Shakespeares Sonette sind unbestreitbar ein Meisterwerk der Weltliteratur. Es wird allein aufgrund der strengen Form und des Umfangs schwer, Werke zu finden, die man daneben stellen kann, ohne unfair zu werden. Sicher mag es auch kleinere Werke von hoher Eleganz geben, die gerade durch ihre Übersichtlichkeit stark nachhallen – etwa Rilkes Duineser Elegien, oder Elizabeth Barrett Brownings Sonette aus dem Portugiesischen –, aber allein aufgrund des Umfangs müssen sie im Vergleich zurückstehen: 154 Sonette sind einfach eine andere Liga als 44 Sonette, oder auch 10 Elegien.
Im Thymos-Literaturblog Schweifungen teilt unser Autor Spartabube von Zeit zu Zeit seine neuesten literarischen Begegnungen mit den großen und kleinen Meistern der Lyrik und das unvoreingenommen, direkt und höchst subjektiv.
Außer Homers Epen, Dantes göttlicher Komödie, Goethes Faust und vielleicht noch Petrarcas Canzoniere dürfte kaum ein literarisches Werk solch monumentale Ausmaßes haben, daß es auf Augenhöhe mit dem Sonettzyklus des Briten verglichen werden kann.
Aber sind Petrarcas Canzoniere sogar nochmal doppelt so lang, bildet Shakespeare eine deutlich breitere Themenvielfalt ab. Neben Verehrung und Vergöttlichung der Liebe kennt Shakespeare auch Vorwürfe, Beleidigungen, regelrechte Drohungen, kaum verhohlene Fleischeslust (Sonett 151), Dreiecksbeziehungen (Sonett 144), Neid und Rivalität (Sonett 79), wohlgemeinte Lügen (Sonett 138) und grundsätzlich eine psychologische Tiefe, die man schon aus seinen Dramen kennt, die aber vielen Autoren grundsätzlich mangelt.
Klare Leuchtfeuer der Genialität
In seinen 154 Sonetten gibt es klare Leuchtfeuer, welche den Zyklus erhellen, wie monumentale Säulen einen Wanderweg, auf dem man sonst nur Ortsschilder findet. Diese fallen vermutlich schon beim ersten Lesen auf, enthalten die wichtigsten Informationen zu den Personen, und fungieren deshalb als eine Art Gesicht des Zyklus. Sie heben sich deutlich ab von üblichen Gedichten und zeigen klar, daß hier jemand schreibt, der über Durchschnitt ist.
Eigentlich ist schon Sonett 1 ein Meisterwerk: Bildlich stark gesättigt, rät er hier jemandem, sich fortzupflanzen, um seine Schönheit weiterzugeben. Und das durchaus nicht aus eigennütziger Perspektive, sondern um der Welt diese Schönheit zu erhalten. Der Ton, der im Couplet von Sonett 3 fast schon in Verdammnis und Drohungen umschlägt, schwankt auch hier schon zwischen Verehrung, gutgemeinten Ratschlägen und Vorwürfen.
In Sonett 20 läßt er schließlich eine unzweideutige Bombe platzen, indem er offenbart, daß seine Gedichte und auch seine Liebe sich gar nicht an eine Frau richten, sondern an einen jungen Mann. Das offen auszusprechen war zumindest damals hochoriginell, geradezu unerhört, und auch wenn er eine sexuelle Vereinigung in Vers 12 explizit ausschließt, ist der Tonfall deutlich intimer als zwischen Freunden, oder einem Mentor und seinem Zögling. Auch die Differenzierung in äußerliche und charakterliche Eigenschaften ist realistisch vorgenommen und geht über ein plumpes „Ich breche mit der Tradition, indem ich für einen Mann dichte, der einfach nur aussieht wie eine Frau“ deutlich hinaus – das liest sich durchaus authentisch in seinen psychologischen Facetten.
Sonett 130 geht über zur Dark Lady und schildert, nach dem reinen, platonischen Liebesverhältnis zur Fair Youth, ein realistisches, fast schon antiidealisiertes, abgründiges Bild von Liebe. Shakespeare stellt seine Angebetete als potthäßlich dar – und bekennt sich trotzdem dazu, daß sein Herz wider aller Vernunft an dieser einen Frau hängt, und sie bei allen Schwächen die beste für ihn ist. (Was Petrarca gedichtet hätte, hätte Laura so ausgesehen, wäre interessant zu wissen. Zugegeben hätte er es wohl kaum, und womöglich hätte es die Canzoniere gar nicht gegeben.)
Die Sonette 135 und 136 kann man durch die sexuellen Anspielungen vulgär finden, aber die vielfältigen Wortspiele, die nicht zufällig auch den Namen des Autors einbeziehen, sind im mindestens originell. Sie stechen auf jeden Fall hervor – ob positiv oder negativ, hängt dann wohl vom Geschmack des Lesers ab.
Niemand ist unfehlbar
Die vielfältige Perspektive und auch die Unerhörtheiten, die in Shakespeares Sonette einfließen, sorgen allein thematisch für ein herausragendes Werk; die Sprache tut dann ihr übriges, die Leser zu begeistern. Sicher wird die Dunkelheit, die über dem biographischen Hintergrund liegt, ein weiteres hinzutun, für Faszination zu sorgen. Aber auch wenn das streng genommen kein Teil literarischer Qualität, sondern eher Marketing ist, ist das für die Rezeption ein Teil der Gleichung: Rätsel und Mythos machen das Leben erst wirklich interessant.
Aber es wäre irrig zu glauben, daß jedes einzelne Sonett dieses Zyklus zum Gipfel der Weltliteratur gehört. Die Qualität variiert, und neben diesen Leuchtfeuern gibt es wesensgemäß auch sehr viel Durchschnitt (Durchschnitt auf Shakespeare-Niveau), und freilich auch das untere Ende der Normalverteilung. Sicher sind auch Shakespeares schwächere Sonette noch von hoher Qualität, allein schon wegen der Formbeherrschung, wenn doch viele Dichter schon an einem sauberen Metrum scheitern. Auch der Inhalt erscheint mir nie plump, leer, oder gar unsinnig.
Autor und Mensch
Aber zu glauben, ein Mensch könne ununterbrochen Weltspitzensonette abliefern, grenzt an Ignoranz. Ich wette: Man findet bei absolut jedem Dichter einen Vers, den man hätte besser formulieren können, so gewissenhaft und talentiert der Dichter auch sein mag. Denn letztlich ist jeder Dichter ein Mensch mit beschränkten Gehirnkapazitäten, die schlichtweg nicht alles berücksichtigen können. Sicher wird die Zahl an Versen, die man mit Zustimmung der Allgemeinheit umschreiben könnte, mit zunehmender Kompetenz des Dichters immer seltener.
Bei einem Dilettanten sind es so viele, daß sich das Umschreiben gar nicht mehr lohnt; bei echter Größe tut man sich schwer, überhaupt einen zu finden. Aber daß die Zahl exakt Null sein soll, ist blinde Anbetung historischer Größen und ganz sicher keine Wertschätzung des Dichters – denn es ist komplett ausgeschlossen, daß der Dichter jemandem mit jedem Vers das Wort aus dem Mund nimmt und aus tiefster Seele spricht. Das wäre eine Konstellation, die statistisch so unwahrscheinlich ist, daß sie praktisch nicht vorkommen dürfte. Wer deshalb nichts findet, das ihm nicht irgendwo auch mißfällt; das man aus seiner Sicht vielleicht besser hätte formulieren können, der hat den Dichter gar nicht richtig gelesen.
Die schwächeren Werke
Shakespeares Sonette ergeben als Einheit ein Werk von Weltrang, aber es befinden sich durchaus einzelne Werke darunter, die im Literaturkanon eher solide zweite Reihe wären, als erste, oder gar Weltklasse. Sie fallen nicht durch unmittelbare Genialität auf, wie es manch andere Gedichte seines Zyklus tun.
Sonett 91 finde ich beispielsweise weder originell, noch besonders sprachgewaltig, bildstark oder gedanklich tief. Im Grunde sagt er nur: „Andere rühmen sich für das und das – mir ist meine Liebe mehr wert.“ Das ist nicht schlecht, aber mir kommt das, neben der Vergöttlichung der Liebe, wie die naheliegendste Form der Wertschätzung vor, die man formulieren kann: Die Feststellung, daß die Liebe einem mehr wert ist als alles andere. Und dazu bringt man dann eben Beispiele.
Shakespeare nennt einen ganzen Katalog von Dingen, derer sich andere rühmen, die in dieser Reihenfolge und Form aber nicht zwingend sind. Schönheit, derer sich viele rühmen, welche sie haben, wird beispielsweise nicht genannt. Zu allem Überfluß wiederholt er diesen Katalog im dritten Quartett sogar noch einmal, was im Kontext dieses Sonetts zwar nicht komplett redundant ist, aber die gedankliche Tiefe allein aufgrund der Wiederholung verflachen muß.
Im Couplet bringt er dann eine unvorhergesehene Drehung, indem er feststellt, daß ihn der Wert seiner Liebe trotzdem arm hält, weil der geliebte Mensch sie ihm jederzeit entziehen kann. Das ist ein psychologisch subtiles Bekenntnis zur eigenen Verletzlichkeit, die sich ergibt, wenn man sich jemandem derart verschreibt – aber nicht originell auf Weltklasseniveau. Die Verse davor wirken auf mich indes eher wie Standard.
Auch die Sonette 50 und 51, die von abstrakten Themen und Dynamiken hin zu einer sehr konkreten, alltäglichen Situation gehen, sind sicher nicht schlecht und handwerklich einwandfrei, bieten sogar eine zusätzliche Perspektive, die den Zyklus um eine Facette erweitert. Streichen sollte man sie auf keinen Fall. Aber sie sind nichts, das für sich genommen aus der breiten Sonettlyrik von Petrarca bis Rilke wirklich hervorsticht und einen aufhorchen läßt. Auch sie wirken auf mich eher wie gute Handwerkskunst als wie ein revolutionärer Geniestreich.
Normalverteilt wie alles in der Natur
Während man die Höhepunkte des Zyklus wohl recht leicht definieren kann, ist die Auswahl der schwächeren Sonette, und insbesondere wie schwach diese sind, natürlich deutlich schwieriger. Durchschnitt zeichnet sich gerade dadurch aus, daß er nicht auffällt; weder positiv noch negativ. Jene, die ich angeführt habe, müssen mir also aufgefallen sein, da ich sie sonst nicht angeführt hätte.
Eine weitere Gefahr ist, daß man, je länger man sich mit etwas beschäftigt, immer neue Facetten daran entdeckt – ein Sonett, das einem zunächst gar nichts gab, mag nach ausführlicher Meditation darüber als Meisterwerk erscheinen. Denn da Shakespeare keine groben Schnitzer macht, die unmöglich schönzureden sind, ist es tatsächlich kein leichtes Unterfangen, Sonette zu finden, die auch nach ausführlicher Analyse noch wie Durchschnitt wirken. Am Ende muß die Gedichte also jeder für sich selbst lesen und entscheiden, welche besonders stark auf ihn wirken, und für welche er nur ein anerkennendes Nicken übrig hat.
Aber ich denke, man kann sich durchaus darauf einigen, daß 50, 51 und 91 nicht jene Leuchtfeuer sind, die man in den Sonetten 20 und 130 findet. 154 Sonette wie 50, 51 und 91 wären immer noch sehr solide, wären aber wohl nicht so stark, wie es der reale Zyklus in seiner Gesamtheit und Vielschichtigkeit ist.
Deswegen ist Shakespeare nicht schlecht; im Gegenteil: Erst wenn man anerkennt, daß auch er ein Mensch mit Schwächen war, kann man ihn als Dichter wirklich wertschätzen. Und zwar trotz dieser Schwächen, über die man als dankbarer Leser hinwegsieht angesichts seiner überragenden Stärken.








