Hallo Weidenhirte,
auf deinem Kanal schnitzt du kleine urtümliche Gesichter in Weidenholz. Mir ist nicht bekannt, dass das sonst noch jemand tut. Wie bist du dazu gekommen? Und warum kaufst du nicht einfach ein Stück Holz aus dem Baumarkt?
Weidenvolk: Grüß dich, Carsten, Schnitzer findet man in den sozialen Netzwerken immer häufiger. Entsprechendes Holz dafür gibt es sicherlich im Baumarkt, definitiv aber auch in unzähligen Onlineshops und sogar bei Amazon. Die Community ist riesig. Was ich mache, ist aber noch einmal etwas anderes. Neben dem Schnitzen kommt der Aspekt der lebenden Pflanze hinzu. Weidenhirten wie mich gibt es weltweit nur eine Handvoll – auf diesem Niveau der Professionalisierung meines Wissens nach sogar gar keinen.
Für mich begann die Arbeit mit den Weiden vor circa zwei Jahren, als ich auf der Suche nach einem kleinen Bonsaibäumchen für das Homegym war. Das Problem: Die meisten Bonsai für Innenräume sind nicht-europäische Pflanzen, und die heimischen Sorten sind reine Outdoor- Bäume. Auch die lange Zeit, die eine Bonsaiaufzucht benötigt, hat mich abgeschreckt. Auf der Suche nach einem schnellen und einfachen Weg bin ich dann auf die Weiden und die Möglichkeit aufmerksam geworden, Gesichter in den Stamm zu schnitzen. Und das war für mich das überzeugende Argument. Ein lebender Baum mit Gesicht? Das wollte ich unbedingt haben.
Also ging es los: Schnitzmesser kaufen, die Weidenbäume der Nachbarschaft auskundschaften und die ersten Stecklinge schneiden. Seitdem ist viel passiert. Via Trial and Error findet man heraus, was geht und was nicht, welcher Dünger welche Vorteile hat, man verbessert seine Schnitzfähigkeiten, Linien werden feiner und sauberer, Gesichter detaillierter.
Auf deinen Bildern sieht man immer wieder, dass aus einem geschnitzten Ast neue kleine Triebe wachsen. Das heißt, die Weide lebt weiter? Wie groß und alt kann sie trotz der Holzarbeit noch werden?
Weidenvolk: Genau das ist der springende Punkt. Weiden haben die faszinierende Eigenschaft, dass sie unglaublich widerstandsfähig sind und unfassbar schnell wachsen. Ein geschnitzter Weidenast, der in ein Wasserglas gestellt wird, wurzelt innerhalb weniger Wochen und beginnt, neue Triebe auszubilden. Bei guter Pflege kann der so entstehende Baum theoretisch mehrere Jahrzehnte alt werden. Der Baum beginnt mit der Zeit, die Verletzung zu überwuchern, was man mit speziellen Schnittechniken aber ganz gut verhindern kann.
Ich selbst habe mitlerweile Weiden, die trotz geschnitztem Gesicht seit bald zwei Jahren leben. Der entscheidende Unterschied zum klassischen Schnitzen – und meiner Meinung nach auch ein großer Teil des Zaubers – ist, dass man von Beginn an mit einem Lebewesen arbeitet. Der Steckling entwickelt sich zum Baum und kann ein Begleiter für das ganze Leben werden.
Heute wird alles aus Plasik gemacht, dabei hat die massenhafte Verbreitung von Kunststoff erst in den 1950er Jahren stattgefunden. Davor wurde über Jahrhunderte mit Holz gearbeitet, viel davon mit Weide. Was kannst du uns über die Bedeutung der Pflanze erzählen?
Weidenvolk: Weiden wachsen nahezu überall und ziemlich zügig, sind biegsam und leicht zu bearbeiten. Dementsprechend wurden sie bis ins letzte Jahrhundert für viele ganz alltägliche Dinge eingesetzt: als Baumaterial für Häuser und den Landschaftsbau, für Körbe und Flechtwerk aller Art, Käfige oder Zäune. Mit der massenhaften Verbreitung von Kunststoff wurden traditonelle Materialien wie die Weide jedoch zunehmend verdrängt.
Je mehr Menschen sich jedoch der Problematik rund um Mikroplastik bewusst werden, desto interessanter werden alte Materialien wieder. Lebende Weidenzäune liegen erneut im Trend, und auch die Korbflechterei erfährt zunehmendes Interesse. Freunde unseres Projekts in Großbritannien fertigen selbst Fangkörbe für die Fischerei auf traditionelle Weise aus Weidenruten, um den so gewonnenen Fang ökologisch aufzuwerten.
Selbst in der Medizin erlebt die Weide ein Revival. Traditionell wurde der hohe Gehalt an Salicin, Gerbstoffen, Flavonoiden und entzündungshemmenden Pflanzenstoffen in der Rinde schon früh von unseren Vorfahren zur Behandlung von Schmerzen und Entzündungen genutzt. Auch heute ist die Weide in der Naturheilkunde wieder eine beliebte Alternative zu Aspirin und ähnlichen Medikamenten.
Du bist viel auf TikTok und YouTube Shorts unterwegs. Dabei zeigst du nicht nur deine Schnitzereien, sondern erzählst auch kleine Geschichten. Welche deiner Kurzvideos hältst du für besonders gelungen?
Weidenvolk: Besonders beliebt war dieses Video:
Das Erwachen eines Weidengeistes erklärt dieses denke ich am besten:
In deinen Videos ziehst du immer wieder einen Bezug zum Germanentum und zur deutschen Mythologie. Was kannst du uns dazu erzählen?
Weidenvolk: Weiden sind überall dort, wo sie heimisch sind, eng mit Mythologie sowie alten Sagen und Bräuchen verbunden. Als deutsches Projekt liegt es daher nahe, die Erzählungen rund um die Weiden immer wieder mit Elementen europäischer Kulturgeschichte zu verweben. Geschichten aus der Edda finden also ebenso Einzug in die Erzählung wie Doggerland, Runenmagie oder der Eine Ring aus Der Herr der Ringe.
All diese historischen und kulturellen Bezüge sind eingebunden in die Geschichte des Weidenvolkes – einer wachsenden Gemeinschaft aus Weidenbäumchen mit einem eigenen Willen zur Macht. Um sich aufzubauen, nutzen sie den Menschen, den Weidenhirten, um ihre Versorgung sicherzustellen. Das Weidenvolk ist natürlich den Weidengöttern verbunden, lebt archaisch-patriarchal nach dem Recht des Stärkeren und zeichnet sich durch Kriegerkult und eine gewisse Urtümlichkeit aus. Darüber hinaus hat das Weidenvolk hin und wieder auch einen dem Zeitgeist entgegenstehenden Blick auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen, äußert sich zu den Epstein-Files oder persifliert Spiegel TV-Reportagen.
Du baust deine Weidenstecklinge auch selbst an. Hast du ein eigenes Gewächshaus? Sind Weiden pflegeleicht oder sind sie dir schon einmal eingegangen?
Weidenvolk: Begonnen habe ich auf einer kleinen Fläche neben meinem Schreibtsch. Mitterweile ist die Anbaufläche auf circa 20 Quadratmeter angewachsen. Beleuchtung und Bewässerung sind inzwischen professionalisiert, und die größeren Exemplare reichen bis zur Decke. Ich habe von Korbflechtern gehört, dass die Arbeit mit Weiden süchtig machen soll, und kann das aus eigener Erfahrung bestätigen.
Weiden sind ideale Anfängerbäume. Sie wachsen schnell und verzeihen viele Fehler. Aber natürlich gibt es kein Leben ohne Tod. Gelegentlich kann es also auch passieren, dass es einzelne Bäume nicht schaffen – meistens dann, wenn sie nicht ausreichend bewässert werden. Der archaischen Lebensweise des Weidenvolkes folgend, wurden die ersten verstorbenen Bäume in einer Feuerschale brandbestattet. Mittlerweile werden die „Gefallenen“ aber auf einem Weidenfriedhof aufbewahrt.
Wenn ich selbst etwas aus einer Weide schnitzen möchte, was muss ich dabei beachten? Gibt es klassische Anfängerfehler?
Weidenvolk: Weidenholz ist weich und kostet beinahe nichts – ideal also zum Schnitzen. Du findest Weiden überall dort, wo Wasser in ausreichenden Mengen verfügbar ist: an Teichen, Bachläufen oder in Auenlandschaften. Idealerweise kennst du den Besitzer und kannst dir einige zwei bis drei Zentimeter dicke Stecklinge abschneiden.
Wenn du aus deiner Schnitzerei einen Baum ziehen möchtest, solltest du darauf achten, möglichst wenig Rinde zu verletzen, und den Steckling direkt nach dem Schnitzen ins Wasser stellen, damit er sich vollsaugen und direkt wurzeln kann. Oft genügt zu Beginn schon ein einfaches Taschenmesser. Für feinere Schnitze gibt es außerdem gute Schnitzmesser deutscher Firmen für kleines Geld.
In deinem Shop bietest du Weidengeister an, die man erwerben kann und aus denen dann die Weide wächst. Das scheint mir gerade für Kinder eine schöne Sache zu sein. Möchtest du noch etwas über deinen Netzladen sagen?
Weidenvolk: Für Kinder ist es ein großartiger Weg, gleichzeitig Natur und alte Sagen zu erkunden. Unter Aufsicht schnitzen und dabei zuschauen, wie Wurzeln, Knospen und Äste wachsen – all das fasziniert nicht nur Erwachsene. Da Bäume mit Gesichtern natürlich auch etwas Mystisches an sich haben, entsteht schnell ein Zugang, um Sagen, Märchen und geschichtliche Themen näherzubringen.
Nachdem ich angefangen habe, die Geschichte des Weidenvolkes online festzuhalten, kamen recht schnell die ersten Nachfragen, ob man einen Weidengeist kaufen könne. Irgendwann dachte ich mir dann: Warum eigentlich nicht?
Für Pflanzenliebhaber gibt es dort inzwischen ein starkes Paket aus handgefertigten Töpfen, Emporen für die Bäumchen und verschiedenen Schnitzarbeiten. Da im Netzladen alles deutsche Handarbeit ist, kann dort natürlich nicht mit Kampfpreisen gepunktet werden. Hochwertige Geschenkideen findet man dort aber auf jeden Fall.
Vielen Dank für das Gespräch!
Links zu Weidenvolk:
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