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Die bunte Hölle der Postmoderne – Der Unglaubliche Digitale Zirkus (2023)

Reinhardt Reinecke von Reinhardt Reinecke
28. Mai 2026
in Film
0
Die bunte Hölle der Postmoderne – Der Unglaubliche Digitale Zirkus (2023)
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Diesen Juni endet eine der erfolgreichsten unabhängig produzierten Serien aller Zeiten. „The Amazing Digital Circus“ war ein Phänomen: surreal, absurd und kompromisslos. Kaum ein Kunstprojekt der letzten Jahre hat das Wesen der Postmoderne besser verkörpert.

Eine Ausnahmeerscheinung

Die Pilotfolge von „The Amazing Digital Circus“ (TADC) schlug ein wie eine Bombe. In Windeseile kletterte sie auf über 100 Millionen Views auf Youtube und stieß damit das berühmt-berüchtigte „Hazbin Hotel“ vom Thron. Es folgten bisher sieben weitere Episoden, von jeweils etwa zwanzig Minuten länge. Der Erfolg dieses Projektes war so groß, dass die deutlich längere letzte Folge in mehreren Ländern sogar im Kino erscheinen wird. Das ist so bisher noch keiner Indie-Serie gelungen. Da soll es mir dann auch egal sein, dass die Kinoversion zwei Wochen vor der Youtube-Version rauskommt, sodass man mit Spoilern zu kämpfen haben wird.

Selbige Spoiler wollen wir natürlich vermeiden, wenn wir über den Inhalt dieser Serie sprechen:

TADC spielt sich in einem Computerprogramm gleichen Namens ab, in dem eine Gruppe von insgesamt sechs Personen gefangen zu sein scheint. Herr dieses virtuellen Gefängnisses ist Cain, eine KI, deren Aufgabe es ist, die Zirkusmitglieder bei Laune zu halten. Hierzu kreiert er „Abenteuer“, an denen man mehr oder weniger fakultativ teilzunehmen hat. Der zentrale Konflikt der Serie liegt nun freilich darin, dass die Zirkusmitglieder eben trotz aller Bespaßung gerne wieder „raus“ wollen, in die richtige Welt – und dass Cain eben trotz aller Freundlichkeit genau das nicht tun kann oder will.

Dieses Szenario nimmt offensichtlich Anleihen an der beliebten Kurzgeschichte „I have no mouth and I must scream“, geht aber weit über diese hinaus und gibt ihr eine eigene Richtung. Cain tritt nicht als bösartiger Folterknecht auf, sondern erinnert an Großkonzerne, die versuchen „die jüngere Generation zu erreichen“. Er ist eben eine KI mit all den Limitationen, die so ein Programm mit sich bringt. Seine Werke sind derivativ, er versteht menschliche Emotionen nur schlecht und von der realen Welt scheint er so wenig zu wissen, wie er von ihr hält.

Die Zirkusmitglieder sind keine Genies oder Wissenschaftler, sondern Normalbürger mit selektiver Amnesie. Und sie sind – im Gegensatz zum Werk von Vivien „Vivziepop“ Modrano – angenehm geschrieben. Statt Fäkalhumor, ausgelutschten Stereotypen und Trauma-Dumping bekommt man eine Truppe glaubhafter Persönlichkeiten, die man so bestimmt schon im ein oder anderen Discordserver angetroffen hat. Eindimensionalität und Klischees werden (mit einer Ausnahme, darfste raten) vermieden.

Der digitale Zirkus ist jedoch keine harmlose Veranstaltung. Schon in der ersten Folge werden wir mit dem Phänomen der „Abstraktion“ konfrontiert. Was genau das ist und was genau sie auslöst wird (zumindest bis jetzt) nicht abschließend geklärt. Es handelt sich faktisch jedoch um eine Art von Tod. Abstrahierte Personen verlieren sich, werden aggressiv und landen letztlich (auf ewig?) in einer dunklen Leere. Dem Anliegen der Zirkusmitglieder, ihre Situation zu verstehen und aus dem Zirkus auszubrechen, wird somit eine gewisse Dringlichkeit verliehen.

Anti-Matrix-Ästhetik

TADC ist komplett 3D-animiert und folgt einem Retrostil, der an die Computergrafiken der frühen 2000er erinnert. Finanzielle und narrative Erwägungen mögen diese Entscheidung begünstigt haben, doch ihr narrativer Nutzen ist unbestreitbar. Denn diese Ästhetik ist sehr gut geeignet, um das Wesen des digitalen Zirkus’ und seine inneren Spannungen zu veranschaulichen. Erstens ist der Zirkus virtell und nicht real. Die Cartoon-Optik ermöglicht eine Cartoon-Logik, die dieser Irrealität entspricht, ohne den Zuschauer aus dem Erlebnis zu ziehen. Das eignet sich auch gut für Witze.

Zweitens ist der Zirkus eine Unterhaltungsmaschine – genau wie die animierten Filme und Serien, deren Ästhetik man sich bedient. Er wird zudem geführt von einem chronischen Showman mit einem übersättigten Akt. Es ist zu viel, zu grell, zu schnell, zu laut. Daraus spricht eine gewisse Unsicherheit. Der Lack blättert ab und darunter kommt die Infrastruktur eines Gefängnisses zum Vorschein. Die ontologische Unmenschlichkeit der virtuellen Welt findet ihren Ausdruck in Glitch-Effekten und dem Uncanny Valley, das immer wieder hervorlugt: tote Augen und unnatürliche Zwischenposen, die sonst nur offensichtlich werden, weil man den Film angehalten hat.

Von Interesse ist hier auch das Design der einzelnen Charaktere, das an Alltagsgegenstände und insbesondere an Spielzeug angelehnt ist. Da lässt sich viel hineinlesen. Die Zirkusmitglieder sind eben Teil des Spaßprogramms und in vielerlei Hinsicht Spielfiguren, was an einer Stelle auch explizit formuliert wird („You are my playthings.“). Hier zeigt sich aber auch wieder der derivative Charakter KI-generierter Inhalte. Im Zirkus gibt es kaum Originelles, sondern nur Kopien und Kombinationen bekannter Formen und Inhalte. Diese Versatzstückästhetik weist bereits auf die thematischen Motive der Serie hin.

Postmoderne Problemstellungen

TADC ist die einzige Serie, die ich persönlich gesehen habe, die die Postmoderne wirklich versteht. Nun erwarte ich kaum, dass Gooseworx, Urheber von TADC, sich ganz ernst und intellektuell mit diesen Themen beschäftigt hat. Das wäre für den Stil der Serie viel zu fade. Aber man scheint doch sehr grundsätzlich verstanden zu haben, was diese unsere Epoche ausmacht, und wie man dieses Verständnis ohne überschwängerte Allegorien und Metaphern verarbeiten kann.

Da ist zunächst die Künstlichkeit der virtuellen Welt, in der die Zirkusmitglieder sich wiederfinden, und der sie doch stets geneigt sind zu verfallen. Arnold Gehlen hat sich diesem Problem unter anderem in „Urmensch und Spätkultur“ sowie „Die Seele im technischen Zeitalter“ gewidmet. Der Mensch von heute befindet sich, ähnlich den Zirkusmitgliedern, in einer unnatürlichen Umwelt, die zwar von Menschenhand geschaffen ist, sich menschlicher Kontrolle aber weitgehend entzieht. Selbst Cain, der „Gott“ des digitalen Zirkus, ist nicht wirklich autonom, er gibt sich seine Gesetze nicht selbst.

Die sozialen und technologischen Systeme, die unseren hohen Grad an Komfort und Freizeit ermöglichen, sind so selbstrefernziell und ineinander verwoben, dass es kaum möglich ist, noch irgendwie steuernd einzugreifen. Noch schlimmer, man vergisst teilweise, dass man sich in diesem ohnmächtigen Zustand befindet und glaubt, selbstwirksam zu handeln, obwohl man realiter doch nur Befehle ausführt. Der Realitätssinn schwindet, man bewegt sich in einer Welt von „Simulacra und Simulation“, wie Baudrillard titelte. Zur Ohnmacht des Menschen gesellt sich somit eine tiefe Identitätskrise:

„Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist.“ (Max Scheler)

Leben heißt Kämpfen

Der richtige Umgang mit der Problemhaftigkeit des Menschen ist die Gretchenfrage der Postmoderne. Die Zirkusmitglieder schwanken dabei zwischen den Wegen, die auch die westliche Geisteswelt im 20. Jahrhundert durchlebte. Nahe liegt dabei zunächst die Idee des Ausbruchs. Sie ist der rote Faden, die den DMT-Hype von Joe Rogan mit Jodorowskys „Montana Sacra“, Ted Ks Briefbomben und der Truman Show verbindet. In TADC ist es zunächst vor allem Pomni, die dieses Vorhaben voranzutreiben scheint.

Doch die Hoffnung, hinter dem Schleier der Isis die „wahre Welt“ zu entdecken, entpuppt sich oft als vergebens. Ebenso erfolglos scheint der sture Versuch, die alten Metanarrative – Nation, Klasse, Religion, etc. – einfach wiederzubeleben. Ostalgiker, die am Wahlkampfstand der MLPD die Internationale lallen, sitzen hier prinzipiell im gleichen Boot wie ein Jordan Peterson, der die Lösung allen Übels in den „guten alten Sitten“ zu erkennen glaubt. Diese sehr ermüdende Tendenz wird in TADC glücklicherweise nicht expliziert. Das bitterlich-reaktionäre „Zurück!“ lugt aber immer wieder hervor, vor allem in der kratzbürstigen Persönlichkeit von Zooble.

Bleibt der Ausbruch verwehrt – weil die künstliche Welt eben real ist – und lassen sich die Geister der Vergangenheit nicht beschwören, fällt es leicht zu verzweifeln. Die Abstraktion steht vielleicht sinnbildlich für diesen Weg, der oft im Suizid endet. Wenn das der Fall sein sollte, dann chapeau! Man hat nicht das Gefühl, dass einem diese Allegorie aufgedrückt wird, wie das so häufig der Fall sein kann. Ohnehin gibt es eine zweite, viel perfidere Form, den Kampf aufzugeben – nämlich indem man sich mit der hedonistischen Spaßmaschine der virtuellen Welt arrangiert. Dies ist der Weg, den Jax gewählt zu haben scheint – mit durchwachsenem Erfolg.

Doch wir sind noch nicht am Ende. Denn die Erkenntnis, dass das Streben nach Sinn sinnlos ist, heißt nicht, das man aufgeben muss. Es gibt stets auch die Option, dieses Streben selbst zum Sinn zu machen. „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“ (Albert Camus). Das erinnert an Oswald Spenglers Schlusswort in „Der Mensch und die Technik“. Schön aber hat es auch Heino Bosselmann formuliert: „Der Mensch hat Weltherstellung zu betreiben. Immer.“ Und das können TADC-Fans nur all zu gut.

Fankultur und Künstlerperson

TADC treibt seine Zuschauer regelrecht um. Sie wollen – müssen! – mehr wissen. Viele von ihnen verwenden mehr Zeit auf den Fan-Diskurs als auf die Serie selbst. Das liegt vor allem auch daran, dass man mit neun Episoden á 20 Minuten über die Dauer von drei Jahren wirklich spärlich versorgt wird. Nix binge-watching: Die ganze Serie hat nur vier Stunden Laufzeit. Diese Kondensierung der Handlung hat aber einen schönen Nebeneffekt: Man hat schlichtweg keine Zeit für Filler-Folgen, in denen man seine Lieblingscharaktere wie Puppen behandelt, statt sie narrativ voll auszunutzen. Das missfällt natürlich der Fanfiction-Fraktion, die am liebsten zwanzig Episoden hätte, in denen Jax und Pomni über ihre Gefühle reden. Tja.

Die relative Dichte der Handlung hat aber auch den Nachteil, dass einzelne Ereignisse in ihrer (symbolischen) Bedeutung oft überbewertet werden. Das TADC-Fandom beschäftigt sich fast ausschließlich damit, abstruse Theorien über die Natur des digitalen Zirkuses, die Hintergründe der einzelnen Charaktere und die Intentionen der Serienmacher anzustellen. Das „Theory Crafting“ ist noch wichtiger als damals bei Lost und verleiht TADC vielleicht eines der toxischsten und schizophrensten Fandoms, das ich jemals beobachten durfte.

Man vernarrt sich in kleinste Details, baut auf Basis einzelner Pixel (!) weitreichende „Headcanons“ und wird aggressiv, wenn diese Fantasie – und mehr ist sie nicht – von anderen Fans nicht geteilt wird. Geschweige denn, die nächste Folge widerlegt diese Fantasie. Dann geht’s aber richtig los. Dazu kommt, dass die gegenwärtige Moralisierung der Kunst beim relativ jungen TADC-Publikum voll durchgeschlagen hat. Wenn ein Charakter sich schlecht verhält, so sind auch der Urheber sowie die Fans dieses Charakters schlechte Menschen.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, warum Gooseworx den TADC-Diskurs nur mit Satire und Ironie kommentiert. Es erinnert einen an Sebastian Schwaerzel, bei dem man nie weiß, ob er einen Satz jetzt auch so meint oder sich über den Interviewer lustig macht. TADC ist ein Gesamtkunstwerk und was der Pöbel sich davon erwartet ist egal. Punkt. Auch dies steht ganz im Gegensatz zu Vivziepop, die die Empörung ihrer Fans mit der gleichen Moralapostelei beantwortet.

Statt einem Fazit: eine Vermutung

Diese subtile Resilienz gegenüber dem Zeitgeist verleitet mich noch zu einer letzten Vermutung. Ich halte es für wahrscheinlich, dass keine einzige Theorie, die über die symbolische Bedeutung einer Szene, einer Dialogzeile oder einer Charaktergestaltung aufgestellt wurde, zutrifft. Die einzige Bedeutung der Ästhetik von TADC liegt eben in ihrer Bedeutunglosigkeit. Der sture Versuch der Fans, Sinn zu finden, wo keiner ist, entspricht genau jenem Kampf gegen den Gipfel, den Camus beschreibt. Nur „glücklich“ kann ich mir diesen Sisyphos nicht vorstellen. Wie dem auch sei. Stimmt diese Vermutung, dann wäre dies Gooseworx’ größter Clou: Die Vermittlung von Inhalt durch Inhaltslosigkeit. Ein Werk, dem das gelingt, kann ich nur empfehlen.

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