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Schweifungen (3) – Johann Wolfgang von Goethe – ein Olympier wider Willen

Spartabube von Spartabube
18. August 2026
in Literatur
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Schweifungen (3) – Johann Wolfgang von Goethe – ein Olympier wider Willen
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In Schule und Zeitgeist wird ein völlig surreal-utopisches Bild von Goethe vermittelt, das dem größten Dichter der Nation eher schadet als nützt. „Nichts dem Zufall überlassen“, „Jedes Wort wie gemeißelt“, „Deutsche Kultur revolutioniert“, „Vereint Originalität, Gedankentiefe und Sinnlichkeit wie kein anderer“, „Ein Halbgott unter Menschen“, „Wenn er niest, ist das Poesie“ – und dann schlägt man ihn auf, und ist bitter enttäuscht, wenn die Lektüre gar nicht von olympischem Donnergrollen begleitet wird.

Dann fühlt man sich nicht nur von Schule und Zeitgeist belogen, sondern hält auch Goethe für einen Blender, der Leuten mit falschen Werbeversprechungen seine Werke aufschwatzt – auch wenn der Herr Geheimrat gar nichts kann für das seltsame Bild, das man heute von ihm zeichnet.

Bei mir hatte das zur Folge, daß ich jeglichen Respekt vor Schulen und Autoritäten verloren habe, und mich fürderhin selbst davon überzeuge, wie gut ein Klassiker ist.

Dazu habe ich mir Goethes West-Östlichen Divan vorgenommen, und auch wenn er bei mir keinen Sturm der Begeisterung auslöste (weil das olympische Donnergrollen wieder einmal ausblieb), hat er mich doch auf Gedanken gebracht, die mein Verständnis für Goethe geschärft haben: Der Mann war sehr viel lockerer und hat sehr viel mehr aus dem Handgelenk geschrieben, als man heute wahrhaben will.

Der Meister verwendet unreine Reime

Schon die Eröffnungsrede (Hegire) ist interessant: Direkt im ersten Sextett ein unreiner Reim: „Singen“ auf „verjüngen“. Das wäre an sich nicht einmal erwähnenswert, nicht einmal bei Goethe – wenn man Goethe nicht zu einem Gott stilisiert hätte, dem angeblich kein Fehler unterläuft; der immer Perfektion abliefert; der sich bei jedem Wort zehn verschiedene Metaebenen gedacht hat, und jeden Schnitzer absichtlich setzt, weil sich sogar darin noch ein kongenialer literarischer Kunstgriff versteckt.

Nun, ich möchte eine Alternativüberlegung anbieten. Es ist praktisch ausgeschlossen, daß dieser unreine Reim Goethe nicht aufgefallen ist. Nicht an so prominenter Stelle. Und es ist auch eher unwahrscheinlich, daß er sich komplett außerstande sah, den Reim rein zu machen. Auffällig ist außerdem, daß dieser unreine Reim zu der lockeren Atmosphäre des Divan paßt.

Aber Goethe hat sich kaum gedacht: „Hier muß ein unreiner Reim her, um die Lockerheit des Divans zu betonen.“ Er dachte wohl eher: „Verflixt, an der Stelle ist der Reim noch nicht sauber. Aber eigentlich paßt der unreine Reim ja ganz gut zur lockeren Atmosphäre des Divans, also kann ich das auch guten Gewissens so stehen lassen.“

Das Ergebnis ist dasselbe, und unter dieser Perspektive ist ein unreiner Reim vielleicht sogar besser als ein perfekt passender reiner Reim, weil der unreine Reim den Inhalt unterstreicht – aber daß da ein unreiner Reim steht, ist ein glücklicher Zufall, der sich aus menschlicher Schwäche ergeben hat, und kein bewußter Vorsatz eines Halbgotts. Ich bin fast sicher: Wäre Goethe auf Anhieb ein reiner Reim aus dem Ärmel gepurzelt, hätte er diesen genommen, statt absichtlich auf einen unreinen auszuweichen. So war es wohl eher ein: „Gut genug; der Inhalt trägt‘s.“

Oftmals steht man als Dichter vor 2 Alternativen, die beide verlockend aussehen, auch wenn am Ende nur eine davon stehenbleibt. In diesem Fall wäre es der Konflikt zwischen Form und Inhalt. Es ist gut möglich, daß Goethe auch nach diesem glücklichen Zufallsfund, der den Inhalt so schön trägt, noch erwog, vielleicht doch lieber auf Kosten des Inhalts einen reinen Reim zu nutzen, damit die Form makellos ist. – Beides zugleich geht eben nicht. Von diesen Überlegungen und inneren Unsicherheiten merkt der Leser aber nichts mehr, und hält jene Alternative, die vielleicht gerade so, und womöglich noch unter Zeitdruck, gegen die andere gewonnen hat, für das, wovon der Autor zu 100% überzeugt war. Das ist aber selten so.

Ich will noch ein Gedicht anführen, das auch sehr viel über Goethes Arbeitsweise aussagen dürfte: Offenbar Geheimnis

Sie haben dich heiliger Hafis
Die mystische Zunge genannt,
Und haben, die Wortgelehrten,
Den Werth des Worts nicht erkannt.

Mystisch heißest du ihnen,
Weil sie närrisches bey dir denken,
Und ihren unlautern Wein
In deinen Namen verschenken.

Du aber bist mystisch rein
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu seyn, selig bist!
Das wollen sie dir nicht zugestehn.

Mit dem halben Kreuzreim, den metrischen Stolperern in Strophen 2 und 3 sowie den unbeholfenen Formulierungen („bey dir denken“) und dem letztlich banalen Inhalt („verkannter Dichter“), merkt man schon deutlich, daß dieses Werk eher flüchtig aus dem Handgelenk geschüttelt war, und sicher nicht den Gipfel von Goethes Schaffen darstellt. Diese Ungereimtheiten zu tiefsinnigen Geniestreichen umzudeuten, ist genau das, was Schüler (und letztlich wohl jeder) zu recht lächerlich finden. Goethe kann gut dichten, aber dieses Gedicht gehört nicht zu denen, bei denen er sich Mühe gab.

Denkt man von ihm nicht als Halbgott, sondern als Menschen, ist das auch leicht nachzuvollziehen: Bei Mozarts „Leck mich im Arsch“ dürfte schon sehr eindeutig sein, daß das nicht als ernsthaftes Musikprojekt gedacht war, das neben der Jupitersinfonie aufgeführt werden sollte. Aber weil Mozarts Handwerk eben das Komponieren war, sagt er nicht „Leck mich im Arsch“, sondern vertont das ganze; hebt den spaßigen Einfall mehr beiläufig auf ein künstlerisches Niveau. Doch er wäre vermutlich über die Maßen überrascht, daß man diesen Achselfurz von ihm tatsächlich in den Konzertsaal gebracht hat.

Ähnlich muß man meiner Meinung auch das Offenbar Geheimnis lesen: Gar nicht als Gedicht konzipiert, sondern als Spielerei. Aber wer Lyrik kann, der bringt auch eine Spielerei noch in Versform. Weil es Goethe aber auch nicht wirklich wichtig war, ließ er den Feinschliff bleiben und akzeptierte die Rohfassung. Und wenn das Geheimnis dann schonmal auf dem Papier steht, nimmt er es halt mit in den Divan.

Echte Höhepunkte

Mit der Seligen Sehnsucht greift Goethe dagegen in die Vollen und zeigt, was er draufhat, wenn er sich Mühe gibt. Dieses Gedicht ist wirklich so stark, wie Goethe immer angepriesen wird und vereint sinnliche Bilder, die sich einbrennen, mit hoher Tiefe und einer herrlichen Melodik. Die Selige Sehnsucht ist gemeißelt. Sie hebt sich deutlich von den anderen ab und Goethe hat sie mit Sicherheit nicht zufällig als Abschluß des ersten Buches des Divans gewählt.

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Auch das Gedicht „An Suleika“ im extrem knappen Buch Timur ist sehr stark, und das ganze Buch Suleika, das sich an Timur anschließt, möchte ich ebenfalls positiv hervorheben.

Das Buch des Unmuts ist herrlich erfrischend und unkonventionell. Hier teilt Goethe zünftig aus und versteigt sich sogar dazu, lieber mit Tyrannen zu konversieren, als mit der Masse, die er explizit als dumm, halb und beschränkt bezeichnet. Hier spricht durchaus nicht der nachsichtige Menschenfreund, als den man den Geheimrat heute verkaufen will. Gewiß: Während Schiller in praktisch jedem Werk erstmal klarstellt, was er vom Pöbel hält, war Seelenadel wohl nicht Goethes Herzensthema. Aber solche Verse schreibt niemand, der von der Gleichheit der Menschen überzeugt ist. Lustig ist auch, daß die Form hier plötzlich strenger wird als in den vorangegangenen Büchern, fast, als wolle Goethe zeigen, zu welcher Hochform er aufläuft, wenn er über den Pöbel ablästert.

Zwischen diesen Höhepunkten liegen dann Schenkenbuch, Buch der Parabeln, der Sprüche usw. Diese sind meiner Meinung trotz ihrer oft guten Form extrem locker und ungezwungen im Inhalt, der im Schenkenbuch fast schon banal wird. Das Buch des Paradieses als Finale und Abschluß bildet einen gelungenen Spiegel zum Eröffnungsbuch des Sängers und rahmt den ganzen Divan mit persisch angehauchtem Vokabular ein.

Die Dynamik des Weltganzen

Goethe bildet damit die ganze Palette des menschlichen Lebens in nur einem Gedichteband ab, von der Seligen Sehnsucht bis zu Kneipenwitzen, und das ohne daß es collagiert wirkt. Shakespeare behandelt in seinen Sonetten zwar auch viele Facetten der Seele, aber immer im Kontext der Liebe und gut eingebettet in seine blumige, metaphorisch dichte Sprachakrobatik. Das ergibt natürlich ein monumentales Gesamtwerk, aber genau das ist meiner Meinung auch die größte Schwäche von Shakespeares Sonetten: In einem homogenen Block von 154 Gedichten müssen die Subtilitäten notwendig verschwimmen. Schon weil es alles Sonette von ähnlicher sprachlicher Dichte sind, und er keine thematischen Kapitel hat.

Bei Goethe ist der Kontrast stärker, sowohl durch die Variationen in der Form, als auch durch seine oftmals recht direkte, gerade Sprache, die sich nicht durch Blumen sublimiert, wie Shakespeare es tut. Das erhöht die Gesamtwirkung des Zyklus – durch Dynamik, wohlgemerkt, nicht durch Monumentalität. Was man als Autor bevorzugt, ist Geschmackssache, und ich sehe durchaus, daß beide Herangehensweisen Vorteile haben. Goethe hat sich für die kurzen, konzentrierten Spannungsbögen eines kleinen Bergdorfes entschieden, statt für das himmelragende Mausoleum aus weißem Marmor, welches Shakespeare entworfen.

Kampf der Titanen

Der Divan widerspricht so ziemlich allem, was man je von Goethe gehört hat. Zum einen liegt dessen Überhöhung daran, daß man unbedingt einen Nationaldichter haben wollte, und Goethe praktisch perfekt paßte: Dichter, Geheimrat, Naturforscher, Theaterdirektor, langlebig, fest im Leben verwurzelt, „alles im Griff“. Seine Biographie ist die Urnatur des Schirmers und Bewahrers; mit ihm als Nationaldichter kann man gar nicht danebenlangen.

Zum anderen liegt die seltsame Übertreibung wohl auch daran, daß Goethes wirkliche Größe eben ziemlich unspektakulär ist, und denkbar schlecht geeignet, bei den Massen Bewunderung auszulösen. Seine Leistung ist nämlich genau das, was über die Klassik gesagt wird: Edle Einfalt, stille Größe.

Es ist wohl kein Zufall, daß Goethe, der seine Kräfte immer schonte, ein enormes Alter von 82 Jahren erreichte und im Kreise der Familie starb, während um ihn herum die komplette Dichterlandschaft Europas erblühte und im Sturm verwelkte. Keats (†25), Shelley (†29), Byron (†36), Chenier (†31), Leopardi (†38), Grobojedow (†34), Puschkin (†37), Novalis (†29), Kleist (†34), und auch Goethes bester Freund Schiller (†45) – alle hat er kommen sehen, und außer Leopardi auch alle überlebt. Einzig Hölderlin (†73) erreicht ein ähnliches Alter, versinkt aber 1805 mit nur 35 Jahren in geistige Umnachtung.

Goethe dagegen hat im Leben und auch als Dichter vermutlich eine Balance erreicht, die in der Menschheitsgeschichte außergewöhnlich ist und nicht ganz zu Unrecht bewundert wird. Denn bei einem unreinen Reim zu sagen „Jetzt reicht‘s aber auch mal“, kann nicht jeder und bedarf eines ausgeglichenen Gemüts, dem Pedanterie und Zwanghaftigkeit fremd sind.

Goethe war durchaus nicht kalt oder gleichgültig – sein Werther beweist das eindeutig. Aber während Kleist sich gleich selbst das Hirn wegschießt, gibt sich bei Goethe nur Werther die Kugel. Dieses Maßhalten ist eine andere Art von Größe, die selbst Georges Perfektionismus gewissermaßen überschattet, und vielleicht sogar die wahre Größe ist in ihrer stillen Selbstgenügsamkeit. Mindestens ist sie funktionaler.

Olympier wider Willen

Schon öfter habe ich bei meinen Lektüren bemerkt, daß die Erwartungshaltung wichtig ist, Kunst mit Gewinn zu konsumieren. Wenn man etwas erwartet, was das Werk nicht hergibt, ist die Enttäuschung vorprogammiert. Und wenn man ein Blitzgewitter auf dem Olymp erwartet, wird Goethe nicht liefern.

Goethe hat nie auch nur den Versuch unternommen, den Olymp zu umdonnern – er war gemütlich wandern und stand plötzlich von selbst auf dessen Krone. Er hat Gedichte verfaßt, Dramen, Romane, aber auch wissenschaftliche Themen berührt. Nirgendwo ist er der absolute Meister, aber in seiner Vielseitigkeit deckt er unterm Strich mehr ab als jeder andere.

Sein Werk ist kein Gipfelsturm mit Blick ins Tal, wie ein Schillerdrama, kein Schlag ins Gesicht, wie ein Rilke-Gedicht, und auch keine Geisterbahn wie ein Dostojewskij-Roman. Sein Werk ist ein Spaziergang durch den Stadtpark – als solchen muß man es lesen: beschaulich, angenehm und gemütlich. Aber eben nichts, wo man das Leben besonders intensiv spürt. Man denkt gern daran zurück, aber es ist kein Ereignis, das den Charakter formt. – Ist es vielleicht deshalb ein Ereignis für Menschen, die bereits Charakter haben?

Möglicherweise ist es eine Altersfrage, und der ruhige Goethe wird zugänglicher, wenn man selbst älter und ruhiger wird. Es mag also sein, daß Goethe ein Autor für den Lebensabend ist, wenn man selbst so gemütlich geworden ist, wie es der Geheimrat zeitlebens war. Oder immerhin bereit ist, sich an innerer Ruhe zu versuchen.

Bis dahin kann man ihn nur immer wieder aus dem Schrank nehmen und testen, wie nah man ihm bisher schon gekommen ist. Sein Werk ist schließlich umfangreich genug, auch junge Leser ein Leben lang zu begleiten.

Vielleicht kommt jeder irgendwann an den Punkt, wo Goethe für ihn tatsächlich der größte Dichter ist. Einfach, weil er zusammen mit Goethe alle anderen überlebt hat.

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"Wir verstehen es, warum eine so schwächliche Bildung die wahre Kunst haßt; denn sie fürchtet durch sie ihren Untergang." (Die Geburt der Tragödie, 20)

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