Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird. – Immanuel Kant
Wenn Dinkel Dörte mit ihrem Hirse-Hannes ins Ausland fährt, ist alles immer ganz fantastisch: Die putzigen Niedriglohnsklaven, die einem alle nur erdenklichen Wünsche von den Lippen ablesen; das ganze leckere „Streetfood“, das man schon von diesen laut telefonierenden braunen Männern in der überfremdeten Heimat lieben lernte, und schließlich die ganzen tollen exotischen Kulturen, diese Gastfreundlichkeit, die es im globalen Norden einfach nicht gibt!
Wenn es um die jährliche Urlaubsplanung geht, entscheidet man sich aufgrund der warmen Sonne und der drolligen Umpa-Lumpas also selbstverständlich für die Heimat des globalen Kiosk-, Wettbüro- und Gammelfleischklientels – ist doch klar, oder?
Im Falle des dänischen Pärchens Björn und Luise ist die Wahl dieses Jahr jedoch auf einen beschaulichen Ort in der italienischen Toskana gefallen. In dieser malerischen Kulisse lernen die beiden eine schrecklich nette Familie aus den Niederlanden kennen. Patrick und Karin sind bezaubernd – sie sind Genießer der kulinarischen Fremdkultur und brillieren in den Regeln weltbürgerlicher Umgangsformen. Sie rechnen es Luise beispielsweise hoch an, eine mutige und aufgeklärte Vegetarierin zu sein und finden es toll, dass Björn den Mut hatte, den zuvor verlorengegangenen Stofftierhasen seiner Tochter im toskanischen Städtchen wiederzufinden.
Auf ein Glas Wein kommen sich die zwei Familien etwas näher, denn auch Tochter Agnes beginnt sich mit dem Sohn des netten holländischen Paares, Abel, immer besser zu verstehen. Wieso, fragt Karin, würden Luise, Björn und Agnes sie nach dem Urlaub nicht mal in den Niederlanden besuchen kommen, um gemeinsam ein schönes Wochenende zu verbringen?
Der Drill des Gutmenschen
Daheim in Dänemark weicht die warme und strahlende Kulisse Norditaliens wieder der kühlen, grauen Alltagsluft eines dunklen Skandinaviens, und das erdrückende Gefühl einer ehelichen Flaute lauert wie der Teufel im Detail. Vor allem Björn sieht von der Trägheit seiner dressierten Existenz sichtlich mitgenommen aus. Ein langer, blonder Lulatsch, der nicht den Mumm hat und über die Manneskraft verfügt, auszusprechen was ist: dass er sich der regelmäßigen Seelenqual einer drögen, sexlosen Ehe ausgesetzt fühlt, während er die oberflächliche Freundschaft zu den hochgestelzten Akademikerfreunden seiner Öko-Frau vortäuschen muss.
Er kann nicht aussprechen, was ist, weil der Drang zur Erhaltung einer heilen und freundlichen Fassade größer ist als der innerer Schrei nach Wahrheit. Sein Gutmenschentum verbietet ihm die Unannehmlichkeit der Ehrlichkeit: Sag nichts Böses.
Diese Maxime zieht sich durch den weiteren Verlauf der Geschichte wie ein roter, blutiger Faden. Denn es kommt, wie es kommen sollte, als die dänische Kleinfamilie beschließt, ihre Reise zu den netten Niederländern anzutreten, die sie zuvor im Urlaub kennenlernten. Im abgelegenen Waldhaus der vor Freundlichkeit nur so überschäumenden Gastgeber entfaltet sich schließlich ein Kammerspiel, das dem Bösen ein ungewohntes und auf diese Weise selten gezeigtes Gesicht gibt.
In den Fängen der Freundlichkeit
Karin und Patrick überschütten Luise und Björn förmlich mit guter Laune in diesem Moment der verfänglichen Annäherung, bei dem Menschen zu Beginn einer auf Krampf begonnenen Beziehung nach einem freundschaftsbezogenen Konsens suchen, um die unangenehme Stille und eigentliche Distanz zueinander zu überwinden.
Björn und Luise sind dem schutzlos ausgeliefert – gefangen in den „guten Absichten“ freundlicher Gesichter. Doch Patrick und Karin wissen, was sie tun, und testen die Grenzen dieses perfiden Spiels auf bizarrste Art und Weise seit der ersten Minute aus.
Eine zwischenmenschliche Überschreitung nach der anderen maßen sie ihren Gästen an und kein Wort des Widerspruchs kommt von den devoten Dänen, die in ihren sozialen Zirkeln und in ihrer weltoffenen Heimat der Toleranz nie etwas anderes lernten, als eine gute Miene zum bösen Spiel zu machen – ganz besonders dann, wenn sich das Böse durch etwas fremdes oder ausländisches auszeichnet. Sag nichts Böses.
Erst als Luise bemerkt, dass Agnes des Nachts mittlerweile im Ehebett zwischen den nackten Körpern ihrer Gastgeber schläft, regt sich Widerstand. Doch nicht einmal dann reicht es zur Konfrontation, sondern es wird sich am frühen Morgen klammheimlich ins Auto geschlichen, um jegliche Form der unangenehmen Auseinandersetzung zu umgehen. SAG-NICHTS-BÖSES.
Als Zeichen der Dankbarkeit
Was sich unseren Augen schließlich im letzten Akt des Films eröffnet, ist an Härte und psychologischem Terror kaum zu überbieten, und trifft uns trotz Antizipation wie ein Schlag ins Gesicht.
Wie sich herausstellt, machen es sich Karin und Patrick nämlich zu einem regelmäßigen, sadistischen Ritual, im Urlaub unbescholtene Gutmenschen aufzugabeln, um später deren Kinder zu entführen und die Eltern zu entsorgen. Dabei arbeiten sie mit dem undokumentierten Flüchtling Muhajid zusammen, der den Kindern die Zunge rausschneidet und sie vorläufig verschwinden lässt.
Das Kind aus der vorherigen Familie, als Platzhalter für das nächste, ertränken sie im Wasser, so wie sie auch die Eltern der Kinder in einem verlassenen Steinbruch ermorden und dort deren Körper verscharren.
Als dieses Schicksal auch die Dänen zu ereilen droht, sie blutig und entkleidet im Steinbruch stehen, fragt Björn die Niederländer unter Tränen: „Warum tut ihr das?“
Patrick entgegnet ruhig und mit süßem Honig in der Stimme: „Weil ihr uns lasst.“
Gäste obgleich Gastgeber
Bei diesen Bildern läuft es einem kalt den Rücken runter und Patricks Worte treffen uns wie ein Schlag in die Magengrube. Tür und Angel zu ihrem Herzen haben die Dänen geöffnet für die Fremden, ihnen ihre Eigenarten eingeräumt, und sich auf das Friedensversprechen ihrer unbeholfenen Gutmütigkeit verlassen. Doch die Fremden spuckten ihnen ins Gesicht und nahmen sich ihre Tochter. Björn und Luise sollten nie etwas anderes sein als Gastgeber ihrer antagonistischen Launen und ihre dänische Gutmütigkeit war der Nasenring an dem man sie durch die Manege führte.
Es ist kein Zufall, dass der dänische Originaltitel des Films übersetzt eigentlich „Die Gäste“ lautet. Und es ist ebenso wenig dramaturgische Willkür, dass Björn und Luise am Ende von Patrick und Karin auch noch ins Jenseits gesteinigt werden.
Die Steinigung als grausame Praxis der Bestrafung und des Todesurteils wird heute nämlich vor allem in der bunten Welt des Nahen und Mittleren Ostens praktiziert. Jenes Menschenschlages Heimat, der unsere und auch die dänischen Lande nun als „Gast“ bereits seit Jahrzehnten okkupiert und parasitär von ihnen lebt.
Man hätte die Rolle der Niederländer somit auch einfach von einem Muselpärchen darstellen lassen können. Mein Verdacht ist, dass man es aus Gründen der Vermarktung und politischen Subtilität aber bei Patrick und Karin belassen hat. Die Steinigung und die vorangegangene Komplizenschaft des undokumentierten Flüchtlings Muhajid bleibt dahingehend aber ein ausdrucksstarkes Augenzwinkern in den MENAPT-Sumpf.
Auf diese Weise haben die dänischen Filmemacher die schwierige Umsetzung eines solch bissigen und vor allem rechten Gesellschaftskommentars äußerst intelligent gelöst.
Dänische Vita
Es ist bemerkenswert, dass so ein radikaler Horrorschocker überhaupt in Dänemark entstand. Heimat jenes sonst so kleinen und freundlichen Volkes, dem wir knuffiges Lego, gemütliche Holzhäuser und minimalistische Innenarchitektur zu verdanken haben. Des Dänen ganze Kultur atmet das Lebensgefühl Hygge, bei dem es um ein genuss- und vertrauensvolles Zusammensein der Gesellschaft geht.
Vielleicht wissen die Dänen gerade deshalb um die Gefahr des Missbrauchs einer solchen Lebensphilosophie. Und sie wissen um die Schwäche ihrer Leute, hinter manch vorgelebtem Altruismus, nur Selbstleugnung und willenlose Unterwerfung warten.
Es ist womöglich ein Schatten zu Tage tretender Selbsterkenntnis in der dänischen Gesellschaft, der selbst dänische Sozialdemokraten dazu zwingt, etwas strengere Migrationsregeln anzusetzen als ihre europäischen Genossen.
Duck dich und sag nichts Böses?
Auch für uns hat der Film eine bedeutende Relevanz. Anders als das Außergewöhnliche oder Exzentrische, ist es das Alltägliche, dessen Horror nämlich in der Einfältigkeit lauert, mit der manche ihr Leben führen oder besser gesagt: führen lassen. Denn wenn die zwanghaften Regeln des sozialen Miteinanders von den Menschen selbst verlangen, sich den unreflektierten Konventionen der „guten Sitte“ zu unterwerfen, beginnt die eigentliche Grausamkeit des heutigen gesellschaftlichen Lebens: die Banalität des Guten.
In unserem Fall ist es Selbsterniedrigung unter dem lächelnden Gesetz des Gutmenschen, in dessen Fremdorchestrierung Grenzen geöffnet, Pädo-Kitas gebaut und Muezzinrufe veranstaltet werden. Das Böse entsteht dort erst in jener Passivität, die man im Eiertanz vermeintlicher Seelengröße als Gutmütigkeit misskonzeptualisiert. Und unsere Feinde, ob von außen oder im Inneren, nutzen dies gnadenlos aus.
Die Dänen haben hier jedenfalls etwas Radikales und Brachiales geleistet – ein Horrorfilm, der seine Verwandtschaft des „gehobenen“ Horrorgenres der letzten Jahre aus Übersee weit in den Schatten stellt. Auf diese Weise gliedert er sich formal und stilistisch zwar in den genretypischen Slop der A24 Filmproduktionen ein, sticht aber durch einen herausragenden, rechten Gesellschaftskommentar und eine unapologetische Art der Darstellung hervor. Und das alles auch noch mit diesem unschuldig freundlichen Charme unserer dänischen Nachbarn. Bravo!








