Die Geschichte des Buckelwals in der Ostsee hat etwas Faszinierendes. Ein Titan aus weiten Tiefen, ein friedlicher Riese aus fremden Gewässern, verirrt sich an die deutsche Ostseeküste und treibt dort seit Wochen in den flachen Fluten jenes dort beheimateten Volkes Tränen. Denn aus ferner, ungezähmter Welt ist der Wal gekommen, und hier an den Küsten des technologischen Fortschritts wird der Wal nun schließlich sterben.
Ergriffenheit und Empörung scheinen sich bei den Deutschen seit Wochen dabei abzuwechseln wie das ewige Spiel der Gezeiten. Nach der Ebbe kommt die Flut und nach dem Leben folgt schließlich der Tod. Es ist eine harte und unbarmherzige Realität in der sie sich wiederfinden, auch wenn der unaufhörliche Nachrichtenfluss von Krieg und Katastrophe sie doch längst so apathisch gegen die Tragik des Sterbens hätte machen müssen.
Zwischen Frust und Sensationsgeilheit
Nein, das Schicksal des Buckelwals scheint im Herzen der deutschen Seele einen ganz eigenen Platz eingenommen zu haben – wenngleich es noch eine ganz andere Frage ist, wie langfristig dieses Ereignis in den überladenen Hallen ihres Gedächtnisses widerhallen wird. Manch einer wird sagen, dass es nur ein weiteres Seufzen über die politische und strukturelle Inkompetenz dieses Landes war, die sich für viele in der Sache des verlorenen Meeressäugers zu akkumulieren und auszudrücken schien. Und andere könnten meinen, es sei erst die medial heraufbeschworene Sturmflut der Berichterstattung, die das Interesse an diesem Ereignis artifiziell in das Bewusstsein der Deutschen heraufbeschworen hat.
Ich denke, beide Annahmen sind nicht weit weg von der Wahrheit. Unsere Hofberichterstatter in ihren trockenen und geschützten Redaktionsstuben sind jedenfalls erleichtert, mal nicht vom alltäglichen Messermord oder Sozialbetrug irgendeines Drittweltlers berichten zu müssen. Und es ist ebenfalls einleuchtend, dass die Geschichte des desorientierten und verängstigten Wals in der Ostsee ein willkommener Vorwand ist, den Bürger weiter in das Narrativ des umweltzerstörenden Unmenschen zu verstricken, um ihn als veganen und besitzlosen Weltbürger in den globalen Kommunismus zu erziehen.
Andererseits hat die Wut derer, die das Geschehen in der Ostsee verfolgen und sich über die Inkompetenz der Beteiligten beschweren, ebenfalls ihre Berechtigung. Mal ganz davon abgesehen, dass es sich hier hauptsächlich um eine Projektion handelt, anhand der man seinen generellen Unmut über den spürbaren Verfall der deutschen Infrastrukturen zum Ausdruck bringt, lässt sich der Frust in naivem Halbwissen doch durchaus nachvollziehen: „Wieso in aller Welt“, fragt sich mancher, „ist es in Deutschland nicht möglich, einen gestrandeten und noch lebenden Wal zu retten?? Gerade wir sollten doch über die nötige Technologie und Expertise verfügen, einen solchen Kraftakt zu bewältigen!“
Einigkeit, Recht und Freiheit für die Wale
Es geht drunter und drüber, der Wal schwimmt sich frei… und steckt wieder fest. Es wird gebaggert und getaucht, bewässert und belauscht. Es ist ein buchstäbliches Wechselbad der Gefühle, doch am Ende ist sich der Deutsche, in dessen Gewässern sich der Wal aus fernen Meeren fand und sich zum Sterben verurteilte, seltsam einig und bis zuletzt in der Sache geeint: Der Buckelwal muss leben.
An diesem Punkt schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen zieht es mich selbstverständlich, und meiner deutschen Natur entsprechend, auf die Seite der kompromisslosen Lebenserhaltung und des Schutzes dieses friedlichen Tieres. Umweltschutz und Tierwohl sind meines Erachtens nach inhärente Wesenszüge des deutschen Charakters,- dafür braucht es keine Ökosozialisten oder Grünparteien. Außerdem freut es mich, wenn die Deutschen zusammenhalten und in solch seltenen Momenten so etwas wie eine Gemeinschaft bilden.
Doch das andere Herz flüstert mir etwas anderes. Es bröckelt etwas an solch spontanen Gemeinschaften und ihrer liebenswürdig anmutenden Fassade des „Tier-“ oder „Klimaschutzes“… Und egal unter welchen individuellen und sicherlich auch authentischen Beweggründen sich manche dieser Sachen leidenschaftlich hingeben, so gibt mir der kollektive Umgang mit diesen Themen ein eher bizarres und mittlerweile altbekanntes Gefühl:
Ein Volk, das nicht Volk sein darf, schmiedet sich in Abhängigkeit genau dieses Verlustes immer wieder einen trügerischen Ersatzkonsens, der sich unter der Orchestrierung fremder Interessen statt des eigenen Erhalts nun des diffusen Begriffs der „Artenvielfalt“ und des Erhalts einer noch weniger greifbaren Definition von Umwelt und Klima verschreibt.
Es ist der Anflug jenes sterilen Kontrolldrangs über die Natur, den man in ein selbst gemeißeltes Bild verfälschten Heldentums zu pressen versucht, um sich den Gesetzen der synthetischen Welt entsprechend als Retter über den Tod zu erheben – während man den eigenen Volkstod selbstaufopfernd in Kauf nimmt und die Selbstauflösung sogar befürwortet.
Das Klima, die Wale und „unsere Demokratie“ müssen leben, und wenn wir dabei sterben müssen!
Spiegelbild unserer Seele
Werfen wir unseren Blick zurück zum sanften Riesen, der schwach und ermüdet vor der Insel Poel auf der Sandbank liegt. Dort bietet sich uns nämlich ein Sinnbild, anhand dessen man einen Einblick in die Seele und den Volksgeist der ebenso ermüdeten Deutschen insinuieren darf.
Denn dort liegt es, dieses große kranke Ding, während irgendwelche untersetzten Minister ihre sinnlosen Phrasen in die Kameras dreschen und sich zu Arbeit unfähige Langzeitstudenten aus üppig ausgestatteten Umweltorganisationen über Nacht zu „Experten“ küren. Drüben an der Küste, an Land, versammelt sich ein trauriger Haufen Demonstranten von etwa vierzig Personen mit selbstgebastelten Pappschildern und gibt erschlagene Interviews an die Journaille des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der das Ereignis zum Hauptinteresse der Nation stilisiert.
Die Menschen sehen sichtlich mitgenommen aus… Sie halten fest am Leben dieses müden Tieres. Das Sterben dieses majestätischen Wesens aus ungezähmter Welt macht sie traurig. Ein Teil von ihnen weiß nämlich, dass ein kleines Bisschen dieses Wals auch in ihnen steckt. Und auch sie liegen auf der Sandbank, an den Küsten des technologischen und industriellen Fortschritts, umgeben von der Maschinerie, die sie am Leben zu halten im Stande ist, aber doch hilflos und sterbend zurücklassen muss.
Der Irrweg führte sie aus heimischen Tiefen an die weit entfernten und fremden Ufer „unserer Demokratie“…
War es das faustische Streben, das auch schon manchen Pinguin in die weite Ferne der arktischen Gebirge trieb? Muss der Marsch ins Unbekannte auch immer gleich Ausgang eines solch trostlosen Todesurteils sein? Eine Antwort darauf fällt mir schwer. Denn auch hier schlagen zwei Herzen in meiner Brust…
Wovon ich jedenfalls fest ausgehe ist, dass die Reise dieses faustischen Buckelwals – wie auch unsere – in den Buchten der BRD ihr Ende nehmen wird… Und wie der Wal muss auch die BRD schließlich sterben dürfen, damit Deutschland wieder leben kann.
Schlusswort
Es erscheint wie eine Laune des Schicksals, dass das Ereignis des sterbenden Buckelwals in der Ostsee ausgerechnet über Ostern seine letzten Stunden zu nehmen scheint. Jenes christliche Fest, das dem Tod gedenkt und die Wiedergeburt zelebriert. Eine Zeit, die den Winter hinter sich und den Frühling erblühen lässt.
Anfang, Ende, Neuanfang. Im Sinne dieses Prinzips und der österlichen Feierlichkeit wünsche ich mir für uns alle ein wenig Introspektion, auf dass wir zu verstehen beginnen, in uns selbst nicht bloß den zum Sterben Verurteilten zu sehen. Denn Tod ist nicht nur Ende, sondern transzendentaler Neubeginn. Das gilt für den Menschen genau so wie für das Volk.
Und zum Schluss wünsche ich selbstverständlich auch dem Buckelwal in der Ostsee, sollte er den Weg nicht mehr hinaus in die Heimat schaffen, seinen lang verdienten Frieden.








