Meyers Gespenster als ein im weitesten Sinne klassisches Gedicht des 19. Jahrhunderts. In einfacher, fast schlichter Sprache kommen die Gespenster daher, und bis auf die Eingangsverse finde ich es auch nicht besonders bildstark.

Aber es stellt neben der Sonnenuntergangsatmosphäre sehr einfach die abergläubische Angst der Beerenleserin dem leichten Hochmut des lyrischen Ichs entgegen, dem dann aber eine Stimme aus dem Eppich zuflüstert, daß in seiner Erinnerung noch viel größere Angst vor Gespenstern vergraben liegt.

Man kann es so lesen, daß das Alter weiser ist und über Kindheitsängste hinauswächst. Oder das lyrische Ich steht für die Menschheit und ist durch Wissenschaft dem Aberglauben entwachsen, und blickt nun höhnisch von seinem Turm auf jene Völker hinab, die noch darin gefangen sind. Im kleineren Maßstab womöglich eine Kritik am Bildungsbürgertum, das sich als dem Bauernstand überlegen empfindet.

Interessant ist auch, daß im Gedicht gar nicht explizit gesagt wird, daß die Angst vor den Gespenstern beim lyrischen Ich überwunden wurde – daß der Ort jener Erinnerung also noch heute dieselben Ängste auslöst, ist eine zulässige Interpretation und würde die Möglichkeiten der Inhaltsanalyse auch auf ein Trauma ausdehnen können. Oder daß jeder in seiner Erinnerung Gespenster verborgen hat, an welchen er lieber nicht rühren möchte, und sich deshalb auch nicht über die Gespenster anderer mokieren sollte.

Das sind sehr unterschiedliche Interpretationen, die aber alle konkret aus dem Wortlaut des Textes begründbar sind. Ob Meyer auch nur eine davon genau so gedacht hat, kann ich nicht sagen. Dazu müßte man ihn selbst fragen, was aber nicht mehr möglich ist – wenn man ihn nicht als Gespenst zurückholt. Vielleicht wollte er auch nur ein kurzes, atmosphärisches Schauergedicht schreiben (was ich für eher unwahrscheinlich halte). Aber die von mir präsentierten Lesarten sind definitiv detailliert am Text begründbar, und das macht ihn wahrhaft vielschichtig, ohne in Beliebigkeit abzurutschen. Das ist ein deutliches und leicht erkennbares Merkmal hoher Kunst: Mehrere gedankliche Ebenen in einem Text zu verweben, erfordert hohes sprachliches Können.

„Show, don‘t tell“

Bei Rilkes Archaïschem Torso Apollos ist die Sache komplizierter. Tatsächlich wirkt das Sonett auf den ersten Blick gar nicht vielschichtig, vielmehr fast schon banal: Es beschreibt das Fragment einer Statue, und im letzten Vers steht plötzlich: „Du mußt dein Leben ändern.“ In seiner Sprache ist das Sonett virtuos, mit einem Zeilensprung in fast jedem Vers, ohne den natürlichen Satzbau auch nur einmal zu brechen. Doch trotz der Formvollendung und der wohl nicht zu übertreffenden sprachlichen Eleganz fällt eine inhaltliche Textinterpretation wie bei Meyers Gespenstern deutlich schwerer.

Aber einen Gedanken in Worten zu verdichten war wohl gar nicht Rilkes Absicht. Der Torso Apollos wirkt mehr wie ein Hammer, der den Leser ins Gesicht treffen soll. Was da im einzelnen steht, ist Rilke vielleicht sogar egal, solange der Leser nur diesen einen Schlag abbekommt. Denn so ist das ganze Gedicht aufgebaut: Aus der scheinbar rein ästhetischen, belanglosen Beschreibung einer Statue folgt im krassen Gegensatz der urplötzliche Aufruf, sein Leben zu ändern – der Leser ist wie vor den Kopf gestoßen.

Rilke macht deutlich, wie erschütternd Kunst auf den Betrachter wirken kann – als Archaïscher Torso Apollos, oder eben als ein Gedicht über denselben. Und er erzählt das nicht nur – er macht das vor. Das Gedicht lebt, was es berichtet. Es läßt genau diese Erschütterung den Leser durchleben, statt ihm nur davon zu erzählen. Man liest das Gedicht und denkt sich am Ende „WTF???“

Der Archaïsche Torso Apollos selbst ist Rilke vielleicht sogar gar nicht wichtig. Er hätte auch einen Baum genommen, wenn das seinen Zwecken dienlich gewesen wäre. Daß er den Gott der Dichtkunst wählte, ist eine gelungene interkulturelle Referenz, aber dieser hätte es meiner Meinung gar nicht bedurft.

Virtuos und inhaltslos?

Daß man den blendenden Bug der Brust und die „Mitte, die die Zeugung trug“ als die zeugende Kraft der Dichtkunst interpretieren kann; als eine Reflexion also über die Wirkung dieses Gedichts, vertieft Rilkes gedankliche Leistung und verfeinert das Werk. Er betreibt also keine reine Effekthascherei, wie man sie vielen modernen Künstlern unterstellen will.

Nichtsdestotrotz ist diese Meditation eher eine Spielerei; ein Bonus, wenn man so will, den Rilke noch zusätzlich anbietet, weil sein dichterischer Brunnen übervoll ist. Notwendig ist das nicht für die Wirkung des Gedichts nicht. Beim Lesen drängt sich eine Textanalyse auch nicht auf. Ich zumindest habe nicht über die Worte des Gedichts nachgedacht, sondern über die paradoxe Wirkung, die es auf mich hatte. In diesem Sinne ist die Bildsprache rein ornamental bzw. meta-ästhetisch zu betrachten: Das Gedicht selbst ist die Geschichte.

Meyer baut einen klaren narrativen Bogen, der eine schöne Bildergeschichte evoziert und instinktiv eine vielschichtige Analyse anbietet, aber eines schafft er nicht: Die suggerierten Ängste vor den Gespenstern wirklich im Leser auszulösen. Während man bei Rilke tatsächlich vor den Kopf gestoßen ist, kann man Meyer im besten Sinne wohlwollend zunicken. Aber man empfindet den Schauder, den das Gedicht ausdrücken will, nicht am eigenen Leibe. Nicht in dem Maße, daß man stundenlang darüber brütet, was einem hier widerfahren ist. Rilke schreibt eine völlig andere Form von Gedicht, obwohl beides Sonette sind.

Wer das nicht spürt, dem kann man es vermutlich nicht erklären. Allein: Bei Rilke geht es sicher nicht darum, wie toll die kaputte Statue anzusehen ist.

Was muß Kunst leisten?

Gute Kunst muß etwas im Betrachter auslösen. Das muß nicht einmal etwas Schönes sein – Tragödien wirken gerade deshalb so stark, weil man sich eigentlich ein anderes Ende wünscht.

Daß ich mir die Mühe mache, diese Rezension zu schreiben, beweist, daß beide Gedichte etwas von Bedeutung verkörpern, denn belanglose Kunst zieht ereignislos vorüber, statt den Leser zu beschäftigen. In gewissem Sinne ist dieser Artikel also treffender Beweis, daß Rilkes alles richtig gemacht hat, auch wenn ich an seinem Gedicht keine solche Freude hatte wie an den Gespenstern.

Denn der Archaïsche Torso Apollos, der sich so frech dem üblichen Verständnis entzieht, hat mich erst dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie dieses Gedicht zu verstehen ist. Daß es formal und sprachlich zur Spitzenklasse gehört, ist sofort offensichtlich – allein der Inhalt mag auf den ersten Blick nicht recht bedeutsam scheinen. Und das macht stutzig; regt zum Nachdenken an.

Frage des eigenen Zugangs

Welche Art von Kunst man bevorzugt, ist eine Frage der Persönlichkeit. Ich will auch gar keine Herangehensweise als besser bewerten, denn ständig nur Werke vom Kaliber des Archaïschen Torso Apollos zu lesen, wäre wohl zu viel des guten. Kunst darf auch narrativ und leicht zugänglich sein, gemacht, das Gemüt zu unterhalten, solange sie nicht in Banalitäten abgleitet. Leicht zu lesen, ästhetisch ansprechend und trotzdem von großer Wirkung – das wäre das größte aller Kunstwerke.

Denn letztlich geht Rilke mit dem Torso Apollos auch ein Risiko ein: Wer diese Erschütterung nicht empfindet, oder sich nicht dafür interessiert, der kann mit dem Gedicht nichts anfangen. Rilkes Bildsprache ist so abstrakt und symbolisch, daß man ihn als reine Textanalyse beliebig interpretieren kann. Da ist nichts, das man jenseits der Wirkung des Gedichts erschließen könnte. Solche Möglichkeiten erwecken dann leicht den Eindruck, der Dichter hätte selbst keine eindeutige Lesart im Kopf gehabt, als er es schrieb, und nur nette Wörter aneinandergereiht.

Im Bezug auf seelisches Wachstum ist Rilkes Werk wahrscheinlich sogar deutlich höherwertiger als Meyers. Doch ohne die Erschütterung ist die Beschreibung eines Baums – oder eines Archaïschen Torso Apollos – mitunter nicht mehr als das: Eine formvollendete Beschreibung eines schönen Dings.

 

Eine Sammlung von Spartabubes eigenen Sonetten findet ihr hier.

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"Wir verstehen es, warum eine so schwächliche Bildung die wahre Kunst haßt; denn sie fürchtet durch sie ihren Untergang." (Die Geburt der Tragödie, 20)

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