Während die AfD in liberalen Wirtschaftsfragen mit ihrem Programm gut aufgestellt ist, tat sie sich traditionell eher schwer damit, den Kulturkampf der Linken zu erkennen und diesem tatsächlich mit einer eigenen rechten Identität und Kulturpolitik entgegenzutreten. Begnügt man sich in der Partei mit einem politischen ‚Vibe Shift‘ in den Wahlumfragen und ‚realpolitischen‘ Korrekturen oder hat man die Ambition (auch im rechten Lager generell) damit Anlauf für eine echte rechte Wende in Kultur und Gesellschaft zu nehmen?
Ein Abend in Berlin
Der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der AfD Bayern Tobias Teich lud in der Vorweihnachtszeit unter der Überschrift „Von Weimer bis Weimar“ zu einem interessanten zuhöreroffenen Diskussions- und Vortragsabend in die Räumlichkeiten des Bundestages. Eine unserer Meinung nach einsichtsreiche Veranstaltung, an der wir euch hier teilhaben lassen wollen. Thema waren der aktuelle Stand und die zukünftigen Herausforderungen einer rechten Kulturpolitik. Teich hatte zu diesem Zweck drei kompetente und hochkarätige Gäste geladen:
Benedikt Kaiser stellt die Politik in den Mittelpunkt und schreibt schon seit Jahren Analysen zum rechten politischen Vorfeld, über (meta)politische Strategien und Versäumnisse der AfD in diesem Bereich und hat kürzlich mit „Der Hegemonie entgegen“ ein Buch darüber vorgelegt, wie man von einem volatilen Stimmungsumschwung zu gesellschaftlicher Durchdringung gelangt.
Der Autor Volker Zierke brachte als rechter Romancier (kürzlich erschienen: Herrengedeck) die Perspektive der Künstler und Kulturschöpfer ein.
Und der für seine stabilen und provokanten Parlamentsauftritte bekannte Matthias Helferich, der neben anderen die AfD in dieser Legislatur im Kulturausschuss des Bundestages vertritt, gewährte Einblicke in das Tagesgeschäft der aktuellen Kulturpolitik. Diese musste sich 2025 mit einem konservativen Feigenblatt als neuem Kulturstaatsminister in Person von Wolfram Weimer, einer nach wie vor linken Kulturpolitik und einem mutmaßlich veritablen Plagiats- und Käuflichkeitsskandal des besagten Kulturbeauftragten herumschlagen. Umstände, die Helferich als Kulturpolitiker in mehreren guten Bundestagsreden kritisch auf die Tagesordnung setzte.
Wolfram Weimer die konservative Mogelpackung
Kulturpolitisch schlimmer als der Skandal um die Weimer Media Group und den Verkauf von Hintergrundgesprächen mit Spitzenpolitikern ist Weimers Rolle als konservative Mogelpackung. Angetreten war er zumindest verbal als eine Art konservativer Kulturkämpfer, der bürgerlichen Idealen wieder Geltung in der Gesellschaft verschaffen und linke Irrungen in der Kultur zurückfahren wollte. Ein konservatives Manifest hatte solch Hoffnungen genährt. Dies war zumindest das Schreckbild, mit dem linke Medien aufwarteten und mit dem Friedrich Merz wie schon im Wahlkampf versuchte, Stimmung bei rechten Wählern zu machen.
Nur erwies sich dies – allzu erwartbar – wie auch bei der Politik des Bundeskanzlers als potemkinsches Dorf. Statt einer rechten Wende gab es erst einmal neue Konzepte und Gelder für die deutschen Gedenkstätten, kein Aufräumen mit dem Schuldkult, sondern ein moralisches Ketten an die politischen Interessen Israels. Linksextreme Verlage wurden mit Preisen und Preisgeldern bedacht. Niemand hätte erwartet, dass Weimer plötzlich mit Exponenten der Gegenkultur wie Hydra Comics, KVLTGAMES oder Jungeuropa zusammenarbeitet, aber von auch nur im Ansatz konservativen Weichenstellungen bei der Kultur- und Förderpolitik sieht man nichts, man hört nur Floskeln und Phrasen, hinter denen weiter linke Politik gemacht wird. Bereit für einen echten Konflikt mit linksdominierten Kulturestablishment ist man nämlich nicht.
Markige Sprüche in einem Manifest bedeuten noch lange keine konsequente politische Praxis und schon gar nicht den Willen, am Status Quo überhaupt substanziell etwas verändern zu wollen. Konnte er nicht? Nein, er wollte nicht! Angesichts dieser Bilanz schloss sich die Diskussion dann auch mit der Formel, dass Claudia Roth im Amt der Kulturstaatsministerin zu belassen, vielleicht nicht besser, aber wenigstens ehrlicher gewesen wäre. Beunruhigend ist, wie gewisse Kreise der AfD einmal mehr bereit waren, sich hinters Licht führen zu lassen, sich der Illusion hinzugeben, dass die Union einfach nur wieder vernünftig werden müsse, um mit ihr gemeinsam den Kampf gegen die Linken führen zu können. Nur um wieder enttäuscht zu werden. Dabei hätte man wissen können, dass Weimer nur ein Teil der schon seit Jahren gefahrenen Strategie ist, rechts zu blinken und nach der Wahl dann doch wieder links abzubiegen.
Haben die Rechten den Kulturkampf wirklich verstanden?
Die Rechte muss aktiv in das Ringen um Kultur und Gesellschaft einsteigen. Der Kampf gegen Linke ist aber nicht genug. Eine Kultur von rechts muss als Gegenangebot her. Teich und Helferich ist dies mehr als bewusst, daher diese Veranstaltung und das Engagement in der Kulturpolitik. Doch ihrer Einschätzung nach ist dies eine Erkenntnis, die sich auch in der Partei mehr und mehr durchsetzt, auch wenn da wohl noch ein weiter Weg zu gehen ist.
Doch haben die Rechten den Kulturkampf wirklich verstanden? Es wird immer deutlicher, dass linke Degeneration heutzutage nicht mehr wirklich provokativ ist. Das Schöne ist heute das Frische, das Provokative. Dies wäre eine Chance für Rechte, anzusetzen. Doch die politische Mitte und ihre gemäßigten bürgerlichen Fürsprecher haben ein Problem, den Kulturkampf zu verstehen. Man ist genervt von Politik und der Einmischung von Politik in die Kultur. Man will ein unpolitisches und ideologiefreies “Deutschland, aber normal”, träumt von den 90ern als einer liberalen politikfreien Zeit. Daher besteht ein Unwille, sich mit Kulturpolitik zu befassen. Dies macht es zu einem Minenfeld für Rechte, einen eigenen kulturellen Hegemonialanspruch zu formulieren, ohne den Leuten damit selbst auf die Nerven zu gehen.
Kunst muss unabhängig sein!
Zierke brachte es gut auf den Punkt: „Du kannst nicht erzwingen, dass Leute sich in deinem Mindset bewegen. Das wird nur cringe!“ Was den zweiten Teil der Diskussion darüber eröffnete, wie ein ernstgemeinter kultureller Wandel von rechts zu bewerkstelligen ist und welche Rolle die Kulturpolitik darin spielen sollte und wie weit die Vermischung von Kultur und Politik und entsprechende Abhängigkeiten gehen dürfen.
Bezüglich der Gretchenfrage, ob man eine linke Mainstreamkultur einfach von oben durch eine rechte Kultur ersetzen wolle, erteilte man eine Absage. Trotz unterschiedlicher Meinungen darüber, inwieweit es Aufgabe von Politik ist, sich darin einzumischen, war man sich einig, dass Kultur vor allem unabhängig und authentisch sein muss. Eine stabile Position. Kunst ist nicht apolitisch, aber Politik darf nicht Kern des Kunstwerks sein.
Kunst ist immer politisch, weil sie die Realität und unterbewusst auch die Perspektive und Ideale ihrer Schöpfer reflektiert. Es geht aber nicht um politische Absichten oder Ziele. Zierke betonte, dass es beim Schreibprozess ja nicht darum gehe, über politische Nützlichkeit nachzudenken, sondern etwas auszudrücken. Denke man darüber nach, erschaffe man Propaganda und entwürdige sein Kunstwerk.
Linke Kunst hat den Bezug zur Gesellschaft verloren
Man kann Dinge rechts nennen, die nicht intrinsisch rechts sind, einfach weil unsere Alltagsrealität inzwischen echt krass geworden ist. Zum Beispiel sind gewalttätige jugendliche Migranten keine simple rechte Fiktion, sondern inzwischen einfach ein Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit, der in Zukunft auch immer mehr Eingang in die Kunst finden wird.
Das ist auch das Problem linker zeitgenössischer Kunst, in der die aktuelle Lebensrealität nicht mehr gezeigt wird und die ästhetisch und thematisch keine Resonanz mehr mit größeren Teilen des Volkes entwickeln kann, sondern nur noch innerhalb einer linken Selbstbefriedigungsblase und damit verbundener Eliten räsoniert. Dies ist laut Zierke auch der große Unterschied zu vergangenen Zeiten, in denen Künstler auch abhängig von Mäzenen waren, ihre Kunst aber stets gewisse Freiheit genoss und noch in Korrespondenz mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und allgemein anerkannten ästhetischen Prinzipien stand.
Freiräume für das Gute, Wahre, Schöne schaffen
Kunstförderung kann deshalb nicht einfach abgeschafft werden, insbesondere da der Kunstmarkt schon lange nicht mehr nach meritokratischen Prinzipien funktioniert, aber die Kunstförderung muss neutralisiert werden, damit Kunst und Kultur frei und relativ unabhängig sein können. Rechte können nicht einfach das Gleiche wie die Linken umgekehrt machen, weil Steuerung die Kunst pervertiert.
Die zentrale Aufgabe rechter Kulturpolitik wäre es, Freiräume zu schaffen, in dem man die linke Hoheit über den Kulturbetrieb und Einschränkungen der Kunst- und Meinungsfreiheit bricht, die aktuell dafür sorgen, dass rechte Künstler und Verleger nur schwer Zugang zu Ressourcen, Auftrittsmöglichkeiten und Präsentationsräumen haben, die für linke ganz normal sind und sich dann auch noch allen möglichen Arten von Zensur und Cancel Culture beugen müssen.
Helferich wies zudem darauf hin, dass Kunstfreiheit nicht bedeute, dass alles gleichsam förderungswürdig ist und die Rechten hier den Mut entwickeln müssten, zu entscheiden, was schön und was hässlich ist, im Gegensatz zur egalitären Haltung, dass alles Kunst sei und Schönheit im Auge des Betrachters liege.
Die Erfolgsgeschichte Weimar
Kaiser blickte aufgrund des sich abzeichnenden breiten ‘Vibe Shift’ optimistisch nach vorne. Lobend erwähnte er die deutsche Band Weimar, die gute Musik mache und seit ihrer Gründung 2021 einen steilen Aufstieg verzeichnen konnte und heute enorm erfolgreich ist. Trotz linker Versuche, die Band aufgrund der zwanzig Jahre zurückliegenden Betätigung eines ihrer Mitglieder in der altrechten Szene zu canceln, erfreut sie sich ausgebuchter Konzerte. Kaiser konstatierte ein zunehmendes Scheitern der Cancel Culture.
Er konstatierte aber auch das Fehlen eines massentauglichen Stimmungsmachers für das rechte Lager, da gerade Musik sehr wichtig für Menschen sei, um eine gemeinsame Identität zu entwickeln und auszudrücken.
Zierke verwies darauf, dass die Böhsen Onkelz in seiner Jugend diese Rolle gespielt hätten, die sich aber nie explizit politisch verstanden hätten und dass man von Musik auch nicht erwarten könne, dass sie politische Inhalte vermittelt und dass man komplexe politische Sachverhalte auch nicht auf Kunst herunterbrechen könne. Stütze man sich zudem nur auf den Vibe, befördere man damit eine Verflachung der politischen Bewegung, ein Fokus auf eine gute Stimmung statt echter Erfolge und das Schaffen von Fakten.
Das Traditionsfestival Atreju
Den Abschluss bildete die unlängst vieldiskutierte Frage nach dem Verhältnis von Partei und Vor- bzw. Umfeld, für die man das rechte Atreju-Kulturfestival in Italien als Beispiel heranzog. Atreju findet jetzt seit über 20 Jahren statt, wurde von Meloni in ihrer Zeit in der Parteijugend mitgegründet und bringt die rechte Jugend aus den verschiedenen italienischen Rechtsparteien und der Gesellschaft zusammen. Nach Melonis eigener Aussage schätzt sie das Festival als weit wichtiger ein als die politische Ausschussarbeit. Atreju ist ein Beispiel für eine gelungene, neu geschaffene Tradition. Ein Zeichen von Beständigkeit im tagespolitischen Alltag.
Es stand schnell die Frage im Raum, ob die deutsche rechte Bewegung das adaptieren sollte, worauf Helferich betonte, dass solche Initiativen aus dem Umfeld der Partei kommen sollten. Die AfD müsse für solche Initiativen aber die Rahmenbedingungen verbessern und loslassen können, zum Beispiel vom Zwang, ständig kontrollieren und sanktionieren zu müssen, mit wem sich Parteimitglieder außerhalb von Parteizusammenhängen treffen.
Wie haltet ihrs mit dem Vorfeld?
Zierke hakte hier ein. Atreju zeige angesichts der traditionellen Zersplitterung der Parteienlandschaft in Italien, dass die Partei nicht alles, nicht Zweck in sich selbst ist, sondern dass die AfD als Mittel zum Zweck gesehen werden müsse. Der Drang zur Kultur müsse von außen aus dem rechten Lager kommen. Die Partei dürfe so etwas nicht vereinnahmen, sonst verfehle eine solche Veranstaltung ihren Sinn.
Teich bekräftigte das auch noch einmal. Parlamentspatrioten allein werden es nicht richten. Gerade kreative und kulturelle Impulse müssen aus dem Umfeld der Partei kommen. Aber Partei und Umfeld müsse man in ihren Rollen trennen. Es sei jedoch nicht sinnvoll, Politiker, die zwischen beiden Sphären vermitteln, zu disziplinieren.
Wohl ein nicht ganz so subtiler Hinweis darauf, dass überregulierende Unvereinbarkeitsbeschlüsse nach wie vor fruchtbare und kreative Kooperationen verhindern.
Fazit
Man wagte am Ende einen optimistischen Ausblick. Der Stimmungswechsel in der Gesellschaft allgemein und der politische Zugewinn der AfD und ihr damit wachsendes Potenzial, Kulturpolitik zu machen, Projekte zu fördern und sich stärker mit dem Umfeld zu vernetzen, werden die Konfrontation mit den Linken im Kulturkampf immer stärker auf die Tagesordnung setzen. Die Linken werden den Kulturkampf umso erbitterter führen wollen.
Doch umso stärker und verbissener die Abwehr um die linke Kulturhegemonie hochgezogen wird, umso stärker und verrückter wird die linke Agenda gepusht. Die Linken haben ihre souveräne Haltung längst verloren. Während es konservative Kulturkritik immer schon gab, haben sie mit ihrer immer stärkeren Durchdringung aller Medien- und Kulturbereiche und ihrer Selbstradikalisierungsspirale den Bogen nun so weit überspannt, dass sich ein Resonanzraum geöffnet hat, in dem rechte Künstler und Kulturpolitiker wirken können. Jetzt sind stabile, basierte Akteure aus Partei und Umfeld gefragt.
Tobias Teich hat mit dieser interessanten Veranstaltung, von der es hoffentlich in Zukunft noch mehr geben wird, und den geladenen Gästen gezeigt, dass er Partei und Vorfeld erfolgreich zusammenbringen kann und dass es mit ihm, Matthias Helferich und anderen (wie dem Nibelungen- und Tolkien-Enthusiasten Joachim Paul) kompetente Leute in der Partei gibt, bei denen der rechte Kulturkampf in guten Händen zu sein scheint.








