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Wehrhafte Mäuse in einer harten, kriegerischen Welt – Retter von Redwall (1999)

Ben Gumper von Ben Gumper
1. Oktober 2026
in Film
0
Wehrhafte Mäuse in einer harten, kriegerischen Welt – Retter von Redwall (1999)
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Das Mittelalter. Für die einen ist es ein romantischer Ort voller heldenhafter Ritter, die böse Drachen erschlagen und Burgfräulein retten. Unvergessen sind die Geschichten von König Artus, Siegfried dem Drachentöter, Dietrich von Bern oder König Roland.

Für die anderen ist das Mittelalter eher so, wie es Saruman in Der Herr der Ringe beschreibt:

„… eine strohgedeckte Scheune, wo Straßenräuber in stinkendem Rauch trinken und ihre Sprösslinge sich zusammen mit Hunden auf dem Fußboden wälzen …“

Das Mittelalter wird in den Medien also gerne entweder romantisiert oder kritisiert.

Heutzutage kommt noch etwas anderes hinzu: Das mittelalterliche Rittertum wird denunziert, weichgespült und entmannt. Ritter werden zu Waschlappen, böse Drachen zu missverstandenen Wesen und Prinzessinnen zu Girlbosses. Gleichzeitig werden Bösewichte oftmals zu dümmlichen, tollpatschigen Witzfiguren degradiert, die für die Helden kaum noch eine ernsthafte Bedrohung darstellen. Gerade durch Disney hat sich diese Unsitte bereits seit den 90er-Jahren etabliert.

Zum Glück gab es jedoch zahlreiche, vor allem europäische Produktionen, die dieser amerikanischen Unsitte trotzten und Geschichten erzählten, in denen mittelalterliches Heldentum, die Verteidigung der Heimat und klassische Tugenden noch ernst genommen wurden.

All das findet man auch in der Serie Redwall. Sie zeigt, dass Heldentum nichts ist, was einem einfach in den Schoß fällt. Man muss es sich verdienen.

Keine Verharmlosung des Mittelalters

Schon die erste Folge von Redwall zeigt, wie hart und kurz das Leben in einer mittelalterlich geprägten Welt sein kann. In einer Rückblende erfahren wir die Lebensgeschichte des Protagonisten Matthias, einer „Klostermaus“.

Als Sohn einer armen Bauernfamilie erlebt er, wie sein Dorf eines Tages von einer Räuberbande überfallen wird. Angeführt wird sie von Cluny der Geißel, dem Antagonisten der ersten Staffel. Nur Matthias und seine große Schwester kommen durch Glück mit dem Leben davon. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur Abtei Redwall, wo sie hoffen, ein neues Leben beginnen zu können.

Den ganzen Winter über ziehen die beiden durchs Land. Als sie schließlich die Mauern von Redwall erreichen, bricht Matthias’ Schwester, die ihn einen Großteil des Weges getragen hat, vor Erschöpfung tot zusammen. Matthias wird daraufhin in die Abtei aufgenommen.

Besonders fasziniert ist er von ihrer Geschichte und ihrem legendären Gründer: Martin dem Krieger. Praktisch eine Mäuseversion des heiligen Georg.

Martin war einst ein legendärer Held und Ritter, der sich dem Schutz der Schwachen verschrieben hatte. Er zog gegen Tyrannen und Kriegsherren zu Felde und gründete schließlich die Abtei Redwall, die fortan ein Ort sein sollte, an dem Schwache und Schutzlose Zuflucht finden konnten. Dementsprechend ist Redwall, wie der Name bereits andeutet, beinahe wie eine Burg errichtet worden und verfügt sogar über eigene Verteidigungsanlagen.

Denn auch wenn sich ihre Bewohner, insbesondere die Klosterbrüder, dem Frieden und dem Schutz anderer verpflichtet haben, sind sie keine Narren. Sowohl in der Fernsehserie als auch in den Romanen wird immer wieder erwähnt, dass die Abtei regelmäßig zum Ziel von Räubern, Plünderern und Kriegsherren wird, die Redwall einnehmen und als Festung für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen.

Genau das plant auch der Antagonist des ersten Buches: Cluny die Geißel.

Ein herausragender Bösewicht

Der Autor Brian Jacques erklärte in einem Interview, dass er es verabscheute, wie Schurken in modernen Geschichten entweder „humanisiert“ oder schlicht als Idioten dargestellt werden. Deshalb schrieb er seine Bösewichte als erbarmungslose Schurken, die weder eine „traumatische“ Vergangenheit noch irgendwelche erlösenden Charakterzüge benötigen.

Ähnliches findet man bei Tolkiens ursprünglicher Darstellung der Orks und später auch bei den Dämonen in der Mangareihe Frieren – Nach dem Ende der Reise.

Jacques’ Schurken sind nicht böse, weil sie eine tragische Vergangenheit hatten oder weil die Gesellschaft sie in diese Rolle gedrängt hat. Sie sind böse, weil es ihrer Natur entspricht. Punkt.

Gut und Böse in der Tierwelt

Das spiegelt sich auch in der Tierwelt von Redwall wider. Die guten Figuren sind hauptsächlich Mäuse, Hasen, Maulwürfe, Eichhörnchen, Otter und ähnliche Tiere – niedliche Tiere eben. Die bösen Figuren sind dagegen häufig Ratten, Frettchen, Füchse, Krähen, Wiesel und andere eher furchterregend wirkende Tiere.

Daneben gibt es „neutrale“ Tierarten wie Dachse, Katzen oder verschiedene Vögel, deren Vertreter sowohl gut als auch böse sein können. Ein Grund, warum Jacques’ Geschichten von Linken teilweise so kritisch gesehen werden, ist gerade diese „Rasseneinordnung“, bei der der Autor stellenweise sogar noch einen Schritt weitergeht.

So zeigt die zweite Staffel beispielsweise, dass eine Ratte immer eine Ratte bleiben wird – selbst wenn sie als Säugling von den „Guten“ aufgenommen wird, unter ihrer Obhut aufwächst und von der Gemeinschaft akzeptiert wird. Am Ende wird sie dennoch wie eine Ratte handeln.

Doch gerade diese kompromisslose Herangehensweise erlaubt es Jacques, so wirkungsvolle Bösewichte zu schreiben wie den bereits erwähnten Cluny die Geißel.

Ein genialer Gegner

Cluny ist der Anführer einer großen Plündererhorde und plant, die Abtei Redwall zu erobern und zu seiner eigenen Festung zu machen. Von dort aus will er seine Macht aufbauen und festigen, um schließlich als Kriegsherr über die umliegenden Ländereien zu herrschen.

Dabei erweist sich Cluny als gefährlich intelligenter Gegner. Er handelt nicht nur brutal, sondern plant überraschend weitsichtig. Man könnte sich beispielsweise fragen, warum er Redwall nicht einfach niederbrennen und plündern lässt, anstatt sich auf eine langwierige Belagerung einzulassen. Die Antwort ist einfach: Weil er die Abtei „intakt“ einnehmen will.

Aus demselben Grund zwingt er seine Ratten und Kämpfer sogar dazu, die umliegenden Gehöfte nicht wahllos zu plündern. Schließlich wird er deren Erzeugnisse später zur Versorgung seines zukünftigen Herrschaftsgebiets brauchen.

Wie raffiniert Cluny tatsächlich vorgeht, zeigt sich besonders in der Folge „Der Verräter“, in der er praktisch mitten in einer Kindersendung einen perfekten Mord begeht.

[Das ist übrigens auch meine Lieblingsfolge. Ich stelle mir dabei immer vor, wie die Moderatorstimme aus „Die Sendung mit der Maus“ anschließend erklärt: „So, liebe Kinder, und so seht ihr, wie man einen perfekten Mord plant.“]

Eine wahre Heldenreise zur Rettung von Heimat und Familie

Ebenso sehenswert ist die Entwicklung, die Matthias im Laufe der Serie durchmacht. Zu Beginn ist er noch eine verängstigte Kirchenmaus. Doch inspiriert von der Geschichte Martins des Kriegers und angeleitet von seinem Adoptivvater sowie den anderen Mönchen entwickelt er sich nach und nach zu einer Leitfigur für die Verteidiger der Abtei.

Dabei begibt er sich praktisch auf eine Bethesda-Quest. Er muss die verschollene Ausrüstung Martins finden: seinen Schild, sein Schwert und seine Rüstung.

Doch dabei geht es um wesentlich mehr als um die bloße Suche nach alten Reliquien. Je tiefer Matthias in die Geheimnisse der Abtei eindringt, desto stärker folgt er demselben Pfad, den einst Martin der Krieger beschritten hat.

Denn reine Stärke, die nur um ihrer selbst willen angestrebt wird, besitzt keinen Wert. Würde Matthias lediglich nach Macht suchen, könnte er am Ende genauso werden wie Cluny. Heldentum besteht deshalb nicht nur darin, stark zu sein, sondern darin, zu wissen, wofür man seine Stärke einsetzt.

Echte Mittelalterästhetik in Kunst und Musik

Eine weitere Sache, die ich an Redwall wirklich hervorragend finde, ist die Animationsqualität in Verbindung mit dem Soundtrack. Gerade die Eröffnungsmusik ist stark von mittelalterlichen und christlichen Motiven geprägt, wie man sie in einer solchen Serie nur selten hört.

Besonders faszinierend ist außerdem, dass Redwall fast vollständig ohne den üblichen Mittelalter-Fantasy-Kram auskommt: keine Elfen, keine Feen, keine Trolle, keine Magie und auch sonst kein Hexereifirlefanz.

Das einzig wirklich Übernatürliche sind die Erscheinungen Martins des Kriegers, die sich Matthias immer wieder zeigen – häufig in Verbindung mit Flammen. Dadurch wirkt die Welt trotz ihrer sprechenden Tiere überraschend bodenständig.

Auch die weiteren Staffeln sind sehenswert

Das Wunderbare an der Serie ist außerdem, dass die Geschichte nicht einfach mit dem Happy End der ersten Staffel endet. Sie wird konsequent weitererzählt.

In der zweiten Staffel taucht ein neuer Feind auf, der Matthias’ Sohn zusammen mit weiteren Kindern aus Redwall entführt. Daraufhin macht sich Matthias gemeinsam mit einer Gruppe von Vätern auf den Weg, um ihre Kinder zurückzuholen.

Die dritte Staffel geht schließlich noch weiter in die Vergangenheit und erzählt die Geschichte Martins des Kriegers selbst. Und diese würde ich tatsächlich als eine der brutalsten Geschichten bezeichnen, die ich je in einer Kinderserie gesehen habe.

Perfekt für Freunde des Hamsterlands

Wer schon länger Fan des Verlags Hydra Comics ist, kennt vielleicht die Kindercomicgeschichte Legenden aus Hamsterland von einem ukrainischen Comickünstlerteam. Darin begleiten wir eine Gruppe von „Kiewer-Rus“-Hamstern, die sich auf die Suche nach ihrem Fürsten machen und dabei auf eine Bedrohung für ihr Reich stoßen.

Für mich ist das die perfekte Begleitlektüre zu Redwall. Vor allem die Bücher kann ich wirklich empfehlen, denn sie werden meiner Meinung nach bis heute sträflich unterschätzt.

Ich würde sogar sagen, dass sich die Serie hervorragend für Eltern eignet, die ihren Kindern eine Alternative zu dem ganzen Disney-Müll bieten und ihnen gleichzeitig klassische Tugenden wie Ehre, Bescheidenheit und Treue vermitteln wollen.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann die Serie kostenlos auf YouTube anschauen: https://youtube.com/@m4erettervonredwall?feature=shared

Schlusswort

Redwall ist keine behütete Kinderunterhaltung. Es ist eine Geschichte über Opfer, Pflicht, unnachgiebige Bosheit und den langen, steinigen Weg zum Heldentum.

In einer Zeit, in der das Mittelalter entweder kitschig verklärt oder moralisch entkernt wird, bleibt diese Serie – und noch mehr die Bücher – erfrischend unbequem.

Sie zeigt, dass echte Stärke nicht einfach darin besteht, zu den „Guten“ zu gehören. Sie verlangt die Bereitschaft, für das Richtige einzustehen und zu kämpfen – selbst wenn es wehtut und selbst wenn man dafür Opfer bringen muss.

Wer seinen Kindern etwas anderes bieten will als weichgespülte Märchen und Girlboss-Prinzessinnen, dem sei Redwall deshalb wärmstens ans Herz gelegt.


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