Wir Rechten sind heute oft – und das meistens ungewollt – Einzelgänger, so scheint es mir zumindest. Ich habe selbst versucht, dieser Vereinzelung abzuhelfen, ich war zum Beispiel auf den Karlstagen, und obwohl das eine nette Veranstaltung gewesen ist und man dort gute und anregende Gespräche führen konnte, blieb bei mir trotzdem das Gefühl, dass der Funke nicht überspringen wollte.
Natürlich braucht echte Verbundenheit Zeit, um zu wachsen und zu reifen, das ist mir klar, aber ich hatte immer das Gefühl, dass viele doch nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen und dass dabei bisher keine Fortschritte erzielt wurden, die uns als rechte Gemeinschaft voranbringen. Deshalb ist Illners Gefährtenschaft das, was das rechte Lager meiner bescheidenen Meinung nach gerade am nötigsten hat.
Der Idealismus unter Rechten
Ein häufiger Vorwurf, den man Schillern macht, ist sein Idealismus. Seine Figuren seien nicht so lebensecht wie die eines Shakespeares, sein Werk sei nicht so natürlich gewachsen wie das seines großen Freundes Goethe. Immer sei da eine Agenda, etwa gewolltes, verkopftes, philosophisches, wenn man so will. Und so zieht Schiller in der Bewertung regelmäßig den Kürzeren. Jedoch, ein jedes hat seine Zeit und ich denke, dass wir uns gerade in der Lage, in der sich die deutsche Rechte befindet, nicht vor einem gewissen Idealismus verschließen sollten.
Ja ja, ich weiß, der Idealismus steht bei uns nicht gerade hoch im Kurs, er ist für manche Teile der Rechten gar ein Schimpfwort. Mode ist gerade der Machiavellismus; pragmatisch, skrupellos und nur in der harten Wirklichkeit verhaftet. Und das ist auch gut und richtig so, meine ich. Aber, um mit Illner zu sprechen: Er ist es nur für die flache Rechte, die sich im Kampf mit dem äußeren Feind befindet, die richtige Geisteshaltung. Auf unser Inneres gewendet, erscheint mir hingegen der Idealismus gerade die angebrachte Haltung zu sein und ich persönlich verstehe auch Illners Gefährtenschaft als eine im Kern idealische Gemeinschaft, die den Bruder, den Gefährten eben nicht deshalb an- und aufnimmt, weil er ihr nützt, sondern weil sie allen offen steht, die teilhaben wollen am Kommenden, am Neuen; an dem, von dem wir spüren, dass es nottut, auch wenn wir es noch nicht benennen, nicht greifen können, eben weil es noch im Werden begriffen ist.
Wir brauchen dringend wieder eine sinnstiftende Einheit, die uns Rechten etwas gibt, worauf wir unser Streben ausrichten können. Das, was in vergangener Zeit das Christentum oder die Nation war und geleistet hat und was eben heute beide nicht mehr leisten (zumindest nicht auf Skalen, die eine Rolle spielen) muss wieder möglich sein und für den Moment ist das einzige Ding, bei dem ich mir auch nur entfernt vorstellen kann, dass es dazu im Stande wäre, die Gefährtenschaft. In Schillers Stück spielt ebenfalls ein Männerbund eine wichtige Rolle, die Eidgenossenschaft der Schweizer, die sich mit ihrem berühmten Schwur auf dem Rütli gegen die fremde Macht der Habsburger verbindet. Am Beispiel einiger dieser Eidgenossen möchte ich nun versuchen, einige der Probleme zu erörtern, vor die sich unsere rechte Bewegung gestellt sieht.
Stauffacher, der Mann, der sich noch nicht traut
Der erste Eidgenosse, dem wir uns zuwenden, ist Werner Stauffacher, ein guter Freund Wilhelm Tells. Stauffacher ist ein angesehener Bürger und hat viele Freunde in der ganzen Schweiz, die ebenso unzufrieden sind wie er. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine Verschwörung gegen die Habsburger, doch Stauffacher zögert. Warum? Aus Furcht natürlich. Furcht vor Repressalien, insbesondere für sein Eigentum und seine Familie.
Klingt das alles nicht allzu bekannt? Es ist bereits mit Händen zu greifen, dass etwas faul ist in der Schweiz. Und trotzdem es auch nicht an anständigen und mutigen Männern mangelt, tut sich nichts. Denn was fehlt, ist die Verbindung, das Wir. Solange das nicht gegeben ist, bleibt es dabei, dass sich jeder in seiner Unzufriedenheit suhlt und am Ende untätig bleibt.
Nun hat Stauffacher Glück, dass er eine Frau zuhause hat, die ihm den Kopf gerade rückt. Hierzu einige von Schillers Versen:
Gertrud: Ertragen muss man, was der Himmel sendet,
Unbilliges erträgt kein edles Herz.Stauffacher: Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.Gertrud: Wüsst ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
Den Brand wärf ich hinein mit eigner Hand.Stauffacher: Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.Gertrud: Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
– Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.Stauffacher: Wir Männer können tapfer fechtend sterben,
Welch Schicksal aber wird das eure sein?Gertrud: Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen,
Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.Stauffacher (stürzt in ihre Arme): Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten.
Und keines Königs Heermacht fürchtet er.
Von den obigen Versen möchte ich besonders einen hervorheben: „Sieh vorwärts und nicht hinter dich.“ Er führt uns auf eines der großen Probleme, denen sich die heutige Rechte meiner Meinung nach gegenübersieht, dem richtigen Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft.
Das Alte und das Neue
Der Blick in die Vergangenheit ist für uns Rechte eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits erhebt er uns, weil wir auf das Gute und Wohlgeratene, das sich in der Geschichte gezeigt hat, zurückblicken können. Wir verstehen durch ihn, dass wir kein bloßes Staubkorn im Zeitenstrudel sind, sondern Teil einer Kette, die viele tausend Jahre zurückreicht und auch mit uns nicht abbrechen darf. Andererseits birgt er die Gefahr des Reaktionären. Das Ewig-Gestrige (Schiller im Wallenstein) oder in Illners Worten das (Hyper)Katechontische ist vielleicht die größte Gefahr, der das rechte Denken ausgesetzt ist.
Wer von uns hatte wohl nicht einmal eine Phase, in der er am liebsten die Uhr zurückdrehen würde, etwa ins 19. Jahrhundert, das Mittelalter, die Antike usw. Doch früher oder später müssen wir das hinter uns lassen. Es führt kein Weg zurück. Natürlich sind wir deshalb nicht abgeschnitten von unserer Vergangenheit und Tradition, aber sie ist nicht (mehr?) in der Lage, das Fundament der Zukunft zu bilden. Was auch immer den stetigen Verfall aufzuhalten vermag, es muss etwas Neues sein, etwas, das aus uns selbst kommt.
In Schillers Drama entspinnt sich der Konflikt zwischen Zukunft und Vergangenheit, dem Blick zurück und nach vorn in den Gestalten des Freiherrn von Attinghausen und seines Neffen Ulrich von Rudenz. Attinghausen ist ein alter Edelmann, der zu seinem Volk und dessen Traditionen steht. Ulrich schließt sich hingegen an die Habsburger an. Er will in die große Welt eintreten und sich dort Ruhm und Ehre erwerben, nebenbei spielt auch ein Edelfräulein eine gewisse Rolle.
Was das Problem des richtigen Verhältnisses der Rechten zur Vergangenheit angeht, ist der alte Attinghausen ein positives Vorbild. Verwurzelt in der Tradition, aber dennoch im Geiste so jung geblieben, dass er sich gegen die notwendige Erneuerung nicht verschließt, ohne die das Konservative in ein totes, weil wandlungsunfähiges, reaktionäres Zerrbild abgleitet.
Besonders die Todesszene des Freiherrn verdient unsere Aufmerksamkeit. Auf dem Sterbebett erscheint dem alten Mann sein Leben als gescheitert, denn sein Vaterland ist unter die Knechtschaft der Habsburger geraten. Aus Ehrfurcht vor dem großen Mann, der lange ihr letzter Beschützer war, weihen die Eidgenossen den Sterbenden in ihr Bündnis ein und Attinghausen schöpft wieder Hoffnung. In seinen letzten Augenblicken auf Erden empfängt er eine Vision der neuen Schweiz, die sich nicht mehr nur auf die Stärke des Adels gründet, sondern die Gemeinschaft der Eidgenossen. Das Primat des Adels endet, doch der letzte dieser Adligen hat damit seinen Frieden geschlossen. Attinghausen weint der Vergangenheit nicht nach, er nimmt das Neue, das Kommende freudig an.
Attinghausen: Hat sich der Landmann solcher Tat verwogen,
Aus eignem Mittel, ohne Hülf der Edeln,
Hat er der eignen Kraft so viel vertraut –
Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr,
Getröstet können wir zu Grabe steigen,
Es lebt nach uns – durch andre Kräfte will
Das Herrliche der Menschheit sich erhalten.
Die Vision der neuen Schweiz, die Attinghausen noch schauen darf,
gipfelt in der Beschwörung der Eidgenossen zur Einheit: Seid einig – einig – einig.
Was kann unsere rechte Gemeinschaft aus Attinghausens Tod lernen?
Das Eine ist, dass die Vergangenheit, auch wenn sie uns eine Quelle der Kraft, Besinnung und Ruhe ist, doch auch unwiederbringlich ist. Sie ist nicht verloren, aber sie kehrt uns auch nicht wieder, ganz egal wie sehr man sich vielleicht danach sehnt,
aber diesen Schritt, die Abwendung vom Ewig-Gestrigen, das morgen gilt, weil’s heute hat gegolten, kann uns niemand ersparen. An ihre Stelle muss etwas Neues treten, etwas Lebendiges, das – wie alles Lebendige – ständig im Werden und nicht abgeschlossen ist.
Das Andere entnehmen wir seinen letzten Worten.
Wir Rechten müssen einig sein, wenn wir eine Zukunft haben wollen.
Ulrich, der ungestüme junge Mann
Der Neffe Attinghausens, Ulrich von Rudenz, und dessen Entwicklung sind für uns ebenfalls von Interesse. Zunächst steht er auf der Seite der Habsburger, auf der Seite der Macht und der Hoffnung auf Einfluss, Ruhm und Ehre. Dass sich diese auch in seiner Heimat finden lassen und dort ohne den gewaltsamen Abriss von seiner Herkunft zu haben sind, muss Ulrich erst noch lernen. In ihm werden sicher viele von uns etwas von sich selbst wiederfinden können. Sei es der Tatendrang und das Streben nach Anerkennung, das Gefühl, am falschen Platz oder vielleicht in der falschen Zeit geboren zu sein oder nicht zuletzt die Anziehungskraft der Macht.
Ulrich ist davon überzeugt, ganz genau zu wissen, was das Richtige und Gute ist. Und wer ist mehr im Recht, als derjenige, der erfolgreich und mächtig ist? So fällt Ulrich die Wahl zwischen seinem bäuerlichen Vaterland und der großen Welt des Habsburger Hofes nicht schwer. Und kann man es ihm wirklich übel nehmen? Ulrich ist ein junger, ehrgeiziger Mann, mit all den Fehlern (und Vorzügen), die die Jugend mit sich bringt. Was ihm fehlt, ist Reife und die Gebundenheit in ein Ganzes. Ihm fehlen die Gefährten. Dass er diese nicht auf der Seite der fremden Besatzungsmacht finden kann, wird ihm schmerzlich bewusst, als die Frau, die er liebt, ihm gerade die Abkehr von seinem Vaterland zum Vorwurf macht. Als er später auch noch aus erster Hand Zeuge der Grausamkeiten des Vogts Gesslers wird (die berühmte Apfelschussszene), besinnt er sich endlich eines Besseren und bekennt sich vor aller Welt zu seinem Vaterland. Seine Reue kommt jedoch spät, denn sein Onkel liegt bereits im Sterben und Ulrich kann nur noch am Bett des Toten seinen Sinneswandel bekennen.
Nach dem Tod Attinghausens wird Ulrich in die Eidgenossenschaft aufgenommen, doch nicht ohne Vorbehalte. Man hat nicht so schnell vergessen, dass er es bis vor Kurzem noch mit den Habsburgern hielt und besonders ein anderer junger Mann, Arnold von Melchtal, ist skeptisch. Er glaubt nicht an den plötzlichen Sinneswandel Ulrichs und will ihn am liebsten von der Eidgenossenschaft ausgeschlossen sehen. Doch die älteren und weiseren Männer mahnen, eingedenk der letzten Worte Attinghausens, zur Eintracht.
Immer noch etwas widerwillig lässt Arnold sich überzeugen und tatsächlich werden er und Ulrich am Ende zu engen Freunden geworden sein, die durch eine gemeinsam bestandene Feuerprobe ein Bündnis schließen, das „fest gehärtet durch die Glut des Feuers, bestehen wird in allen Schicksalsproben.“
Ein idealer Ausgang der anfänglichen Differenzen, die im gemeinsamen Kampf für die rechte Sache überwunden werden. Wie schön wäre es, wenn auch unsere Gefährtenschaft dies vermag und das ewige innerrechte Gekeife auf diversen Plattformen ein Ende nehmen würde und daraus eine Gemeinschaft entstünde, die so herzlich ist, wie die zwischen Ulrich und Arnold.
Am Ende seiner Reise hat der junge Ulrich das gefunden, wonach er sich stets gesehnt hat. Er ist ein wertvoller und geschätzter Mann in einer Gemeinschaft, hat Bedeutung und Sinn gefunden. Er ist Teil des neuen Bundes der eidgenössischen Gefährtenschaft.
Die Eidgenossenschaft
Die beiden Freunde Wilhelm Tell und Werner Stauffacher können als typische Vertreter der flachen (Tell) und mittleren Rechten (Stauffacher) gesehen werden. Zu Beginn der Handlung sind die beiden noch uneins über die richtige Strategie im Umgang mit den Habsburgern. Doch diese tagespolitischen Unstimmigkeiten – man möge mir diesen profanen Ausdruck verzeihen – hindern nicht, dass sich echte Gefährten im Fall der Fälle unterstützen. Die Einigkeit nach außen ist heilig, auch wenn es im Innern Meinungsverschiedenheiten gibt.
Die beiden Freunde gehören zwei unterschiedlichen Arten von Männern an und das ist gut. Denn man braucht beides, den kühnen Mut zur Tat und die kluge Überlegung. Die Gefährtenschaft ist auf die Stauffachers und die Tells angewiesen. Über Stauffacher haben wir bereits gesprochen; nun noch ein paar Worte zu Schillers Titelhelden.
Tell ist die Verkörperung des Tatmenschen. Das Organisationstalent seines Freundes Stauffacher geht ihm ab. Dabei ist er aber kein Rastloser, der ständig den Aufstand proben muss, denn eigentlich will Tell auch nicht viel mehr als auf seinem eigenen Grund und Boden in Frieden leben. Dass er das nicht kann, ist den Zeiten geschuldet, in denen er lebt. Es bleiben für Tell im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, vor die sich auch ein jeder von uns gestellt sieht. Die innere Emigration oder der Entschluss zur Tat, zum Mitwirken an der gemeinsamen Sache. Nun wissen wir natürlich alle, was die bessere Wahl ist, doch die ungleich schwierigere Frage, die es dann zu beantworten gilt, ist eben: Was tun?
Tell ist in der „glücklichen“ Situation, dass diese Frage für ihn von allein beantwortet wird. Die Tyrannei wendet sich gegen ihn selbst und gegen das, was ihm am teuersten ist, seine Familie. Damit wird die Erfüllung seiner persönlichen Pflicht zugleich zu seiner Aufgabe innerhalb der Gefährtenschaft. Mit Tells Mord an Gessler beginnt der Umsturz, die Zwingburgen der Habsburger werden gestürmt und die Schweiz befreit.
Doch Tells Tat, so groß und wichtig sie ist, gibt eben nur den günstigen Anlass, auf den die Gefährten gewartet haben. Allein wäre Tells Racheakt eine wirkungslose Aktion geblieben, die verpufft. Natürlich wäre Gessler immer noch tot, aber der nächste Gessler stünde schon bereit. Dass der Umsturz Erfolg haben kann, wird nur durch die Gefährtenschaft der Eidgenossen möglich, die sich auf dem Rütli zu ihrem berühmten Schwur versammelt hatte. Und mit diesem Schwur, der den Geist ausdrückt, den wir in unsere rechte Bewegung aufnehmen müssen, wollen wir enden:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.







