Auf dem Weg durch die Weltliteraturgeschichte habe ich letztens einen kurzen Halt im Frankreich des 18. Jahrhunderts gemacht, und bin dabei auf ein Werk gestoßen, das mich tatsächlich verblüfft hat: Ich sah zum womöglich ersten mal mein eigenes Ideal eines Romans verwirklicht.
Es handelt sich um „Die Nonne“ von Denis Diderot, einen Roman, der die Geschichte einer Nonne namens Suzanne erzählt. Sie wurde von ihren Eltern zum Klosterleben zwangsverpflichtet, und kämpft nach dem Tod der beiden um ihre Entlassung aus dem Dienst. Denn trotz untadeligem Charakter und tiefempfundener Religiosität wohnt der Fanatismus, den man fürs Klosterleben braucht, ihrem Herzen schlichtweg nicht inne, und sie spürt, daß sie im Kloster niemals glücklich oder auch nur zufrieden sein könnte. Sie ist keine Rebellin, sondern behauptet sich als eigentlich verträgliche Frau auf einem Weg, den sie sich nicht selbst ausgesucht hat. Der Roman ist in der Ich-Perspektive als eine Bittschrift an einen Marquis de Croismare gerichtet, welcher Suzannes letzte Hoffnung darstellt, sich ihres Falls anzunehmen.
Was mir sofort aufgefallen ist: Für ein Werk des 18. Jahrhunderts ist er extrem gut geschrieben. Fühlen sich selbst die besten Romane der Frühen Neuzeit oft langatmig und schwülstig an, kennt Diderots Nonne keine Füllsel. Obwohl er immer wieder von der Handlung abdriftet, hin zu moralischen Überlegungen, und eigentlich gar nicht so viel passiert, greift alles so straff ineinander wie bei einem Unterhaltungsroman des 21. Jahrhunderts. Suzannes Klagen und Appelle ans Mitgefühl des Lesers sind nicht aufgesetzt, sondern wachsen organisch aus dem Gedankengang und der Persönlichkeit der jungen Frau. – Voltaire, der aus derselben Zeit stammt, liest sich daneben gestelzt, konstruiert und plump in seiner offensichtlich didaktischen Intention.
Psychologisch nuanciert
Und während moderne Romanschreiber nur noch billige Unterhaltung abfassen können, vereint Diderot diesen Stil mit geistiger Tiefe und einer scharfen psychologischen Beobachtungsfähigkeit: Die Eltern Suzannes sind nicht einfach böse, sondern haben Gründe.
Damals war es durchaus gesellschaftsfähig, uneheliche Töchter, wie Suzanne eine ist, ins Kloster abzuschieben. Daß die Mutter ihren Seitensprung jedoch Suzanne büßen läßt, weil sie ihn nicht selbst büßen will, ja, es nicht einmal ihrem Ehemann gesteht, macht sie zur egoistischsten und unsympathischsten Figur im ganzen Buch. Sie fordert von Suzanne rundheraus, sich für das Wohl ihrer Mutter zu opfern – eine perverse Umkehrung des Eltern-Kind-Verhältnisses.
Daß der „Vater“ (der sich Suzannes Herkunft trotzdem denken kann) wenig begeistert ist von dem Gedanken, dem Kuckuckskind eine teure Erbschaft auf Kosten seiner leiblichen Töchter zu hinterlassen, ist jedoch auch heute noch nachvollziehbar, und ein schlichter biologischer Imperativ.
Nichtsdestotrotz erklärt die Mutter ihr Bedauern, daß sich nach Suzannes erstem, öffentlichkeitswirksamem und skandalösem Protest gegen ihre Zwangsverpflichtung zur Nonne nun wohl ohnehin kein Ehemann mehr für sie fände. Auch Suzanne leuchtet ein, daß ihre „nicht gewöhnliche Entschlossenheit“, sich ihres Schicksals zu erwehren, auf Männer wohl wenig anziehend wirkt: „Die Männer loben diese Eigenschaft sehr, allein mir dünkt, sie verzichten darauf gern bei einer, die sie zu ihrer Gattin nehmen wollen.“
Als sie also schließlich doch noch ins Kloster kommt, ist immerhin ihre Oberin eine durchweg rechtschaffene Frau von geradezu prophetischem Naturell. Eine tiefe Hingabe an ihre Profession eint sie mit Milde, und sie sieht darum über geringfügige Verfehlungen gütig hinweg. Sie findet sofort Gefallen an Suzannes lauterem Wesen. Doch das bevorstehende Gelübde Suzannes, und die leise Vermutung, daß dies der falsche Lebensweg für ihre Schutzbefohlene ist, stürzen sie in so große Besorgnis, daß sie ihre spirituelle Ausstrahlung verliert. Unfähig, Suzannes Schicksal abzuwenden, fehlt ihr schließlich sogar die Fähigkeit, sich ins Gebet zu versenken. Sie stirbt, genau wie Suzannes Eltern, binnen eines Jahres nach Suzannens Gelübde.
Das Folterkloster
Und damit fängt der Klosteralptraum an, denn die Nachfolgerin ist eine herrische Tyrannin, die auf Suzannes Selbstbehauptung gar nicht klarkommt und sich in ihrer Autorität untergraben sieht. Zum Mißfallen der Oberin gibt es jedoch wenig Grund, Suzanne zu bestrafen: Obwohl sie am Klosterleben nur unter Zwang teilnimmt, erledigt sie die geistlichen Pflichten gewissenhafter als jede andere. Nur wo es ins Ausnutzerische kippt, verweist sie standhaft auf die Ordensregeln, und daß sie besagten Zusatzpflichten mit ihrem Gelübde keinen Gehorsam geschworen hat.
Die Situation eskaliert, als die Oberin von Suzannes Bemühungen erfährt, ihre Gelübde gerichtlich annullieren zu lassen. Die Oberin selbst macht dabei gar nicht einmal so viel, aber ihre offene Feindseligkeit gegen Suzanne läßt in den anderen Nonnen das Niederste im Menschen hervortreten: Nun haben die heiligen Betschwestern endlich die Gelegenheit, jemanden ungestraft zu schikanieren, und davon machen sie auf eine Weise Gebrauch, daß es für einen Roman gerade an der Grenze des Glaubwürdigen ist. Gleichwohl die historischen Zustände, nach dem, was ich über die Zeit des Ancien Regimes weiß, bisweilen womöglich tatsächlich ein solches Ausmaß erreichten.
Suzanne wird der Zutritt zur Messe verwehrt; die Tür wird vor ihrer Nase zugeschlagen. Ihr werden praktisch alle Besitztümer gestohlen, sogar ihr Bett, so daß sie auf einem Haufen Stroh am Boden schlafen muß. Frische Kleidung wird ihr verwehrt, Wasser muß sie mit bloßen Händen aus dem Brunnen schöpfen, weil sie kein Trinkgefäß mehr kriegt; zum Essen bekommt sie nurmehr Reste, die eher für den Hund gedacht sind, oft verschimmelt. Nachts johlt und poltert man herum, um sie am Schlafen zu hindern, verleumderische Gerüchte werden gestreut, und mehrmals sogar Glasscherben auf dem Gang vor ihrem Zimmer, auf denen sie sich nachts die Füße wund schneidet. Alles, um sie in den Wahnsinn oder den Selbstmord zu treiben.
Der Prozeß
Der Archidiakon, der schließlich herbeigerufen wird, die Zustände im Kloster zu begutachten, ist nicht der rührselige Retter in der Not: Er läßt sich weder von Suzannes Schönheit, noch von deren leidgeprüfter Erscheinung beeindrucken.
„Alle diese Eigenschaften zusammen übten eine starke, Mitleid erzeugende Wirkung auf die jungen Helfer des Archidiakons; er hingegen kannte solche Gefühle nicht; gerecht, aber wenig empfindsam, gehörte er zu jenen, die so unglücklich geboren sind, die Tugend zu üben, ohne dabei Beglückung zu verspüren; sie denken und tun das Gute aus Ordnungssinn.“
Gerade deshalb greift er jedoch mit aller Härte durch und hätte die Oberin stehenden Fußes entfernt, hätte Suzanne nicht betont, daß es ihr nicht um Rache geht, sondern nur darum, gerecht behandelt zu werden. Weil ihr Stand im Kloster nun jedoch so oder so unmöglich ist, erreicht ihr Anwalt immerhin die Umsiedelung in ein anderes Kloster, nachdem ihr Antrag auf Annullierung der Gelübde abgelehnt wurde.
Der Text betont, daß der Anwalt kompetent und auch teilnehmend am Schicksal seiner Mandantin war. Das Urteil wurde aus politischen Gründen gefällt, statt aus Gerechtigkeit: Die Gerichte entscheiden nicht objektiv, sondern beugen das Recht gerade dort in unverhohlener Weise, wo es um den Machterhalt des etablierten Systems geht. Denn ließe man nur eine Nonne gehen, so würden nach diesem Präzedenzfall Scharen von Ordensschwestern austreten, sobald etwas im Klosteralltag mal nicht in ihrem Sinne verläuft.
Das Lesbenkloster
In ihrem zweiten Kloster treten, nachdem Suzannes geistige Vorzüge sich bereits im ersten offenbart haben, zunehmend ihre körperlichen in den Vordergrund. Diderot schafft es geschickt, diese immer aufs neue zu betonen, ohne daß Suzanne – der Roman ist ja in der Ich-Perspektive verfaßt – darüber wie eine aufgeblasene Angeberin wirkt. Wie Suzanne aussieht, erfährt man gar nicht recht – aber ihre Wirkung auf andere steht außer Zweifel.
Das zweite Kloster regiert eine Oberin, die für ihre Profession denkbar ungeeignet ist: Sie nimmt es mit den Ordensregeln nicht so genau und leiert die Messe gerne mal im Eiltempo herunter, damit mehr Zeit für Gesellschaftstreffen bleibt. Sie gibt ihren Nonnen gerne die Erlaubnis, bis Mittag durchzuschlafen, und verteilt höchstpersönlich Hochprozentigen. Heiligkeit und Würde vermißt man bei ihr komplett; Schlendrian und Gefälligkeit definieren ihren Führungsstil, und an Suzanne hat sie von Anfang an einen Narren gefressen, der sich in einer Zärtlichkeit äußert, die deutlich weiter geht, als es für ein Frauenkloster schicklich ist.
Wenn Suzanne für eine ihrer Schwestern um Vergebung bittet, gewährt ihr die Oberin diese sofort für einen Kuß auf Stirn, Wangen, Hals oder Lippen. Beim Klavierspielen ist sie von Suzannes Talent so ergriffen, daß ihre Hand von deren Schulter in Suzannes Ausschnitt rutscht und die Oberin plötzlich schwer zu atmen beginnt.
Was Suzanne in ihrer Unschuld erst als rein platonische Zuneigung interpretiert, und es sich deshalb gefallen läßt, wird ihr von ihrem Beichtvater verständnisvoll aber unmißverständlich als Verführung des Satan dargestellt, nachdem die Oberin sich nachts in ihr Zimmer geschlichen und zu Suzanne ins Bett gestiegen war.
Doch gerade Suzannes naive Unschuld, und ihre ehrliche Furcht nach dem Gespräch mit dem Beichtvater, bringen schließlich auch der Oberin zu Bewußtsein, was sie da eigentlich macht, und die Last ihres Gewissens treibt sie in den Wahnsinn und schließlich in den Tod: Auch sie war, wie Suzanne, nicht für das Klosterleben geschaffen und konnte die Pflichten einer Nonne auch in härtesten Gewissenskämpfen nicht mit ihrem Naturell in Einklang bringen.
Die Flucht
Die daraufhin eingesetzte Oberin verdächtigt in abergläubischer Manier Suzanne, ihre Vorgängerin verhext zu haben, und Suzannes Klosterleben wird erneut tragisch. Daraufhin beschließt sie zu flüchten, doch kommt dabei an so schlechte Gesellschaft, daß sie es lieber gelassen hätte.
Sie landet im Grunde in einem Hurenhaus (wo auf sich allein gestellte Frauen anscheinend meistens landen), kann von dort aber unbeschadet fliehen, um sich nun mit harter körperlicher Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da die Geistlichkeit jedoch hinter ihr her ist, und sie um ihre Festnahme und vor allem deren Folgen fürchtet, wendet sie sich an den Marquis de Croismare. Sie bittet durchaus nicht um Almosen, um Unterschlupf, oder auch nur um eine bequeme Anstellung, sondern einzig darum, daß er seine Mittel nutzt, sie anonym auf das Land zu schaffen, um fern der Obrigkeit eine rechtschaffene Anstellung zu bekommen, und sei es nur als einfache Magd.
Am Ende geht Diderot sogar auf den manipulativen Aspekt ein, den eine solch ungeschönte Darstellung von Leid in einer Bittschrift haben muß. Selbst wenn die Klage ehrlich ist – sie hat eine Wirkung auf den Adressaten.
Womöglich hat sich Suzanne ja nur so bescheiden gegeben, um den Marquis umso mehr zu rühren? – Womöglich, weil sie insgeheim doch auf eine Stelle in dessen Palast schielt?
Suzanne spricht diese Problematik offen an und endigt mit den Worten:
„Ich bin ein Weib und vielleicht ein wenig kokett, was weiß ich? Aber ich bin es natürlich und ohne Falsch.“
Zusammenfassung
Obwohl der Roman sehr locker daherkommt, wohnt ihm eine sehr scharfe Beobachtung und auch Kritik der Gesellschaft zugrunde.
- Die erste Oberin zeigt, wie sogar die besten Menschen von einem starren, bürokratischen System zugrunde gerichtet werden.
- Die zweite Oberin ist ein Musterbeispiel dafür, wie gruppendynamische Prozesse in autoritären Regimen auch ohne konkreten Befehl zu Taten führen können, die keiner der Beteiligten für sich genommen je begangen hätte.
- Die dritte Oberin legt dar, was passiert, wenn Menschen versuchen, ihre Biologie und ihr Naturell zu unterdrücken – sei es, weil sie mit ihren eigenen genetischen Anlagen nicht zufrieden sind, oder weil das System, in welchem sie leben, es von ihnen verlangt.
Der Roman zeigt, wie nutzlos Gerichte sind, und wie rechtswidrig sie entscheiden, wenn es um den eigenen Machterhalt geht.
Diderot kritisiert auch nicht den Glauben an sich: Suzanne ist tiefreligiös und bleibt es trotz all ihrer Erfahrungen mit der Geistlichkeit. Ihr Glaube gibt ihr sogar Halt; daß sie nicht Selbstmord beging, schreibt sie der schützenden Hand Gottes zu. Diderot kritisiert die Auswüchse, die schädliche und erzwungene Institutionen annehmen können, und stellt implizit die Frage, wie damit umzugehen ist.
Fazit
Für ein besonderes Augenzwinkern sorgt Suzannes Schlußbemerkung womöglich im Kontext der Entstehungsgeschichte: Der adressierte Marquis de Croismare existierte nämlich wirklich, genau wie der Fall einer Schwester Suzanne, und der Mann hatte ein ähnlich gutes Herz, wie ihm im Roman unterstellt wird. Diderot machte sich einen Spaß daraus, so zu tun, als würde eben diese Suzanne sich nun an den besagten Marquis wenden, und wurde in dessen Reaktion auch nicht enttäuscht.
Hinterher konnte der Marquis über diesen Betrug lachen, und auch wenn der aus diesem Briefwechsel entstandene Roman wohl kaum für eine ähnliche Reaktion geeignet ist, so ist er nichtsdestoweniger ein herausragendes Werk, das genau das leistet, was ein guter Roman sein soll: eine romantisierte und ästhetisch geglättete Version der Realität mit gedanklicher Tiefe.
Würden lebende Autoren so schreiben, würde ich vielleicht auch einmal zeitgenössische Literatur konsumieren. Doch bis dahin sehe ich mich gezwungen, mich mit Verstorbenen zu solidarisieren. Soll Diderot sich also zu recht geschmeichelt fühlen, noch Jahrhunderte später auf seine Leser zu wirken.








