Oft fragt man sich, warum der eine Künstler nun weltbekannt ist, während den anderen kaum jemand kennt. Es gibt sicher hunderte, vielleicht tausende Künstler, die zu ihrer Zeit bekannt und beliebt waren, aber danach völlig in Vergessenheit geraten sind, während andere es in einen Kanon geschafft haben, der von Interessierten bis heute rezipiert wird. Manche Namen kennt die ganze Welt.
Das hat sicher immer auch etwas mit Glück zu tun – vor allem, wie schnell sich der Erfolg einstellt –, und zumindest ich kann nicht ausschließen, daß der eine oder andere Meister zu Unrecht vergessen wurde. Die, welche es zu Berühmtheit geschafft haben, dürften dort aber in den seltensten Fällen zu Unrecht stehen – das Wasser der Jahrhunderte hat den Schlick gewiß ausgewaschen. Wer nicht davongespült wurde, muß von gewichtiger Substanz sein. Seine Kunst hebt sich von der Masse ab.
Doch wie sieht es mit der KI aus? Reicht es für den angehenden „Künstler“ nun aus, ein Werkzeug zu haben, dass die Werke großer Meister inhaliert hat, um selbst zum Meister zu werden?
Entscheidend ist hierzu meiner Meinung nach weniger das Handwerk, denn das hat ab einem gewissen Punkt ohnehin jeder, der ernsthaft Kunst schaffen will. Shakespeares Sonettzyklus erhält seine Bedeutung jedenfalls nicht primär aus der gekonnten äußeren Form, sondern daraus, wie Shakespeare das Thema der Liebeslyrik angegangen ist: Mit einer unerhörten, vorher unbekannten Variation, und einer Beziehungsdynamik, welche den Petrarcismus sprengt, wenn nicht gar parodiert.
Der göttliche Funke des Genius
Diese Einzigartigkeit ist es, welche große Dichter von den Genies trennt. Groß werden kann vermutlich jeder mit einem Talent dazu, aber Genialität ist angeboren. – Mein Eindruck ist sogar, daß dieses geniale Element sich bereits in den Frühwerken von Schriftstellern seine rohe Bahn bricht; in der Phase des Sturm und Drangs, um sich dann im Alter mit Verfeinerung der Technik eher zu mäßigen. Die Genialität bleibt dieselbe, aber sie ist nicht mehr eruptiv und vor Lebenskraft überschäumend, sondern zunehmend von ästhetischen Gesichtspunkten gezähmt – zivilisiert. Goethe kennt man für den Werther, nicht für die Wahlverwandtschaften.
Heute gibt es KI, welche einem die formale Meisterschaft praktisch schenkt. Doch lohnt es sich, seine Werke fürderhin von KI generieren zu lassen, um damit ein neuer Shakespeare zu werden?
Das Dilemma von Kunst in Zeiten der KI und dem Sinn von Künstlern in Zeiten quasi automatisch generierbarer Inhalte beschäftigt mich nun eine Weile. Diesem Thema wurden bereits zwei Artikel gewidmet. Heute will ich aber konkreter werden und am Beispiel der Lyrik schauen, worin sich die der besondere Funke ausdrückt, dem echte, menschengemachte Kunst ihren Wert und ihre Kreativität verdankt: der persönliche Stil. Und was zusammenkommen muss, um einen solchen zu entwickeln. Algorithmen reichen da nicht!
Zum Einstieg schauen wir uns ein paar Schriftsteller an, und für bessere Vergleichbarkeit auch dort nur den Teilbereich der Dichter, um ihren persönlichen Stil zu analysieren. Für Malerei, Plastik oder gar Musik mag das Handwerk eine noch viel gewichtigere Rolle spielen bei der Ausprägung eines eigenen Stils, aber im Wesentlichen sollte der Prozeß ähnlich laufen: Es geht darum, mit zunehmender Erfahrung besser darin zu werden, die eigene Gefühlswelt zu artikulieren.
Der Stil ausgewählter Dichter
Bei Gottfried Benn (1886 – 1956) betrachten wir die Morgue-Gedichte, welche einen wirklich sehr eigenen Stil haben. Er verzichtet darin fast komplett auf Form, und die nüchternen, unpoetischen Bilder erzeugen eine geradezu klinisch-kalte Atmosphäre, die lyrisches Träumen mit absichtlicher Brutalität unmöglich machen. Statt an den Dichter mit der Leier denkt man bei ihm an einen Chirurgen mit Skalpell und Plastikkittel. Und tatsächlich lesen sich die Morgue-Gedichte mehr wie ein Obduktionsbericht als wie Lyrik.
Der nur ein Jahr später geborene Georg Trakl (1887 – 1914) ist ganz anders; und das in praktisch allen seinen Gedichten. Wenn er die strenge Form benutzt, sitzt sie perfekt. Doch gerade Trakl beweist, daß äußere Form für das geniale Element gar nicht so wichtig ist: In späteren Gedichten schert er sich kaum noch um Metrum und verzichtet fast ganz auf Reime, und doch wird seine Handschrift nicht verwässert. Er zeichnet atmosphärisch eine fast unglaubliche Dichte; vereint Schauer, Verwesung und doch auch immer einen Hauch sinnlicher Romantik zu einem fast fühlbaren Dreigestirn.
Worum es genau in seinen Gedichten geht, ist allerdings schwer zu sagen; es handelt sich oftmals um eine Abfolge surrealer Bilder, die inhaltlich kaum miteinander verbunden sind. Ob eine konkrete Gedankenführung an der Entstehung seiner Lyrik beteiligt war, oder ob er nicht vielmehr ein reines Gefühl in Worten malen wollte, ist schwer zu sagen. Besonders diskursiv sind sie jedenfalls nicht. Anders als bei Benn schwingt bei ihm die Weltanschauung aus Melancholie, Verwesung und Weltschmerz mehr zwischen den Zeilen, als daß er sie ausspräche und begründet. Man erhält als Leser keinen Bericht über die Gedanken Trakls, sondern taucht unmittelbar ein in seine Welt.
William Shakespeares (1564 – 1616) Sonette sind formal und sprachlich brillant. Seine Bilder setzt er in seine Verse wie ein Goldschmied Diamanten in Geschmeide: immer getrennt durch Füllmaterial, damit sie umso heller leuchten. Expressionistische Klangmalerei wie bei Trakl, bei der das Gedicht ein einziges großes Bild wird, ist ihm jedoch fremd: Er argumentiert streng logisch. Bei seiner Lyrik habe ich weniger einen Sänger im Kopf, als beinahe schon einen Mathematiker, oder vielleicht noch treffender einen Juristen, der das Für und Wider in seiner ganzen Tiefe auslotet, bevor er zu seinem Schlußwort (Couplet) kommt. Stimmlich ist er sehr vielseitig, da er die gesamte Palette menschlicher Emotionen darlegt und die Welt aus zahlreichen Blickwinkeln betrachtet. Doch stets tritt er auf im Talar des Anwalts.
Daß auch in Shakespeare starke Gefühle wühlten, beweist allein der Umfang seines Zyklus von 154 Sonetten, und vor allem, daß auch bei ihm Wiederholungen auftreten, die man nicht vornimmt, wenn man in rein argumentativer Kopfarbeit die einzelnen Themen abklappert – dann schreibt man nur ein einziges Gedicht darüber. Der Dark Lady-Komplex fühlt sich für mich sogar noch dringlicher und weniger gleichmütig an, als die Gedichte an die Fair Youth (er wird dort sogar mehrmals ausfällig), aber im allgemeinen scheinen seine Sonette diese Gefühle eher zu reflektieren, als dem Leser vor die Füße zu werfen.
Elizabeth Barrett Browning (1806 – 1861) schrieb mit den Sonetten aus dem Portugiesischen ebenfalls Liebessonette. Aber sie erreicht allein mit den vielen Zeilensprüngen eine deutlich dynamischere, ungezwungenere Atmosphäre als Shakespeare. Ihre Gedichte erfassen rein intuitiv viel von der psychologischen Dynamik einer gelebten Liebesbeziehung trotz Hindernissen, besitzen jedoch keine streng logische Argumentationsstruktur wie Shakespeares Sonette.
Gefühl und sinnliche Wahrnehmung fließen organisch dahin: Browning stellt die Empfindung in den Mittelpunkt, und spart sich die Reflexion darüber für eine unmittelbarere Wirkung. Ihre Sonette sind oft von einer fast zärtlichen Natürlichkeit, die in ekstatischer Liebe aufgeht, fokussieren sich aber auf ihre eigene Welt. Es geht vor allem um ihre persönliche Liebesbeziehung, die sie gekonnt in Kunst umsetzt, dabei aber – wie ich meine – bewußt im privaten Rahmen bleibt, ohne die Dynamik von Liebe auf abstrakte Konzepte zu verallgemeinern, wie Shakespeare es tut.
Ihre Bilder sind oft sehr stark und originell; oftmals trägt ein Bild das gesamte Gedicht mit einer Konsequenz, die perfekt ineinandergreift. Aber manchmal wirken die Bilder auch eklektizistisch aneinandergereiht, und addieren sich eher, als sich zu verweben – das ist nicht schlecht, aber es trennt sie von Trakl, dessen Lyrik sich in ihrer Bilddichte fast wie ein Bewußtseinsstrom anfühlt.
Zwischenbilanz
Zusammenfaßend läßt sich festhalten, daß jeder hier genannte Dichter eigene Stärken und Schwächen hat, die ihn auszeichnen, und die sich meiner Meinung auch gegenseitig ausschließen. Trakls Bildmalerei und Shakespeares diskursive Struktur passen schon rein logisch nicht zusammen: Die fast synästhetische Bilddichte Trakls muß immer auf Kosten gedanklicher Klarheit gehen.
Und offenbar eignen sie alle eine eigene, womöglich unverwechselbare Handschrift. So etwas kann nicht jeder ausprägen, und schon gar nicht so gut. Um diesen Stil als Leser zu erkennen, braucht man ebenfalls ein gutes Bewußtsein für Lyrik: Metrum, Reimschema, synästhetische Lautmalerei und inhaltliche Struktur müssen intuitiv erkannt werden – dann erst hat man ein Gefühl dafür, das sich lohnt in Begriffen formuliert zu werden.
Ich habe bereits bei der vergleichenden Gedichtsanalyse zu Rilke und Meyer gesagt: Wer das nicht intuitiv fühlt, der kann es nicht beurteilen. Der kann dann von der „Erschütterung“ des Torso Apoll reden, ohne überhaupt zu wissen, was da so erschütternd war.
Dem nutzen abstrakte Erklärungen zum Verständnis exakt gar nichts. Nach dem besten Aufsatz hat er trotzdem nur einen rein nachahmenden Begriff davon, und wenn er darüber redet, dann wie eine KI, die ohne ein Verständnis für den Inhalt die Worte aneinanderreiht, die sie anderswo aufgeschnappt hat.
Denn jeder Denkprozeß nimmt seinen Anfang in der realen Erfahrungswelt, und nicht im Abstrakten. Das Abstrakte ist nur eine nachträgliche Klassifizierungsmethode für jene, welche das Muster bereits erkannt haben und es nun benennen wollen. Aber durch den Namen dieses Musters kann man das Muster nicht erfahrbar machen.
Nicht umsonst gibt es für die Führerscheinprüfung einen Praxisteil – kein Mensch ginge davon aus, nach dem Auswendiglernen der Verkehrsregeln und der Gangschaltung könne man den Wagen erfolgreich bedienen.
KI als Schützenhilfe
Nun scheinen manche ja zu glauben, KI-Kunst wäre Kunst. Das ist sie natürlich schon allein aus dem Grund nicht, daß Kunst ein soziales Medium ist, um zwei Menschen miteinander zu verbinden. Den Auswurf einer Maschine will niemand begutachten. Das erkennt man an den Stürmen der Empörung, wenn plötzlich der KI-Verdacht im Raum steht: Die Leute fühlen sich betrogen. Ein KI-Kunstwerk kann schön sein, doch ist als soziales Medium nutzlos, da es von einer Maschine erstellt wurde.
Die Frage ist also vielmehr: Kann KI phantasievollen Menschen helfen, trotz handwerklicher Schwächen zum Künstler zu werden? Bisher war die Hürde stets das Handwerk, das Menschen mit genug Vorstellungskraft davon abhielt, ein Kunstwerk zu erschaffen. Diese scheint nun gefallen – oder etwa nicht?
Die ungeschönte Wahrheit ist schnell zu formulieren: Wer keine Kompetenz für gute Kunst hat, wird auch mit Unterstützung durch KI keine gute Kunst erschaffen können.
Am Lernen führt kein Weg vorbei
Wer noch kein Gefühl für Lyrik hat, dem mag es verlockend erscheinen, die Lernphase der holprigen Verse zu überspringen und mit KI-Unterstützung schon im ersten Anlauf ein augenscheinlich perfektes Gedicht zu erreichen. Doch einen Befehl in die KI einzugeben bringt keinen Lerneffekt, da das, was bei einem KI-Gedicht schiefgeht, auf so hohem Niveau schiefgeht, daß ein Anfänger das gar nicht erkennt. Für ihn wirkt jedes KI-Gedicht makellos, weil er auf diese Qualitätsstufe selbst nie käme.
Die Behauptung, KI wäre ein Werkzeug wie jedes andere, verfängt deshalb nicht: Andere Werkzeuge erzielen kein Ergebnis, das sich dem Horizont ihres Benutzers entzieht. In den Naturwissenschaften verkürzen Taschenrechner und Formelsammlung den Aufwand. Doch man kann sie nur erfolgreich verwenden, wenn man diesen Aufwand auch ganz allein bestreiten könnte. Ihre Leistung reicht nur so weit wie die kognitiven Fähigkeiten ihres Nutzers. Mit KI dagegen kann man plötzlich binnen Minuten die Maxwellgleichungen herleiten, und versteht die Herleitung trotzdem nicht. Wieso sollte das bei Kunst anders sein? Oder anders gesagt: Wer die vier oben diskutierten Dichter nicht mühelos auseinanderhalten kann, der wird auch bei KI nichts auseinanderhalten können.
Neu gestalten, statt zusammenmischen
Daß das Rekombinationsprinzip der KI es überhaupt erlauben würde, einen neuen, eigenen Stil zu entwickeln, wage ich auszuschließen. Zumindest keinen, der wirklicher Ausdruck der Nutzerpersönlichkeit ist.
Ich habe deutlich dargelegt, daß sogar zwischen den Dichtern von Liebessonetten (Shakespeare und Browning) noch ein deutlicher Unterschied ist. Doch einen Trakl aus dem Mischen von Shakespeare, Browning und Benn zu entwickeln, ist Wunschdenken. Trakl hat eine komplett andere Handschrift. So viel er vielleicht von früheren Dichtern übernommen und zusammengemischt hat: Das Endergebnis ist ein nie dagewesenes Produkt, das nur durch die Zutat seiner eigenen Persönlichkeit entstehen konnte. Und diese Ressource wurde in die KI nie eingespeist. Auch nicht, wenn sie ein Mensch bedient.
Die Frage ist auch, warum man KI nutzen wollen sollte. In welche Höhen will man denn steigen, wenn selbst der Gipfel europäischer Kultur von Dichtern, Musikern und Malern ganz ohne KI erreicht wurde? Ein Menschenleben bietet sicher genug Zeit, sich Kompetenz nachhaltig anzueignen. Warum sollte man sich die tönernen KI-Künstlerfüße von einem Stromausfall wegräumen zu lassen?
Der Schaffensprozeß macht die Kunst
Ich sage nicht einmal, daß man auf KI komplett verzichten muß. – Sie kann durchaus als Ideengenerator, als Synonym- und Reimlexikon, sowie als Rezensent fungieren. Also als genau das, als was dem Künstler seine Mitmenschen schon seit Jahrtausenden dienen. Bei dieser Nutzung kann KI also sehr wohl etwas bringen, ohne die Ausprägung eines eigenen Stils zu verfälschen. Wie auch Goethes sicher viele Ideen für seine Werke aus seiner Freundschaft mit Schiller gewonnen hat. – Gleichwohl hat Schiller nicht die Schreibarbeit für ihn erledigt.
Wer ein KI-generiertes Gedicht – oder ein Bild – jedoch für seine eigene Leistung hält, der betrachtet wohl sogar Goethes Faust als sein eigenes Werk, wenn er dem Herrn Geheimrat nur ein einziges mal Hallo sagen konnte. Doch am Ende bekäme wohl doch eher Goethe den Ruhm, und nicht der Passant von der Straße, der nur die Anregung zum Drama gab. Die KI ist keine eigenständige Persönlichkeit wie Goethe und hat dennoch eines mit Goethe gemein: Ihre „Kunst“ ist nicht die Leistung jener Leute, die mit ihr gesprochen haben.
Mit KI ändert sich für den Schaffensprozeß also recht wenig: Wer Goethes Feder führen will, muß sie in der eigenen Hand führen. Diese Arbeit kann ihm keiner abnehmen.
Erneut zeigt sich: Die Lernkurve läßt sich nicht abkürzen, und wer versucht, den natürlichen Prozeß zu betrügen, wird immer mit Schattenseiten leben müssen. Zumindest in dieser Hinsicht ist das Leben gerecht.








