Würden Sie einem Migranten 30.000 $ geben, um dessen angeblich gekidnappte Kinder auszulösen? Geld für eine kriminelle Organisation? Und was, wenn der üble Gedanke aufblitzt, dass es möglicherweise sogar ein versuchter Betrug der vorgeblich betroffenen Migrantin sein könnte? Schwierige, aber notwendige Fragen, denen sich die Hauptpersonen in Lionel Shrivers Roman „A Better Life“ eigentlich in ihrem eigenen Interesse stellen müssten. Lösen sie das Problem mit kühlem Kopf?
Leider nicht: Bis auf eine Ausnahme kommt keiner der Protagonisten von selbst auf diese kritischen Fragen, denn es handelt sich in ihren Augen um eine selbstverständliche altruistische Hilfeleistung für bedauernswerte Menschen. Man ist ja schließlich für das Wohlergehen der gesamten Menschheit verantwortlich und nicht umsonst in der saturierten Mittelklasse der USA links-liberal und woke sozialisiert worden. Doch wer tut sich sowas wirklich an? Was sind das für Menschen, die zugunsten fremder Invasoren ihr Leben und Land aufgeben?
Eine kaputte amerikanische Familie
In ihrem Roman „A Better Life“ beschreibt die bekannte US-amerikanische Autorin Lionel Shriver das Aufeinandertreffen zweier inkompatibler Kulturen: Auf der einen Seite Migranten aus Honduras, auf der anderen eine „Einelternfamilie“ in den USA mit deutsch-italienischen Wurzeln. Diese Restfamilie besteht aus der geschiedenen Mutter, ihrem erwachsenen Sohn und ihren ebenfalls erwachsenen zwei Töchtern. Alle drei Frauen sind absolut links-liberal-woke.
Die beiden gut ausgebildeten Töchter haben natürlich keine Kinder, nur eine ist verheiratet, während die andere lediglich einen Hund als Hausgenossen braucht. Der lethargische, sich in jeglicher Hinsicht als „neutral“ erklärende Sohn ist seit mehr als vier Jahren mit der Uni fertig, zeigt aber keinerlei Ambitionen arbeiten zu gehen. In selbstgewählter, zunehmender Isolation zehrt er eine kleine Erbschaft seines Großvaters auf.
Lächerlicherweise versucht seine Mutter, unter Vermeidung einer echten, fordernden Arbeit, mit kleinen Bastelarbeiten, vorwiegend Tierfiguren, so etwas wie ein Arbeitsleben mit eigenen Einnahmen zu simulieren. Der geschiedene Ehemann lebt in sicherer Distanz mit seiner neuen Frau. Er ist der Einzige, der gesunde politische Ansichten hat, was mehr oder weniger zum Auseinanderleben und zur folgerichtigen Scheidung mit seiner links-woken Frau beigetragen hatte.
Nur noch vorübergehend fließen Zahlungen des Ex. Der geschiedenen Frau verbleibt somit nur das Haus im Wert von 2,5 Millionen Dollar, das sie nicht aufgeben will. Da fängt man eben an, ein wenig zu basteln und vorrangig die Tage auf Demos für Migranten zu verbringen. Liegt nahe. Würde wohl jeder so machen — oder?
Die Schicksalswende
Das Leben der vierköpfigen Restfamilie könnte so zwischen Dekadenz und Degeneration noch eine Weile dahindümpeln, doch eines Tages beschließt die Mutter aufgrund eines Aufrufs des New Yorker Bürgermeisters einen Migranten bei sich zuhause aufzunehmen. Man will ja nicht nur linksliberal und woke reden, sondern allen Nachbarn zeigen, wie ernst man es selbst mit seinen hehren Ansichten meint. Nebenbei gibt es natürlich eine saftige monatliche Prämie aus der Stadtkasse für die Bereitschaft zur Aufnahme, die man gerne als Lohn für seine altruistische Tat einstreicht.
Die Stadt weist Ihnen eine relativ junge Honduranerin zu. Nun ist man als Familie wieder zu fünft. Noch ahnt niemand, außer dem skeptischen Sohn, dass die neue Bewohnerin einen Rattenschwanz an Problemen hinter sich herzieht, der zu einer wahren Schicksalswende werden wird. Das behäbige Mittelklasseleben wird sehr schnell Vergangenheit sein.
Das Lösegeld ist erst der Anfang
Nach kurzer Zeit behauptet die mit Freuden aufgenommene, überschwänglich dankbare Frau, ihre in Honduras zurückgelassenen drei Kinder seien dort entführt worden, um Lösegeld von ihr zu erpressen. Von ihrem in Honduras verbliebenen Ehemann könne sie keine Hilfe erwarten, da er nichts tauge und völlig mittellos sei.
Nach kurzem Hin-und-Her sind sich die drei Frauen einig und überstimmen den skeptischen Sohn. Dies, obwohl das Geld dafür nicht ohne Mühe beschafft werden kann. So wird gezahlt und die Honduranerin ist vor Freude ganz aus dem Häuschen, als sie Fotos und ein Gespräch über ihr Handy präsentieren kann, in dem ihre angeblich entführten Kinder sich für den Freikauf bedanken. Klar, dass sie auch bald auftauchen werden, um die unaufhörlich wachsende honduranische Kolonie im Haus der Familie zu vermehren.
Na, wenn das keine echte links-liberal-woke Liebe für eine Migrantin und ihre Kinder ist. Oder hat das Ganze dann doch einen gravierenden Haken?
Es werden immer mehr
Nach dem Einzug der Honduranerin werden es auf einmal unerwartet und unwillkommen immer mehr Migranten im Haus. Den Anfang macht der angebliche Bruder. Dann kommt ein Freund und schließlich sind es mindestens zehn Migranten, darunter ganz offensichtlich über und über tätowierte Mitglieder einer kriminellen honduranischen Bande.
Die ursprünglichen Bewohner werden zunehmend in die Ecke gedrängt. Sie sind nur noch geduldete Gäste im eigenen Haus, solange sie von Nutzen sind. Man misshandelt sie zwar nicht körperlich und sie können nach Belieben ein- und ausgehen, doch ihr Eigentum und Geld eignet sich die Bande mit Dreistigkeit und Druck in wachsendem Maße an. Die Szenen, die sich hier abspielen, sind ein absurdes Schauspiel, das unausweichlich von einer Tragikomödie zu blutigem Ernst mutiert.
Die Invasoren machen, was sie wollen, bis selbst die realitätsfernen Ladies langsam und auch nur zögernd begreifen, was vor sich geht. Werden sie es aus eigenem Antrieb schaffen, die Invasoren zum Verlassen des Hauses zu bringen? Die Autorin liefert hier ein Szenario, das zugleich realistisch, als auch surreal ist. Mit Akribie beschreibt sie die Charaktere, ihre Gedanken und deren hilfloses Handeln.
Der Sohn als Retter?
Nach turbulenten, sich steigernden Ereignissen, nach dem Scheitern aller vorsichtig-friedlichen Versuche die Invasoren zu entfernen, hilft nicht mal die Polizei. Interessant, wie Shriver deren Verhalten beschreibt. Die Polizei ist genauso dysfunktional wie die Justiz und alles im Land. Was hat man da noch an Optionen?
Der geschiedene Ehemann ist weg. Er hat die Familie vor Jahren verlassen müssen. Die drei Damen sind naive Realitätsverweigerer. Bleibt nur der Sohn. Fragt er seinen Vater um Rat? Ist er selbst vielleicht der Retter?
Immerhin hat der Sohn grundsätzlich gesunde Ansichten, die sich im Laufe der immer dramatischeren Handlung verfestigen. Leider führte seine Sozialisierung dazu, ihn zu einem antriebslosen, passiven Beobachter seiner Umwelt werden zu lassen. Er weiß, dass alles im Land schiefläuft, er weiß aber auch, dass er selbst eine Lusche ist.
Wacht die Lusche doch noch auf?
Zunehmend dämmert dem Sohn seine eigene, feige Unzulänglichkeit. Kann er seiner Mutter helfen?
„Und jetzt kann ich es nicht“. Zu seiner eigenen Abscheu fing er an zu weinen, und er wischte sich mit wütender Verärgerung die Augen. „Ich habe weder die Muskeln noch die Waffen. Ich habe keine Freunde mit Muskeln und Waffen. Ich habe kein strategisches Denken — ich weiß zum Beispiel nicht, was Leute tun, wenn ihr Haus von Schlägern übernommen wird. Diese Typen haben keine Angst vor mir. Die halten mich für einen Witz. Und ich bin ein Witz … Ich weiß nicht, was ich tun soll, und ich kann dir nicht helfen. Ich bin ein beschissener Sohn. Du hättest genauso gut einen anderen haben können.“ (S.226)
„Bis vor Kurzem hätte er seine eigene Wesensart lässig als clever und zynisch beschrieben, eine gängige Selbstwahrnehmung, die besonders verführerisch gewesen sein muss, wenn man jung war. Abgeschirmt von der Realität durch die Annehmlichkeiten verhältnismäßig finanzieller Sicherheit, schien die vorherige Generation noch in einer Zeit aufgewachsen zu sein, die unverkennbar einfach, unschuldig und dumm war. Man selbst kam in einer Zeit ins Erwachsenenalter, in der alles schnell, kompliziert und schmutzig war. Man konnte das schmutzige Geschäft sehen, wie die Welt wirklich funktionierte, während Mama und Papa fröhlich in einem La-La-Land lebten und benebelt ihre Zwei-für-einen-Martinis schlürften.“ (S. 244)
Die zunehmend bedrohlichere, nicht mehr hinnehmbare Lage zwingt ihn schließlich, doch etwas zu tun.
Mehr Beschreibung als Handlung
Das Buch „A Better Life“ von Lionel Shriver ist voll von wahrlich grotesken Vorgängen. Satirisch überzeichnet, gibt es doch einen detaillierten, realistischen Einblick in das Leben und Denken der Linksliberalen von heute. Shriver erweist sich wieder mal als eine präzise Beobachterin jener Kreise. Nicht zufällig spielt die Handlung in einem links-woken Milieu, das auf der komfortablen Grundlage eines momentan angenehmen Wohlstands sowohl durch kognitive Dissonanz als auch durch einen pathologischen Altruismus gekennzeichnet ist. Schlimm wird es nur, wenn die Realität mit deren Wolkenkuckucksheim kollidiert.
Irgendwie sind diese Typen, obwohl intelligent, maßlos dämlich und naiv. Man kann sich diese Gesinnungsethik, jenseits wirklich existentieller Probleme, allerdings noch recht bequem leisten. Für den normalen, hart arbeitenden Bürger wäre das nichts, weil er einen täglichen Kampf um sein Auskommen kämpfen muss und für solche Spinnereien keine Zeit und keinen Sinn hat.
Mysteriös und ambivalent erscheint die honduranische Migrantin, die zunächst einen ehrlichen und dankbaren Eindruck macht. Sie scheint hart arbeiten und sich voll integrieren zu wollen. Bis zum letzten Kapitel wird der Leser im Unklaren gelassen, ob es wirklich so ist oder ob sie mit den kriminellen Landsleuten unter einer Decke steckt oder gar auf eigene Rechnung dunkle Ziele verfolgt.
Der Roman hat eine sich in der Dramatik steigernde Handlung mit einem unerwarteten Finale nach einer Eskalation der Lage. Die Stärke des inhaltlich und literarisch gut gemachten Buches besteht allerdings nicht in der Handlung, die nur wenige Varianten zulässt, sondern vielmehr in den präzisen Beobachtungen und Beschreibungen, die der Satire einen realistischen Kern geben.
Ja, man kennt diese Typen, ob es sich um bestimmte Migranten oder links-woke Mittelklässler handelt. Nicht zufällig sind es hier Frauen, die in ihrer woken Überspanntheit bis auf die letzte Minute an Illusionen festhalten. So zieht sich deren Verhalten, das ihnen ein dekadentes, degeneriertes System ermöglicht, bis zum Schluss hin. Interessant für den Leser dürfte die Frage sein, ob es da irgendeinen Lerneffekt gibt. Shriver hat am Ende des Romans darauf eine Antwort, die ihn mehr oder weniger überraschen wird.
Trotz dieser Qualen übt das Buch eine eigenartige Faszination aus. Man erwartet schließlich mit einer gewissen Schadenfreude, dass was schiefgehen muss und die Protagonisten ordentlich gequält werden. Nur so kann man diese Farce wirklich mit Genuss ertragen und Seite für Seite weiterlesen. Ja, es macht Spaß, die voraussehbare Eskalation bis zur Neige auszukosten. Zumindest kann man sich jegliches Mitleid ersparen.
Gibt es ein Happy End? Wer ist der Held der Handlung?
Natürlich soll hier nicht zu viel von der Handlung verraten werden. In der Tat kann man nach der Lektüre darüber rätseln, ob es ein Happy End gegeben hat. Shriver hat hier ein Ende gewählt, das durchaus differenzierter ist. Auf jeden Fall ist der Sohn Nico der große Gewinner auf Seiten der Opfer. Er wandelt sich von einer passiven Null, wie es auch der Held in Alex Kurtagics Roman „Angel“ ist, in einen jungen Mann, der aus einem bösen Albtraum erwacht und nun seinen Weg gehen wird. Shriver eröffnet damit einen positiven Ausblick auf die Möglichkeit der Änderung im Verhalten solcher leider immer zahlreich gewordenen lebensuntauglichen Bübchen, die ein Problem mit dem Erwachsenwerden haben. Wie es dann um die Schwestern und die Mutter steht, kann der Leser durch die Lektüre selbst herausfinden.
Fazit
Im Wesentlichen geht es in dem Roman um die illegale Masseneinwanderung in die USA und deren unmittelbare Auswirkungen auf eine links-liberal-woke Familie, die einen dieser Flüchtlinge aus gesinnungsethischen Gründen aufnimmt. Die daraus resultierenden dramatischen Folgen werden bis zur zwangsläufigen Katastrophe beschrieben. Shriver demaskiert das unverantwortliche staatliche System, die handelnden Gutmenschen, wie auch die Migranten selbst, die einen wahren Albtraum erschaffen. Aus dem Chaos geht nur einer der Beteiligten persönlich gefestigt hervor. Es handelt sich dabei um einen in einem destruktiven System und einer links-liberal-woken Blase Aufgewachsenen, der letztlich geläutert die dramatischen Ereignisse durchsteht. Die anderen Gutmenschen sind hingegen unverbesserliche Verlierer.
Shriver hat die Handlung und die Charaktere überzeugend realistisch, wenn auch satirisch überspitzt, geschildert. Der Leser wird in dem einen oder anderen Protagonisten seinen Nachbarn, Verwandten oder Arbeitskollegen wiedererkennen. Es ist der literarisch gelungen verarbeitete Antagonismus zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik in einer Zivilisation, die sich zwangsläufig selbst zerstört, indem sie ihr Land freiwillig Fremden überlässt.







