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C. G. Jung, die Vampirkönigin und der Schatten des Christentums – Lemora (1973)

Carsten Jung von Carsten Jung
8. September 2026
in Film
0
C. G. Jung, die Vampirkönigin und der Schatten des Christentums – Lemora (1973)
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Wer kann es leugnen, dass uns der kühle, aristokratische Vampir fasziniert? Dass wir uns seiner Dunkelheit hingeben wollen?  Mit C. G. Jung müssen wir der Wahrheit ins Gesicht sehen: Wir sind mit ihm verwandt, er ist ein Teil von uns.

Dazu möchte ich einen Film des Gothic Horror heranziehen, der genau diese Gedanken zu ihrem logischen Ende führt und aufzeigt, warum das Christentum den Vampir nicht bekämpfen kann, sondern ihn hervorbringt.

Das Vampir-Paradoxon

Viele Vampirfilme leiden darunter, dass die Vampire blass bleiben. Sie sind böse, saugen Menschen aus und müssen besiegt werden. Dabei ist der Reiz des Vampirs, dass er kein wildes Tier wie ein Werwolf ist, sondern im besten Fall ein gutaussehender Adeliger mit höfischen Manieren. (Was wohl das untypischste Aussehen eines Ungeheuers überhaupt ist.)

Warum sollte ein Vampir, wie in manchen Streifen, jede Nacht einen Menschen aussaugen und dann überrascht sein, dass das auffliegt? Da der Vampir als intelligent gilt, ist es doch viel naheliegender, dass er die Menschen von sich abhängig macht und sie nicht wahllos tötet. So könnte er eine Vampirkultur begründen und seine Macht über die Menschheit stetig ausbauen.

Der Vampir als der Untote gilt als widernatürlich und ein Geschöpf Satans, weswegen er sich vor dem Kruzifix und Weihwasser fürchtet. Aber da er in den Geschichten selbst seit Jahrtausenden vorkommt, ist er doch wieder ein fester Teil dieser fiktiven Welten. Kann man ihn dann wirklich so einfach zu einem Fremdkörper deklarieren? Oder hat seine Existenz vielleicht einen essentiellen Sinn? Dieser Anfangsverdacht wird sich im Folgenden erhärten.

C. G. Jungs Schatten

Als Schatten bezeichnete C. G. Jung die Persönlichkeitsanteile, die ein Mensch oder eine Gemeinschaft in das Unterbewusste verdrängt. Der persönliche Schatten erscheint dem Menschen als eine Figur mit dem gleichen Geschlecht wie er selbst. Doch mit der Verdrängung ist er nicht aus der Welt. Er droht, hervorzubrechen und wird dann auf die Außenwelt, z.B. auf die Mitmenschen, projiziert. Auch positive Charaktereigenschaften des Menschen können durch gesellschaftliche Konventionen in den Schatten abgespalten werden. Im Prozess der Schattenintegration soll der Mensch seinem Unterbewusstsein gegenübertreten und so zur Selbsterkenntnis gelangen.

Für den Youtuber Emperor Caligula ist dieses Konzept von Jung ganz zentral, um die Krise der Moderne zu verstehen. Unsere Gesellschaft ist seit Jahrhunderten immer rationaler geworden und hat nur noch das Licht gelten lassen. Alles Unheimliche und Unverständliche unserer Seele wurde mit dem Christentum als satanisch in das Reich des Bösen verbannt. Er drückt es wie folgt aus:

„Nun befinden sich unsere eigenen vernachlässigten Instinkte im Krieg mit uns. Wir verstehen diese Instinkte und ihre Botschaften nicht mehr. Sie erfüllen einen Zweck in der kosmischen Gesamtheit, aber wir haben ihn vergessen.“

Der Vampir als Schatten

Genau mit diesem unheimlichen Teil der menschlichen Seele setzt sich der Gothic Horror auseinander und macht neben der Ästhetik (Wer mag nicht anmutige Mädchen in weißen Kleidern, die über verfallene Friedhöfe streifen?) seinen Reiz aus.

Doch während das Gespenst eine verdrängte Person ist, der Zombie die externe Gefahr einer Seuche, sticht ein Ungeheuer heraus, das auf unser Innerstes abzielt: Der Vampir.

Alles, was ihn ausmacht, sind Züge des Verdrängten. Als das Totgeglaubte kehrt er in der Nacht zurück und besucht uns in unseren Träumen. Er ist eine aristokratische Entität aus der dunklen Vergangenheit, die man für längst abgeschlossen hielt. Weil er ein Teil von uns ist, braucht er unser Blut, unsere Lebenskraft.

Er begegnet uns nicht bloß als das Fremde, sondern er kommt als Verführer, der etwas in uns erweckt. Wer in seinen Bann gerät, macht freiwillig mit. Wir fürchten ihn nicht nur, wir begehren ihn. Er steht für das, was wir heimlich wollen und nach außen projizieren. Beim strahlenden Licht der Sonne, der Rationalität und Besonnenheit des Tages, zieht sich die finstere Kreatur zurück. Auch die moderne Wissenschaft ist im Kampf gegen den Vampir machtlos, es braucht älteres, verschüttetes Wissen.

Unsere heutige Vorstellung des Vampirs entstand als der Schatten der viktorianischen, bürgerlichen Gesellschaft, die sich vor ihm fürchtete: Die verdrängte Sexualität, das verbotene Begehren, die Angst vor der Rückkehr einer feudalen Zeit, die man in der Moderne als überwunden glaubte. Ganz deutlich für diese Interpretation spricht noch einmal, dass der Vampir kein Spiegelbild besitzt. Er ist unser Spiegelbild.

Wir Rechten sind der verdrängte Schatten

Wenn der Vampir der Schatten der Gesellschaft des 19. Jahrhundert war, wer könnte der Schatten unserer heutigen Zeit sein? Nun ja, das sind wir. Oder besser gesagt das, was sich die Linken unter uns vorstellen. Wir Rechten sind der dämonisierte, verdränge Schatten unserer Zeit.

Man sagt uns nach, wir stammen aus dem düstersten Kapitel der Geschichte und sind die Feinde jeder Menschlichkeit. Wir verführen und verderben die Menschen, lassen die primitivsten Triebe wieder an die Oberfläche treten. Hass und Hetze machen sich breit und die demokratische Gesellschaft wird in ihren Grundfesten erschüttert

Alle Versuche, uns mit Fakten und Rationalität zu bekämpfen, scheitern. In „Dunkeldeutschland“ haben wir uns bereits eingenistet. Auch im Freundeskreis oder auf der Arbeit ist vielleicht jemand schon mit dem „Rechtssein“ infiziert. Und es ist ähnlich wie mit dem Vampir: Wurde er doch in so vielen Filmen bereits besiegt, im nächsten Film ist er wieder da. Man kann uns einfach nicht loswerden!

Nicht umsonst greift immer wieder das Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz:

Alles, was professionelle »Entlarver« und »Aufklärer« gegen »Rechts« über Rechte schreiben, ist eine Projektion ihrer eigenen Charaktereigenschaften, Denkstrukturen und Modi operandi. Immer. Ausnahmslos.

Der Vampirfilm, der es richtig macht: Lemora

Vor diesem Hintergrund kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich große Sympathien für den Vampir hege und mich die Standardkost der Vampirfilme nicht zufriedenstellt! Es geht immer nur darum, den bösen Schatten zu besiegen. Eine echte Auseinandersetzung und Integration bleibt aus.

Aber es geht noch schlimmer. Manche Filme versuchen sich an der Humanisierung des Vampirs, wodurch man die mythische Idee von Grund auf ad-absurdum führt. Hier sind besonders Anne Rice und der bekannte Film „Interview mit einem Vampir“ zu nennen. Der Vampir wird psychologisiert und das Leid und die Langeweile des ewigen Lebens ausgebreitet. Ich glaube nicht, dass wir etwas über die menschliche Seele lernen können, wenn wir den Schatten auf die Therapiecouch setzen!

Doch zum Glück gibt es einen märchenhaften Film, der die Deutung des Vampirs als den Schatten wirklich ernst nimmt: Lemora: A Child’s Tale of the Supernatural! Dabei handelt es sich um einen Low Budget Film des Regisseurs Richard Blackburn, den er nach dem Studium des Films an der UCLA-Universität mit der Unterstützung von Freunden und der Familie gedreht hat und sein einziges Werk blieb. Erst nach über 30 Jahren mit der Veröffentlichung der DVD wurde er wiederentdeckt und ist seitdem in seiner Nische zu einem Kultklassiker avanciert.

Warum die Begeisterung?

Der Film ist alles andere als perfekt. Neben dem winzigen Budget (die meisten mussten mehrere Rollen am Set übernehmen) gab es einige Probleme bei der Produktion. So hat man sich während der Dreharbeiten vom Artdirektor getrennt. Auch im finalen Film sind Schnitzer gelandet. Manchmal fragt man sich, was künstlerische Absicht war und wo aus fehlendem Material das Beste gemacht wurde.

Doch trotz der begrenzten Mittel hat man ganz viel richtig gemacht: Man hat Schauspieler gecastet, die zwar wenig bis keine Erfahrung haben, aber die passende Ausstrahlung für ihre Rolle besitzen. Man hat sich dafür Entschieden, den Film in den 20er Jahren spielen zu lassen, weswegen er komplett frei ist von der hässlichen Optik der 70er Jahre. Man erzählt eine originelle, eigene Geschichte und zu guter Letzt versetzt uns der großartige Soundtrack von Dan Neufeld zu jedem Zeitpunkt in die richtige, traumartige Stimmung.

Der Film ist ein modernes Märchen, bei dem trotz eines künstlerischen Anspruchs die Unterhaltung nie zu kurz kommt. Dabei begeht er nicht den Fehler, in einen komplexen oder kühlen Intellektualismus zu verfallen, sondern er setzt auf Archetypen. Ich bin der festen Überzeugung, tiefe Wahrheiten der menschlichen Seele sind nicht komplex, sondern verschüttet.

Lila steigt in den Kaninchenbau

Der Film beginnt mit einem Schuss aus der Shotgun: Alvin Lee, ein Gangster im tiefen Süden der USA der 1920er Jahre, erwischt seine Frau im Bett mit einem anderen Mann, tötet sie und flieht. Seine Tochter, die dreizehnjährige Lila Lee wurde bereits vor Jahren aus der kriminellen Familie genommen und von einem jungen Pfarrer christlich erzogen. In der Presse wird nun bekannt, dass das unschuldige Mädchen, das unter dem Namen „The singing Angel“ in der Gemeinde singt, einen Mörder zum Vater hat.

Kurz darauf erreicht Lila ein Brief der Vampirin Lemora: Ihr Vater liegt im Sterben und sie soll sich auf den Weg nach Astaroth begeben, um ihm seine Sünden zu vergeben. Aber sie darf niemanden davon erzählen! So schleicht sich das brave, gehorsame Mädchen nachts davon.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle dringt der ganze Kleinstadt-Schmutz der am Tag vermeintlich sauberen Gemeinde an die Oberfläche: Ein Mann witzeln über den Pfarrer, der es kaum erwarten könne, Lila „zu unterrichten“. Sie kommt an einer Prostituierten im Schaufenster und einem betrunkenen Mann vorbei, der seine Frau schlägt. Der Ticketverkäufer lechzt nach dem Kind, drückt ihr Pralinen in die Hand und fragt mit schmieriger Stimme, ob sie lieber harte oder weiche mag.

Schließlich beginnt Lilas Reise im Nachtbus. Ein klappriges Gefährt, das durch stinkende Salzsümpfe in eine verlassene Gegend rattert, in der niemand leben will. Als der Bus wegen einer Panne stehen bleiben muss,  wird er von tierartigen Bestien angegriffen und Lila gerät in die Fänge der mysteriösen Vampirfrau.

Lemora, Herrscherin der Unterwelt

Lemora lebt in einem großen Herrenhaus mit einer Schar Kinder, die sie zu Vampiren gemacht hat. Was das bedeutet, hält der Film bewusst offen: Sind es Opfer, denen sie die Unschuld geraubt hat oder Kinder, die die „Krankheit“ längst hatten und nun immun sind, wie Lemora es selbst nennt?

Sie ist eine Frau, die man liebt und fürchtet und der man nicht widerstehen kann. Mit ihrer maskenhaft-unwirklichen Erscheinung und den widersprüchlichen Zügen wissen wir nie, ob sie Verführerin oder Erlöserin ist. Lila wird von Lemora eingesperrt, umgarnt und manipuliert. Denn eins stellt sich mit der Zeit heraus: Lemora will sie ebenfalls zu einer Vampirin machen. Das Ritual soll gleich in der kommenden Nacht stattfinden.

In der Welt des Films werden nicht alle Menschen durch einen Vampirbiss zu Vampiren, manche degenerieren zu einer niederen, animalischen Form, leben in den Wäldern und werden von den Vampiren gejagt und getötet. Es ist die Frage, wie der Mensch mit seiner Triebhaftigkeit umgeht. Der Vampir steht hier für eine Akzeptanz und Integration der Triebe, ohne ihnen gänzlich zu verfallen. Lemora stellt ihr die beiden Optionen gegenüber:

Wouldn’t you rather I did it out of love…than have one of those wood things do it out of their own animal hungers?

You’re too good to be their queen. Do you want to degenerate into a lower form?

Or would you rather I raise you up?

Verdrängung der eigenen Identität

Lila ist die wiedergeborene Christin, die von allen schlechten Eigenschaften ihrer Familie reingewaschen wurde und diese von ihrer Persönlichkeit abgespalten hat. Dazu kommt ihre erwachende Sexualität, die in der christlichen Welt ebenfalls als unrein und animalisch gilt. Und dann ist auch noch die Frage, warum der junge Pfarrer auf einmal so verhalten auf sie reagiert?

Lemora lässt sich hier als Personifikation (weiblicher) Sexualität und Triebe deuten, die als verdrängter Schatten hervorbrechen und Lila heimsuchen. Wie bereits erwähnt, hat bei Jung der Schatten das gleiche Geschlecht wie die Person selbst. Im weiteren Sinne kann man sie aber auch als Schatten der ganzen amerikanisch-evangelikalen Gesellschaft sehen und ihrer strengen Regeln lesen, die Enthaltsamkeit predigen. Das drückt sich in der nietzscheanischen Sprache von Lemora aus:

 „The real sin is for a girl to deny herself life and joy.“

Erwachsensein und Sexualität sind zugleich erschreckend (der Tod der Kindheit, der Verlust der Unschuld) und unwiderstehlich (das Versprechen von Macht, Leben, Selbstbestimmung). Genau deshalb fasziniert Lemora statt nur abzustoßen, weil sie nicht das Böse verkörpert, sondern weil Erwachsenwerden faszinierend und furcherregend ist. Lemora steht somit für eine unbezwingbare Urkraft und mit jedem Versuch, sie zu unterdrücken, kommt sie umso stärker zurück.

Wir haben es also nicht mit einem typischen 70er Jahre Vampirfilm zu tun, der auf Exploitation setzt, sondern das Werk ist näher an Filmen wie Valerie – Eine Woche voller Wunder (1970), Zeit der Wölfe (1984) oder Phenomena (1985), die alle ein junges Mädchen als Protagonisten zeigen, deren Heranwachsen und sexuelles Erwachen auf eine traumartige, märchenhafte Weise mit Horrorelementen interpretiert wird.

Die Kritik am Christentum

Als sie Lila ins Bett bringt, erzählt ihr Lemora eine Geschichte:

Once upon a time a little girl was born far across the sea in a small town like the ones around here. Yet, even though she was beautiful and loved by almost everyone……she could feel that something was after her. And she ran away.

Just like a lot of people who don’t want to accept what they truly are.

And so she kept running, running…from what she knew she was, until she couldn’t run anymore.

That’s when she came here.

Lemora verführt nicht bloß, sondern sie offenbart. „Ich tue den Menschen nichts an“, erklärt sie, „ich zeige ihnen nur, wer sie sind.“ Lila ist das Mädchen, das reingewaschen wurde. Die Gemeinde hat sie zum Sinnbild der Unschuld erhoben, indem sie ihre Familiengeschichte und alles Triebhafte aus ihr herausdefiniert hat. An dieser Stelle kritisiert der Film aber nicht die Unschuld an sich. Sie ist kein Schein, sondern das, was Lila kostbar und für die Vampirin unwiderstehlich macht.

Was Lemora ihr anbietet ist keine Sünde, sondern Selbsterkenntnis: Das Zulassen des Erwachsenwerdens mit seinen Schattenseiten. Genau daran versagt das Christentum, das nur „rein“ und „unrein“ kennt und wo selbst die Vergebung bereits die Abspaltung und Verleugnung voraussetzt. Ein Schatten aber lässt sich weder vergeben noch besiegen, er lässt sich nur anerkennen.

Die Kritik am Christentum liegt hier also nicht darin, dass es bösartig oder heuchlerisch wäre, sondern essentielle Teile des Lebens ausschließt. Die Vampirin Lemora verkörpert eine Wahrheit, die älter ist als die Kirche. Etwas, das essentieller Teil des Lebens ist, aber vom Christentum nicht integriert werden kann. So wird es zwar unterdrückt, aber niemals besiegt. Und in der Dunkelheit der Nacht kehrt es zurück.

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