„Unser Staat, die Bundesrepublik Deutschland, ist nach wie vor der Nationalstaat der Deutschen. Die Kultur und ihre Kunst haben deutsch zu sein.“ (S. 18)
Droht ein neues 1933?
Was passiert, wenn die AfD morgen an die Macht käme? Ein neues „1933″ mit Bücherverbrennungen und Reichskulturkammer, Dichter, die ins Exil müssen – kurz: eine Ära der kulturellen Dunkelheit?
Man könnte über solche Fragen lachen und einfach darüber hinweggehen. Doch so einfach ist es nicht. Der politische Gegner malt dieses Bild kräftig an die Wand. Mit Hilfe der Kartellparteien, der „gesellschaftlich relevanten Organisationen“ und der Massenmedien heizt man in genau diesem Sinne dem ahnungslosen, gutgläubigen Bürger kräftig ein. Manch einer fällt auf dieses Trommelfeuer herein. Die Frage lautet daher: Was will die AfD wirklich?
Im Wahlprogramm der AfD zum Bundestag 2025 konnte man auf den Seiten 170–173 im Kapitel „Kultur- und Medienpolitik“ lesen:
Deutsche Leitkultur statt „Multikulturalismus“
Unsere Identität bestimmt die grundlegenden Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. […] Die deutsche Leitkultur beschreibt unseren Wertekonsens, der für unser Volk identitätsbildend ist und uns von anderen unterscheidet. […] Die Alternative für Deutschland hält an den positiven Werten der Aufklärung und des Humanismus fest und fordert eine geistig-kulturelle Erneuerung und Wende auf allen Ebenen.
Dies ist allgemein gehalten, weist aber schon in eine klare Richtung. Tillschneider geht in seinem Buch weit darüber hinaus und versucht sich in einer auch philosophisch abgesicherten Begründung, die die Wurzeln offen legt, aus denen sich diese Programmatik speist. Die Betonung des „Deutschen“ ist, wie wir sehen werden, seine besondere Akzentuierung.
Moosdorf und Tillschneider als Avantgarde der AfD?
Die Bundestagsabgeordneten der AfD Matthias Moosdorf und Hans-Thomas Tillschneider haben jüngst zur Kulturpolitik Bücher mit zum Teil handfesten Thesen geschrieben, die sich auch schon in der Programmatik der AfD wiederfinden. Sie versuchen das Programm der Partei weiterzuentwickeln und damit zu konkretisieren.
Als maßgeblicher Programmatiker, weit über seinen Landesverband Sachsen-Anhalt hinaus, liefert Tillschneider in seinem neuesten Buch dazu eine Klärung der zentralen Begriffe, vor allem zur „Kunst und Kultur“ sowie eine grundsätzliche, weltanschauliche Vertiefung dessen, was eine „deutsche“ Kultur ausmacht.
Was im Buch nicht zu finden ist
„Dies ist kein Buch darüber, wie mittels Kulturpolitik die Macht im Staat zu erringen sei; es ist ein Buch darüber, wie die Kulturpolitik aussehen wird, nachdem die Macht errungen wurde.“ (S. 7)
Damit wird deutlich, dass es nicht um die von Alain de Benoist in seinem gleichnamigen Buch geforderte „Kulturrevolution von rechts“ geht, in der durch Metapolitik die gesellschaftlichen Denkweisen langfristig außerhalb der Parlamente derart verändert und geprägt werden, dass die Macht als Folge dieser Aktivitäten der Rechten auch parlamentarisch zufällt.
Tillschneider setzt an, nachdem die AfD die Macht errungen hat und staatlicherseits ein ausreichender Gestaltungsspielraum gewonnen wurde, um tiefgreifende Veränderungen vornehmen zu können. Welche metapolitischen Vorarbeiten hier vorher und nachher geleistet wurden, spielt keine Rolle.
Ebenso ist für ihn sekundär, inwieweit im Kulturbereich, wie in der Kunst, bereits Qualitatives aus dem rechten Kulturschaffen vorhanden ist, um die von den Kartellparteien geförderte, zu überwindende Kulturpolitik mit neuen Inhalten ersetzen zu können.
Natürlich steht das nichtlinke, nicht-woke Kulturerbe als erster Rückgriff zur Verfügung. Für ihn ist die konkrete Ausübung der errungenen Macht entscheidend, um von oben die Verhältnisse neu zu ordnen. Diesen Rahmen beschreibt er, nicht mehr und nicht weniger.
Wer hier ein konkretes Kulturprogramm mit dem Schwerpunkt auf der Kunst erwartet hat, wird enttäuscht. Tillschneider hat überwiegend ein Grundlagenbuch geschrieben. Sicherlich hätte er auch zu den Themen Kulturkampf, erhaltenswerte und neue Kultur detaillierte Vorschläge machen können, doch dies würde an dieser Stelle über sein selbstgestecktes Ziel hinausgehen.
Was ist Kulturpolitik?
Bemerkenswert ist Tillschneiders Begriff der „Kulturpolitik“, der weit über das hinaus geht, was man gewöhnlich darunter versteht.
Der Duden definiert Kultur als „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen und gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Entwicklung.“
Kulturpolitik ist „die Gesamtheit der Bestrebungen des Staates, der Gemeinden, Kirchen, Parteien, Vereine und Verbände zur Förderung und Erhaltung der Kultur.“
Dies sind schon weit gefasste Definitionen, da das klassische Verständnis von Kulturpolitik primär staatliche und städtische Behörden umfasst, die sich mit klassischer Kultur, wie Oper, Theater, Museen und Literatur zum Erhalt und zur Pflege nationaler und regionaler Kulturdenkmäler beschäftigen.
Für Tillschneider ist Kulturpolitik weit mehr. Sie ist im Politischen nahezu allumfassend:
„Kulturpolitik umfaßt alle Gebiete, die auch Gegenstand der Politik werden.“ (S. 94)
Das Entscheidende kommt aber noch:
„Kulturelle Identität muß als Begleitaspekt schlichtweg jeder Form von Politik begriffen werden.“ (S. 92 f.)
Die Kulturpolitik hat darauf zu achten, „daß das deutsche Wesen der verschiedenen Regionen des Politischen gewahrt bleibt…“. (S. 94)
Bei Tillschneider geht es einzig um die Kulturpolitik des Staates. Davon unabhängige private Aktivitäten jeglicher Art sind nicht Gegenstand seiner Betrachtungen.
Ist Kultur politisch?
Hier kommt Tillschneider, wie schon zuvor Moosdorf, ins Schwimmen. Indem er eine „nationale“ oder „deutsche“ Kultur einfordert, kann er nicht von einer unpolitischen Kultur sprechen, wie er es dennoch tut. Die hegemonial noch dominierenden Kultur-Linken zwingen realistischerweise ohnehin dazu, die Kultur und mit ihr die Kunst unter politischen Gesichtspunkten zu behandeln.
Auch Moosdorf argumentierte schon wenig überzeugend, dass wahre Kunst unpolitisch sei und es keine gute politische Kunst geben könne.
Tillschneider schreibt: „Kunst mag sich für Politisches einspannen lassen, ist jedoch ihrem Wesen nach unpolitisch.“ (S. 144).
Indem Tillschneider jedoch der wahren deutschen Kunst einen nationalen Charakter zuschreibt und diese gegen die „a-nationale“ und „anti-nationale“ Kunst der Altparteien stellt, befindet er sich automatisch mitten in einer hochpolitischen Auseinandersetzung, in der es gegen die Zersetzung und stattdessen für die traditionellen deutschen Werte geht.
Zu behaupten, Kunst mit politischem Inhalt wäre von vornherein minderwertig oder gar keine Kunst, ist mehr als zweifelhaft. Selbstverständlich gibt es sich selbst so verstehende politische Kunst in beiden politischen Richtungen, die auch höheren Qualitätsmaßstäben entspricht.
Mag der Leser entscheiden, inwieweit er Tillschneiders weiterer Argumentation hierzu in seinem Buch folgen will.
Warum „deutsche“ Kulturpolitik?
Wie bereits der Künstler und Kunsttheoretiker Alexander Adams in seinem hervorragenden Buch „How to Start a Dissident Art Movement“ überzeugend ausgeführt hat, warnt auch Tillschneider vor einer Kultur, die nur regional oder gar international sein will. Für beide sind lokale und regionale Kunst nur Facetten des größeren Nationalen, während eine internationale Welt-Kunst nur eine Chimäre sein könne:
„Die Altparteienkulturpolitik überspringt die Nation und konzentriert sich in einer Art Zangenbewegung gegen die Nationalkultur auf das Regionale und Internationale zugleich.“ (S. 15)
„Die Nation soll in einem permanenten Zweifrontenkrieg von oben und unten zerrieben werden.“ (S. 16)
„Die Nation ist der Bezugspunkt aller Kultur.“ (S. 16)
Daraus ergibt sich Tillschneiders prioritärer Bezug auf die deutsche Kultur. So beinhaltet sein Buch folgerichtig auch ein komplettes Kapitel zur Frage „Wie es ist, deutsch zu sein“.
Was ist „Kunst“, was „Kultur“?
Tillschneider geht systematisch vor, indem er die Begriffe „Kultur“ und „Kunst“ definiert und gegeneinander abgrenzt. Danach trennt er in Staats- und Volkskultur. Er zeigt den Wert der Nationalkultur im Gegensatz zum Globalismus auf. Er stellt die Frage nach dem, „was deutsch ist“ und widmet folgerichtig auch ein Kapitel dem „deutschen Nationalcharakter“. Damit hat er eine ganze Kette von Argumenten und Thesen aufgestellt, die in ihrer Konsequenz zu einer „deutschen Kulturpolitik“ führt.
Typisch für eine wachsende Zahl rechter Intellektueller ist dabei der Bezug auf Heidegger, der gefühlt zu viele Seiten füllt. Ebenso obligatorisch ist die Kritik an der Frankfurter Schule, etwa an Habermas, der bekanntlich einen absurden „Verfassungspatriotismus“ vertrat.
Welche konkreten Maßnahmen sollen ergriffen werden?
Nachdem Tillschneider den absoluten Schwerpunkt auf die Nationalkultur gelegt hat, darf nicht vergessen werden, dass auch die lokale und regionale Kultur im Bundesprogramm der AfD ihren Stellenwert hat. Für Tillschneider ist das bestimmt kein Widerspruch, sondern ein untergeordneter Teil des Ganzen.
Die AfD schreibt im Bundesprogramm:
Brauchtum und Gedenken
Brauchtum wirkt identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend. Deshalb wollen wir unser Brauchtum und unsere Mundarten pflegen, wozu lokale Kulturvereine einen wichtigen Beitrag leisten. Das Leid der Heimatvertriebenen darf nicht vergessen werden. […] Baudenkmäler und heimische Architektur prägen Heimatgefühl und kulturelle Identität. Die Schönheit historischer Innenstädte muss bewahrt und bei Bedarf durch Rekonstruktionen wiederhergestellt werden. (Bundesprogramm)
Tillschneider:
„Eine Schwundstufe von so etwas wie nationalkultureller Identifikation lebt sich in verklemmter international-regionaler Verklammerung oder daneben nur noch in heimatlicher Verniedlichung auf Dorfebene ab als Brauchtumspflege aus, wo sie, den Kommunen als freiwillige Aufgabe überlassen, ein kümmerliches Dasein fristet.“ (S. 15)
Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Tillschneider aufgrund seines extrem weit gefassten Begriffes von Kultur ausführlicher mit den Themen der „Staatsidentitätspolitik“, der „Rechtspolitik“, der „Währungspolitik“, der „Religionspolitik“, der „Schulpolitik“, der „Universitätspolitik“ und der „Kunstpolitik“ im Falle einer Machtübernahme.
Im Bundesprogramm der AfD steht unter dem Punkt „Kulturförderung“:
„In der Kulturförderung muss die künstlerische Freiheit gewahrt bleiben. Politische Vorgaben der staatlichen Kulturförderung sind abzulehnen. […] Die AfD bekennt sich zur Kulturhoheit der Bundesländer und will die kulturpolitischen Aktivitäten des Bundes begrenzen.“
Tillschneider schreibt in seinem Buch im Kapitel „Fazit“ zum Bereich der Kunst:
„Die Programmankündigung der AfD Sachsen-Anhalt, keine antideutsche Kunst fördern zu wollen, hat ihr den Vorwurf eingebracht, sie verletze damit die Kunstfreiheit. Dieser Vorwurf verkennt zweierlei: Erstens verkennt er, daß die Kunstfreiheit lediglich ein Abwehrrecht gegen den Staat ist. Die Kunst hat das Recht vom Staat in Ruhe gelassen zu werden, aber keinen Anspruch auf Förderung. Sodann verkennt dieser Vorwurf, daß die Forderung an die Kunst, nicht antideutsch zu sein, weder eine Ästhetik vorschreibt noch die Kunst auf ein politisch-parteiliches Ziel verpflichtet, sondern vielmehr eine politische Zwecksetzung ausschließt.“ (S. 144)
Tillschneider bewegt sich im Rahmen des AfD-Bundesprogrammes. In einigen Punkten setzt er aber eigene Akzente und geht darüber hinaus. Da er Cheftheoretiker der AfD in Sachsen-Anhalt ist, könnten seine national-deutschen Vorstellungen zumindest auf Landesebene tatsächlich eine gewisse Relevanz erhalten, sollte die AfD mit einer soliden Mehrheit an die Macht kommen.
Problematisch
Tillschneider umschifft einen wesentlichen Punkt: Die Frage nach dem Kulturträger aus biologischer Sicht eindeutig und zutreffend zu beantworten. Kultur entsteht durch einen bestimmten Menschentyp und wird in einer bestimmten Menschgruppe wertgeschätzt. Sie variiert nach den verschiedenen Gruppen. Sie ist somit gebunden an den biologischen Träger. Wird der Träger biologisch verändert oder ausgetauscht, ändert sich auch die Kultur.
Tillschneider liegt schon richtig, wenn er eine deutsche oder nationale Kultur einfordert. Er hält es für möglich, dass sich die deutsche Kultur auch für „Fremdstämmige“ öffnet. Wen er damit genau meint, bleibt offen. Da ist jedoch was dran, wenn man beispielsweise die Rezeption der klassischen deutschen Musik in Europa oder Nordostasien betrachtet. Offen bleibt, wie weit dies gehen kann. Offen bleibt auch, welchen Grad an Homogenität das deutsche Volk erhalten muss, um noch als deutsch gelten zu können und um weiterhin deutsche Kultur erschaffen zu können.
Der Rezensent kann Tillschneider in vielem folgen, hat aber ein Problem mit dessen Definition des „Deutschen“, die die biologische Grundlage verwässert und auch grundsätzlich fragwürdig erscheint:
„Menschliche Gruppenbildungen sind symbolisch, nicht biologisch fundiert. Die Kategorie Abstammung ist keine Alternativkategorie zu Kultur, so daß ein Menschenvolk sich entweder durch Kultur oder durch Abstammung definieren könnte.“ (S. 25)
„Der einzelne hat keine Kunst … Kunst gibt es nur als Kunst eines Volkes.“ (S. 146)
„Unser Staat, die Bundesrepublik Deutschland, ist nach wie vor der Nationalstaat der Deutschen. Damit versteht sich von selbst: Ihre Kultur und ihre Kunst haben deutsch zu sein.“ (S. 189)
Fragt sich nur, wie weit „deutsch“ sie im biologischen Sinne sein müssen. Ein Bekenntnis aus der AfD zum ethnischen Volksbegriff kann es hier natürlich nicht geben, da dieser kurioserweise in der BRD als „verfassungsfeindlich“ gilt und für die AfD verbotsrelevant wäre.
Fazit
Tillschneider hat ein äußerst lesenswertes, jedoch stellenweise schwer lesbares Buch geschrieben, das den Kulturbegriff stark ins Politische erweitert. Er fordert eine deutsche Nationalkultur für die BRD als Grundlage der staatlichen Kulturpolitik. Seine Thesen haben bereits in Teilen der AfD Eingang in deren Wahlprogramme gefunden. Es bleibt zu hoffen, dass sich dies fortsetzt und bald auch in Regierungsprogrammen einen Niederschlag findet.
Auch wenn man Tillschneider nicht in jedem Detail zustimmt, ist das vorliegende Buch ein wichtiger Baustein für die Grundlagendiskussion um eine deutsche, rechte Kulturpolitik. Man darf hoffen, dass sich in naher Zukunft jemand findet, der in Ergänzung ein leichter lesbares „Handbuch rechter Kulturpolitik“ schreibt, das für die tägliche Praxis und für den rechten Kulturkämpfer konkrete Hinweise und Aktionsmöglichkeiten anbietet, die auch über den staatlichen Rahmen hinausgehen, denn der Staat bedarf immer auch der privaten Initiativkraft von unten.







