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Der Film, der den American Dream widerlegt – Rocky (1976)

Christian Illner von Christian Illner
20. August 2026
in Film
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Es besteht kein Mangel an Filmen, vor allem an Sportlerdramen, in denen ein Außenseiter wider alle Erwartungen triumphiert.

Doch aus rechter Perspektive ist noch ein härterer Vorwurf gegen dieses Narrativ möglich als der des Klischees, da der Liberalismus mit dem Ideal des strahlenden Selfmade-Man gegen die gewachsene Gemeinschaften mobilmacht: Alles, was der Mensch zum Florieren brauche, seien unbegrenzte gesellschaftliche Möglichkeiten.

Die Zweihundertjahrfeier der USA

Die Geschichte „Rockys“ scheint auf den ersten Blick eine Hymne auf diesen American Dream zu sein: Ihr Protagonist ist Rocky Balboa, ein erfolgloser Boxer, der sich als Eintreiber eines Geldverleihers über Wasser hält, dafür aber eigentlich viel zu gnädig ist. Sein gutes Herz zeigt sich in seiner Tierliebe ebenso wie in den romantischen Annäherungsversuchen gegenüber Adrian, der schüchternen Schwester seines besten Freundes Paulie. Mit unbeirrbarer Beharrlichkeit gelingt es Rocky schließlich, Adrian zu seiner Freundin zu machen, während sein Leben sich ansonsten in einer Sackgasse zu befinden scheint.

Zeitgleich sucht der schwarze Boxweltmeister Apollo Creed einen Gegner für einen großen Kampf zur Zweihundertjahrfeier der USA. Er entscheidet sich dafür, als PR-Gag mit einem unbekannten Weißen in den Ring zu steigen und die Wahl fällt auf den „Italian Stallion“, Rocky Balboa.

All das klingt reichlich zuckrig und unrealistisch, doch der erste Eindruck täuscht.

Eine realistische Darstellung der armen Leute

Rocky ist zwar ein guter Kerl und zuweilen sogar weise, doch alles andere als intelligent. Tatsächlich kann man sich jemanden wie ihn gut in der weißen Unterschicht vorstellen. Neben Rocky gibt es zudem Figuren wie Paulie, einen aufdringlichen und eifersüchtigen Trinker, der seine Launen an der eigenen Schwester abreagiert. Zwar gelingt es Adrian schließlich, ihrem Bruder die Stirn zu bieten, doch dadurch wird dieser weder wirklich bestraft, noch wird er im späteren Verlauf geläutert. Er bleibt das dumme Arschloch, das er immer war, und gehört dennoch weiterhin dazu. Anders als in manchem linken Film wird das raue Milieu der armen Leute nämlich weder romantisiert noch als eine Hölle auf Erden dargestellt, gegen die es einen utopistischen Feldzug zu führen gelte.

Solcherlei Progressismus braucht es auch gar nicht für Rocky und Adrian, um im Verlauf des Films allerdings eine Entwicklung durchzumachen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Dass Rocky stets unter diesen geblieben ist, ist die wahre Quelle seines Leidensdrucks, ebenso wie desjenigen seiner Freundin.

Beiden wurde von ihren Eltern gesagt, was sie nicht seien – Rocky sei nicht schlau, Adrian nicht schön. Obwohl sie bereits dreißig sind, hat zu Anfang des Films daher noch keiner von ihnen zu einer positiven Identität gefunden. Rockys großes Talent, das Boxen, hat er nicht als sein Eigenes angenommen, sondern als äußeren, gesellschaftlichen Zwang.

Das Angebot seines Lebens

Als er schließlich völlig überraschend das Angebot bekommt, gegen Creed zu boxen, versteinert sein Gesicht, er schweigt wenige Sekunden und sagt dann emotionslos: „Nein.“

Wovor hat er Angst? Davor, beim Verlassen seiner Sackgasse zu scheitern? Nein. Er hat nicht Angst vor der Sackgasse, sondern um sie. In ihr nämlich hat er sich längst auf dem weichen Kissen uneinlösbarer Träumereien gemütlich niedergelassen. Für Rocky ist die Möglichkeit, sich endlich beweisen zu können, vor allem auch die Möglichkeit, final widerlegt zu werden. Es ist der Moment der Wahrheit.

Genau das ist auch der erste Moment im Film, in dem die Plastik-Version des amerikanischen Traumes mit dem echten Lebenskampf kollidiert. Für Apollo Creed ist der American Dream eine Illusion, die sich prächtig verkaufen lässt.

In einem Interview verkündet er, die Geschichte Amerikas habe bewiesen, dass jeder eine Chance zu siegen habe, obwohl er seinen Kontrahenten in Wahrheit für komplett chancenlos hält.

„Denken Sie an die Schlachten von Valley Forge oder Bunker Hill!“, scherzt er und die Reporter lachen, denn gerade dort wurden keine amerikanischen Siege errungen. In dem einen Fall wurde bloß standgehalten, in dem anderen vollbrachten die Briten einen Pyrrhussieg. Man merkt, dass Creed sein eigenes Gerede nicht ernst nimmt, es ironisch bricht.

Rocky muss sich beweisen

Doch für Rocky ist es ernst. Nach einigem Ringen mit sich selbst stellt er sich der Herausforderung und damit beginnt sein hartes, langes Training: um vier Uhr morgens, in der Kälte, im Dunkeln, allein. Immer wieder, mit jedem Schlag und jedem Schritt, muss er die Entscheidung für den Moment der Wahrheit neu treffen, und er tut es. Je öfter er das macht und je besser er wird, desto heller wird die Stimmung und desto mehr Unterstützung lässt er zu.

Erst in der Nacht vor dem Kampf ist Rocky wieder ganz allein, geht durch die Dunkelheit und ins Stadion, wo er vor einem riesigen Abbild seiner selbst steht wie am Anfang des Films vor einem Spiegel. Das Gewicht seines eigenen Schicksals lastet schwer auf seinen Schulter. Als er hiernach wieder bei Adrian auf dem Bett sitzt, kommt er zu einem realistischen Selbstanspruch: Er kann den Kampf nicht gewinnen, er kann nicht nach den Sternen greifen.

Er will standhalten. Als erster Boxer überhaupt will er bei Creed über die Runden kommen. Nur dann ist er jemand, nicht der Beste, aber er selbst und nur darauf kommt es ihm an.

Das große Finale (spoiler)

Am Tag darauf ist es soweit: Rocky, der einfache weiße Mann von der Straße, und der schwarze Verkäufer des American Dreams steigen in den Ring, Creed übrigens verkleidet als George Washington.

Mit den beiden Männern treten gleichsam der echte Heldenmythos und seine spätamerikanische Verflachung gegeneinander an – und plötzlich wird es auch für Creed ernst: In der ersten Runde geht er zu Boden, zum ersten Mal in seiner gesamten Karriere. Er spürt seine Besiegbarkeit und ihn packen die Angst und Entschlossenheit eines Mannes, der alles zu verlieren hat. Jetzt kämpft der alte, grimmige Platzhirsch gegen den hungrigen Herausforderer.

Gegen jede Wahrscheinlichkeit endet der Kampf nicht früh mit einem klaren Sieg des Champions, sondern geht über die volle Rundenzahl und bringt die zwei Männer dabei unweigerlich an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Schmerz, Härte und der verbissene Kampf um die eigene Identität verdrängen den pompösen Kitsch restlos.

Der Boxkampf geht aus wie die Schlacht von Bunker Hill: Balboa hält Stand und Creed fährt einen Pyrrhussieg ein. Dass er an der Oberfläche verloren hat, ist Rocky jedoch vollkommen egal, genau wie der oberflächliche Ruhm und alle anderen Verheißungen des American Dreams. Er ruft nur nach seiner Adrian und gibt der zuvor so schüchternen Frau damit die Möglichkeit, aus ihrer eigenen, pazifistischen Komfortzone auszubrechen. Im vor Reportern wimmelnden Ring gesteht sie Rocky euphorisch ihre Liebe und beide fallen sich in die Arme. Sie haben sich selbst gewonnen und dadurch erst einander.

Fazit

„Rocky“ ist ein hoffnungsfroher Film mit einem glücklichen Ende, doch er ist kein Kitsch. Der Kampf um Identität und Unabhängigkeit, von dem hier erzählt wird, bricht aus der Pastikkruste des Falschen als ein echter hervor. Dass eine solche Geschichte auch in der heutigen Epoche noch erzählt werden kann, macht Mut, und beweist die These des Films: Es gibt das Richtige auch im Falschen und wenn es bereit ist, Frust, Schmerzen und Niederlagen auf sich zu nehmen, kann es triumphieren.

Alles, was man dem Film vorwerfen kann, ist sein Versäumnis aufzuzeigen, dass es einen Punkt gibt, an dem das Richtige im Falschen eben nicht mehr möglich ist, denn genau diesem Punkt nähern wir uns an.

Allerdings: Erwartet man da nicht ein bisschen viel von diesem Film? Alle Ansprüche, die man als Rechter realistischer Weise an ein Sportlerdrama stellen kann, erfüllt „Rocky“ mit Bravour. Der kluge, facettenreiche und brillant gemachte Film erzählt nicht nur eine zeitlose Geschichte, sondern stellt auch deren Kampf gegen ihre eigene Verflachung dar.

Leider wurde dieser Kampf von den Fortsetzungen des Films verloren und dass Drehbuchautor und Hauptdarsteller Silvester Stallone sein Meisterwerk später derartig verkaspert hat, zeigt, dass es alles andere als leicht ist, den billigen Verlockungen des American Dreams zu trotzen, selbst wenn man um deren Falschheit weiß. Dem ersten „Rocky“ nimmt das freilich nichts. Es ist ein großartiger Film.

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Christian Illner

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"Niemand gewinnt es, der es nicht hat. Die es haben, haben es vom Feldweg."

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