Nachdem ich bereits über den Stil von Shakespeare, Barrett-Browning, Georg Trakl und Gottfried Benn referiert habe, will ich diese Analyse noch vertiefen, indem ich einen weiteren Dichter vorstelle, der wiederum eine andere Handschrift zeichnet. Seine Bilder sind nicht länger Diamanten im goldenen Geschmeide des Gedichts, wie sie es bei Shakespeare und Browning sind – sein Gedicht ist ein einziger Diamant im Brillantschliff. Die Rede ist von Stefan George, und konkret rede ich heute von seiner Sammlung „Der Teppich des Lebens“.
Virtuose Form
So unterschiedlich sie sind: Ich könnte Georges Eleganz nur mit Hölderlin vergleichen.
Hölderlin ist ein Meister des ruhigen, frei fließenden Hymnos, und der einzige, bei dem ich gebrochene Form nicht als störend empfinde. George ergänzt diesen Hymnos durch eine streng durchkomponierte Form: Wo Hölderlin weich und erhaben dahintreibt, ist George zum Obsidian auskristallisiert.
Der Teppich des Lebens ist dreigeteilt, mit je 24 Gedichten pro Teil. Jedes Gedicht besteht aus vier Quartetten; viele im fünfhebigen Jambus. Sie sind in einer, wie ich finde, nicht manierierten, nicht überladenen, nicht effekthascherischen, und doch originellen Sprache abgefaßt. George schafft es, ganz alltägliche Begriffe ständig so neu anzuordnen, daß sich völlig neue Blickfelder erschließen. Einzig die eigenwillige, elliptische Interpunktion und George-übliche Kleinschreibung erschweren bisweilen das Nachvollziehen der Syntax. Nichtsdestotrotz zeigt George, was die deutsche Sprache kann, wenn man sie bis ans Äußerste treibt.
Wo Hölderlin das schlichte Gewand eines Propheten kleidet, der auf grünem Hügel den Menschen frei von der Brust redet, was sein Daimon ihm eingibt, und bei aller Größe dennoch menschlich greifbar bleibt, trägt George den Goldbrokat des Papstes und verkündet von den Türmen seines Palastes das goldgegossene Wort seines Katechismus.
Georges Reime sind oft hochoriginell und bewußt gewählt; von banal kann bei ihm keine Rede sein. Ein paar Beispiele: „Buhle – Fürstenstuhle“, „Seelen – Paneelen“, „Tempeldielen – Zielen“, „Pagode – Tode“, „entstieben – lieben“. Die meisten davon sind Worte, die kaum jemand auf dem Schirm hat, oder auch nur kennt.
Das Gedicht Tag-Gesang III ist komplett in gespaltenen Reimen gereimt – in der seltensten und schwersten Reimform überhaupt also. Das ist Wortartistik auf höchstem Niveau.
Eine Kontrastfolie
Ein paar Feinheiten sind mir trotzdem aufgefallen:
Ab und zu fängt er einen Vers trochäisch an, z.B. im Vorspiel XXIV, Vers 7, Blumen.
Ab und zu paßt die Sprachmelodik nicht perfekt. Im Vorspiel, XIII, Vers 2, „sonnigem“ ist die Hebung zwar korrekt, aber die Sprachmelodik paßt aufgrund der Silbenlänge nicht ganz zum Rest; die Silbe ist zu kurz.
Oder Vorspiel, XIX, Vers 2, „Suchende“ – das Schluß-e ist ein knapper, harter Auslaut, während man aus melodischen Gründen einen weichen, langgezogenen bräuchte.
Das beeinträchtigt Lektüre aber nicht, ist extrem selten, und soll daher nur als Anmerkung dienen, daß auch George nicht perfekt ist. Ich bin mir bei seiner Sprachgewalt ziemlich sicher, daß ihm diese minimalen melodischen Abweichungen klar waren; daß er sie aber für ausreichend befand, oder sich klar war, daß die meisten Leser es ohnehin nicht merken würden. Letztlich kann auch George die deutsche Sprache nicht beliebig nutzen, und gewisse Dinge gibt sie einfach nicht her.
Auffällig waren ferner die ungereimten Gedichte, und an ihnen merkt man deutlich, wie wichtig der Reim für die Melodik und einen harmonischen Versschluß ist: Die Melodie war für mich zerstört, kaum daß der erste Reim gefehlt hat. Der Vortrag ist dann nicht länger melodisch, sondern deklamatorisch wie im Drama. Tatsächlich wirkt die strenge metrische Form ohne Reime eher einengend als sangbar, und vielleicht hat Hölderlin deswegen gleich völlig auf jede Form verzichtet und sich für unbekümmertes Dahinfließen entschieden.
Diese vereinzelten Einsprengsel haben im Kontext des Gesamtwerks jedoch sogar etwas Positives für sich: Sie fungieren als reflexive Kontrastfolie zur Realität. Man liest vor sich hin, stutzt beim ersten Gedicht ohne Reim, dann folgen ein paar dieser Sorte; man erwacht, reflektiert; und dann geht es weiter mit gereimten Gedichten, und man fällt wieder in seine wonniglich meditative Trance. Ich kann nicht beurteilen, ob George das absichtlich so gemacht hat, aber die Menge der ungereimten Werke war gerade richtig dosiert, um diesen Effekt zu erzielen, weshalb ich sie nicht als störend empfunden habe.
Ein Orgelwerk in Worten
Wo ich bei George nun aber nicht ganz sicher bin: Hat der Mann auch Inhalte, oder geht es nur um Ästhetik? Die Gedichte sind schön, aber ich könnte auch nach dem Lesen nicht recht sagen, worum es gegangen ist. Bei Shakespeare, Trakl oder Goethe weiß man sehr gut, was man gelesen hat. Trakl mag nun zwar ebenfalls keine Philosophie auseinandersetzen, aber Wendungen wie „Im Park erblicken zitternd sich Geschwister“ (Traum des Bösen) bleiben hängen.
Auch Hölderlin evoziert bei allem erhabenen Dahintreiben einen sehr konkreten Eindruck, worum sich seine Hymnen drehen. „Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.“ (Hälfte des Lebens) – Das ist stark.
Bei George ist mir trotz der kristallklaren Ästhetik nicht ein einziger solcher Satz aufgefallen. Es ist ein Schweben im Rausch der Erhabenheit, aber trotz ihrer Eleganz sind kaum Bilder enthalten, die wirklich hängenbleiben. Die einzelnen Gedichte sind wie goldene Fäden eines Gesamtkunstwerkes, welches den Leser erst als verwobene Einheit in höchste Sphären trägt – sie sind der Teppich des Lebens.
Georges Lyrik ist kein Gespräch mit dem Beichtvater, sondern eine hochritualisierte Messe: Ähnlich wie bei Rilke geht es hier nicht um Argumente und Diskussion, sondern um einen Wechsel der Bewußtseinsebene. Doch wo Rilke mit dem Hammer zuschlägt, will George die Ekstase eines liturgischen Gesangs beschwören. Seine Lyrik soll in eine abgekapselte Sphäre entführen, die rein ästhetischen Prinzipien unterliegt, und sich von menschlichem Sein und Wollen nicht länger berühren läßt. George will dem Leser nichts von seinem Kult mitteilen, sondern ihn unmittelbar an dessen Ritual – der Huldigung der Schönheit – teilhaben lassen. Diese Vorführung ist überzeugender, als tausend Versprechungen, wie cool sein Klub ist. Und sie gelingt durchaus, wenn man diese Schönheit zu schätzen weiß. In gewisser Weise teilt sich George also durchaus mit, wenngleich auf völlig andere Art als es gewöhnlich geschieht.
Deshalb kann ich ihm die seltsam indifferente Gedankenführung nachsehen. Man kann sich ja auch nicht an jede Note einer Fuge erinnern: Der Gesamteindruck ist der Inhalt. Georges Lyrik ist zu gebrauchen wie ein Orgelwerk in Worten statt in Noten: Als ein Ausdrucksmedium von Emotionen, nicht von Gedankentiefe. Und mit dieser Einstellung wird der Teppich des Lebens als rein ästhetisches Vergnügen auch ein wahrer Genuß.








