Mit Darth Bane präsentiert uns Karpyshyn eine komplexe, vielschichtige und gleichzeitig realistische Figur. Anschaulich und ohne Längen paart er einen spannenden Stil mit einer Psychologie, Weltanschauung und Charakterentwicklung, die herausragend ist. Somit ist die Trilogie eher eine Charakterstudie zum nietzscheanischen Übermenschen als ein Weltraumorchester. Auch wenn die Musik sicher nicht zu kurz kommt.
Der Sith, der Kämpfen aus dem Weg geht
Die meisten Sith können sich beim Töten kaum zurückhalten und genießen es geradezu, anderen Leid zuzufügen. Darth Malak, Darth Nihilus, Darth Sion, besonders Palpatine im Machtrausch, oder Vader im Wutanfall, wenn er seine eigenen Untergebenen für Nichtigkeiten exekutiert.
Bane dagegen hat für sein verhältnismäßig langes Sith-Leben (über 20 Jahre) nur extrem selten getötet oder auch nur gekämpft.
Fohargh und Sirak hat er im Zweikampf getötet, Kas’im auf Lehon ebenfalls, den Vater mit seiner Familie auf Ambria aus nackter Überlebensnot. Dazu kamen einige, die ihn angriffen: Söldner, Bestienreiter, Jedi. Einzige Ausnahme: die Kultisten in Andeddus Pyramide, die er selbst aufsuchte. Schließlich hat die Jägerin mit seiner Erlaubnis Serra getötet — das war Rache.
Sicher: Das sind schon deutlich mehr Tote als der Durchschnittsmensch verursacht. Aber für einen Sith Lord sind das extrem wenige, zumal er außer bei Andeddus Kult auch keine Konfrontation auf Leben und Tod selbst angefangen hat. Er suchte den Kampf nie, und das, obwohl er ihn immer gewonnen hätte.
Im Gegenteil: Den Heiler Caleb hat er absichtlich verschont, weil er dessen Tod als sinnlos einstufte. Den Muun, der ihm sein illegales Informantennetzwerk aufbaute und der ihn als einziger identifizieren konnte, ließ er gehen, weil das Risiko gering war. Er ließ sich sogar von dem Zollbeamten auf Prakith vor die Füße spucken, ohne grob zu werden — das ist sogar für normale Menschen ungewöhnlich tolerant.
Im Grunde ist Bane nicht unmoralisch, sondern a-moralisch und „jenseits von Gut und Böse“: Ihm geht es ums eigene Überleben, und dieses setzt er rücksichtslos durch, indem er sich der Werkzeuge bedient, die er kennt: Wut und Haß. Aber von einem „Denen zahle ich es heim“ findet man auch nach der Entfaltung seiner vollen Stärke keine Spur in seinem Denken.
Vom Opfer zum Sith
„Ich verstehe Leid auf Arten, die du niemals erfassen wirst.“ (III, 16)
Ein Vater, der das Einkommen seines Sohnes versäuft, ihn regelmäßig halbtot schlägt und emotional noch viel schlimmer mißhandelt, indem er ihn als den Fluch seines Lebens beschimpft, ist nicht hilfreich, ein mitfühlender Erwachsener zu werden. Härte und Haß hat Bane von seinem Vater gelernt, sonst nichts. Und trotzdem setzte er sich später als Soldat verantwortungsbewußt für seine Untergebenen ein und schützte diese auch unter Einsatz seines Lebens. Bis er wegen Verweigerung eines Selbstmordkommandos vors Kriegsgericht kommt.
Als er feststellt, daß seine Kameraden ihm in dieser Lage nicht helfen können und er erneut auf sich allein gestellt ist, erinnert er sich an das Zitat des Kneipenwirts Groshik, der ihm einst in einer ähnlichen Notlage half: „Die Überlebenden sind immer die, die am besten für sich selbst sorgen können.“ (I, 5) Daraufhin entscheidet er sich aktiv für den Weg der Sith.
Die Verwandlung
Auf Korriban wird ihm sein Haß eine willkommene Waffe, welche seine Beherrschung der Dunklen Seite förderte. Doch als ihm klar wird, wohin das führen würde; als ihm klar wird, daß er mit diesem Haß nicht nur Fohargh, sondern unwissentlich bereits seinen Vater durch die Macht ermordet hat — da kommen Schuldgefühle statt Jubel in ihm hoch.
Diese fressen so sehr an ihm, daß er seine Verbindung zur Macht verliert und im darauffolgenden ersten Kampf gegen Sirak beinahe totgeprügelt wird. Daß Sirak ihm das Leben ließ, war derweil eine Geste der Verachtung, nicht der Gnade: Er hat Bane erneut dazu verdammt, Opfer äußerer Mächte zu sein.
Erst Githany half ihm, sein altes Feuer neu zu entzünden und in nie gesehene Höhen emporzusteigen — ironischerweise auch sie mit der Absicht, ihn auszunutzen und für ihre Zwecke zu mißbrauchen.
Daß er kein weiteres Mal in diese Situation totaler Ohnmacht kommen wollte und deshalb systematisch jede Zurückhaltung in sich erstickt, ja, schließlich sogar die letzte Empathie zu Githany, ist nur folgerichtig. Von da an ist seine Transformation weitestgehend abgeschlossen und ein Rückweg unmöglich.
Die Stärke des Individuums
Doch auch voll in der Dunklen Seite angekommen, war sie für Bane kein Rausch der Emotionen, sondern instrumentell. „Zorn, Hass, Liebe, Begierde – das alles bedeutete ihm nichts, wenn er diese Emotionen nicht benötigte, um seine Kraft zu stärken.“ (II, 11)
Bane hat sich aus biographischen Gründen für die Dunkle Seite entschieden, doch sein Verhältnis zu ihr war eher asketischer Natur. Seine Orbaliskenrüstung, die ihn im Zweikampf praktisch unbesiegbar machte, wollte er beispielsweise loswerden, sobald er merkte, daß er durch sie auch unbeherrschter wurde.
Seine Philosophie war eine Philosophie der Stärke: Von der Gedankenbombe geschädigt, verwendete er die Macht nicht, um seine Schmerzen zu lindern.
In Serras Felsengefängnis ging er sogar noch weiter: „Die, die Opfer sind, können dafür niemand anderem die Schuld geben als sich selbst. Sie verdienen kein Mitleid.“ (III, 16) – Das sagt ein Mann, der gefesselt an der Wand hängt und gerade gefoltert wird. Er akzeptiert seine Schwäche, und „wenn ich nicht stark genug bin zu entkommen, werde ich weiterhin leiden, bis ich sterbe.“ (III, 16)
Er verabscheute die Sith-Amulette, welche die Stärke ihres Trägers erhöhten, und „zog die Weisheit vor, die die uralten Texte bargen.“ (III, 10) – Für Bane mußte wahre Stärke aus dem Individuum kommen.
Die Regel der Zwei
Die Regel der Zwei ist schließlich die Quintessenz seiner persönlichen Lebenserfahrung: Überall lauert Verrat; verlassen kann man sich auf keinen; Stärke muß aus dem Individuum kommen — also gibt es nur noch einen, der die Macht verkörpert, und einen, der sie begehrt. Eine im wahrsten Sinne des Wortes tödliche Co-Abhängigkeit.
Er zerstört die Sith und beendet die Dekadenz der Bruderschaft, um den Orden neu zu gestalten im wahren Wesen der Dunklen Seite. Seine philosophische Grundlagenarbeit war das wesentliche Fundament für die Machtübernahme Palpatines.
Bane hat keinen Zweifel daran gelassen, daß sein Plan auf die Vernichtung der Jedi hinarbeitet. Und doch frage ich mich, ob die machtberauschte Herrschaft Palpatines seine Zustimmung gefunden hätte – der Imperator hat schließlich mit genau diesem Hochmut die Rebellion ausgelöst.
Banes Umgang mit seiner Schülerin liest sich indes weniger autoritär, als manche (und zum Glück nur wenige) staatliche Lehrer mit ihrer Klasse umgehen: Er wollte, daß Zannah ihn respektiert und bewundert, nicht, daß sie ihn fürchtet. Wieso sollte er sein Sith-Imperium anders regieren?
Was für Bane überleben soll, ist längst nicht mehr sein Körper, sondern sein Prinzip. Daß das von ihm entworfene System als erstes ihn selbst als Opfer fordern mußte, zeigt, daß es ihm gar nicht mehr um sich selbst ging, sondern um abstrakte Konzepte, Philosophie und Weltanschauung. Denn er persönlich hat keinen Nutzen davon, sich von seiner Schülerin erschlagen zu lassen.
Bane und Makishima
Man kann Bane wohl sehr gut mit Shogo Makishima vergleichen: idealistisch, intelligent, belesen und durch eine tiefe Kluft vom Rest der Welt getrennt. Beide sehen grundlegende, nicht reformierbare Fehler in der sie umgebenden Gesellschaft und haben den Willen, die Fehler auf eigene Faust zu korrigieren.
Doch wo Bane radikal alle Gefühle in sich abtötet, bleibt Makishima verletzlich und bewahrt sich einen letzten Rest Sehnsucht nach echter Menschlichkeit. Makishima ist Romantiker; Bane Analyst. Makishima bleibt immer ein Träumer; Bane wird komplett desillusioniert.
Makishima resigniert an einer Welt, die seinen Traum nicht verdient, und begrüßt den erlösenden Tod. Bane geht eine Konsequenz weiter, verwandelt sein Leid in Haß und Willenskraft, und duldet auch vor sich selbst kein Versagen. Er verhärtet zum Übermenschen und wird der reine Wille zur Macht. Er überwindet auch die letzte Sünde des Mitgefühls und streift alle Fesseln des letzten Menschen ab.
Wo Makishima ewiger Poet bleibt, wird Bane zum Schöpfer, um den Orden der Sith und die Zukunft der Galaxis nach seiner Utopie zu formen.
Das hat er mit Shogo Makishima gemein, welcher das Sibyl System auch nicht für seinen eigenen Vorteil zerstören wollte, sondern aus einem idealistischen Glauben an die freie Willenswahl der Menschen. Makishima scheitert; Bane bestimmt das galaktische Geschehen auf Jahrhunderte.
Der ordnende Wille in einer falschen Welt
Eine weitere Bane-ähnliche Figur der Belletristik ist Conan der Barbar. Beide haben von Anfang an die höchsten Ambitionen und sind trotz einfacher Herkunft genetisch gesegnet. Beide sind weit überdurchschnittlich groß und stark; beide besitzen eine Willenskraft, die selbst in objektiv ausweglosen Situationen nicht versiegt. Beide haben das Leben auf die harte Art erfahren und beide sind Pragmatiker, die in ihrer Selbstbehauptung auch vor Gewalt nicht zurückscheuen.
Selbst in ihrem Vermächtnis gleichen sie sich: Bane ist der Begründer eines neuen Ordens; Conan der Stifter eines Königreiches.
Die Unterschiede liegen im Detail ihres Erbes: Während Conan als Barbar eine neue Zivilisation aufbaut, errichtet Bane als Opfer der „Zivilisation“ das Fundament seines Ordens auf Verrat. Zwar auf dem kontrollierten und vorhersehbaren Verrat des Schülers am Meister, der bereits ein deutlicher Fortschritt ist gegen den bei Sith sonst üblichen Dolchstoß, und doch reicht das zu kaum mehr als einer menschlich gescheiterten Version von Conans Entwurf.
Conan überwindet seine Herkunft durch barbarische Lebenskraft; Bane durch kalte Willenskraft. Conan hat die Welt aus seinen angeborenen Werten heraus erobert; Banes Werte wurden geboren von jener Welt, die er letztlich überwindet.
Conans Übermenschentum ist lebensbejahend und vital aus Instinkt; er genießt das Leben und durchaus auch den Nervenkitzel von Herausforderung und Gefahr. Bane konstruiert den Übermenschen als gedanklicher Architekt: Er bejaht nicht, sondern negiert vor allem die Welt, die er vorgefunden hat, und leitet sein Übermenschentum als logische Antwort daraus ab.
Deswegen ist Bane, streng im Verständnis Nietzsches, auch gar nicht wirklich Übermensch, sondern eine dunkle, verunglückte Variante davon, während Conan vermutlich Beifallsstürme Nietzsches ausgelöst hätte.
Gescheiterter Held?
Freilich ist Conans Lebenslauf näher an der Realität: In einer chaotischen Welt mitteln sich die Dinge aus. Bane derweil hat in keiner chaotischen Welt gelebt, sondern in einer durch die Sith gestalteten Welt. Wie das Sibyl System bei Makishima zieht hier eine allmächtige Instanz die Fäden des Lebens und verrückt die Grundfesten von „zufällig“ zu „systematisch schlecht“.
Wohin Bane diese systematisch schlechte Welt treibt, ist deshalb kaum mehrheitsfähig; eine Gesellschaft würde darunter kollabieren. Ein funktionierendes Miteinander braucht neben dem Willen zur Selbstbehauptung vor allem Vertrauen, Gemeinschaftsgefühl und ein Minimum an Kompromißbereitschaft — ohne dies gibt es kein Miteinander, und das fehlt Bane völlig.
Doch daß Bane gut war in dem, was er tat, macht ihn nicht zum Bösewicht. Daß er Konsequenzen zog, statt sich von seiner Umwelt weiter mißhandeln zu lassen, auch nicht.
Es macht ihn sicher auch nicht zum Helden. Dafür war seine Gefühlswelt zu dunkel und kalt. Außerdem kürt den Helden das Privileg günstiger Umstände.
Doch ist Bane, wie Makishima, immerhin ein mögliches Porträt, was in einer falschen Welt aus einem starken Individuum werden kann. Wenn man Übermensch-Philosophie nicht nur als kantige Theorie am Kaminfeuer begreift, sondern sie gezwungenermaßen unter radikalen Bedingungen an ihren radikalen Endpunkt treiben muß, um zu überleben.
Quellen:








