Seit über 70 Jahren nun steigt der Gigant aus den Tiefen des Meeres, um Japans Städte in Schutt und Asche zu legen. Einer Naturgewalt gleich rollt er über das Land und zwingt das gebeutelte Volk immer wieder aufs Neue, große Wissenschaftler und Erfindungen hervorzubringen, um gegen das unbezwingbare Ungeheuer anzutreten.
Mittlerweile können wir auf sage und schreibe 38 Godzilla-Filme zurückblicken und ein Ende ist nicht abzusehen. Wegen der klamaukigen Filme aus den 70er-Jahren hat sich bei manch einem im Kopf festgesetzt, dass Godzilla albern und etwas für Kinder sei. Das ist falsch! Godzilla hat uns etwas zu sagen und in diesem Artikel werde ich auf drei ernstzunehmende Filme eingehen, die jeweils völlig verschiedene Blickwinkel einnehmen.
Monsterfilme aus Hollywood
Spannend ist, dass die Japaner die Grundidee für Godzilla aus dem Hollywoodfilm „Panik in New York“ geklaut haben, der 1953 in die Kinos kam und einen durch Atombomben aufgeweckten Dinosaurier zeigt, der New York verwüstet. Die Angst vor Atomkraft und radioaktiver Strahlung war weit verbreitet und wurde in vielen amerikanischen Filmen verarbeitet. Bekannt ist z.B. Formicula (1954) mit seinen atomverstrahlten Riesenameisen. Aber die US-Produktionen bleiben an der Oberfläche und bevor die Bedrohung außer Kontrolle gerät, können Staat und Militär das Problem lösen.
Das hinter Monsterfilmen durchaus tieferliegende, kulturelle Erfahrungen stecken können, ist seit „King Kong“ (1933) bekannt, das weiterhin als Metapher für den Konflikt der weißen Amerikaner mit Schwarzen gelesen wird. Die weiße Frau aus der Unterschicht wird von einem Negerstamm entführt, um sie King Kong zu opfern. Als dieser schließlich aus dem prähistorischen Dschungel in die Großstadt geholt wird, befreit er sich und hinterlässt eine Spur der Verwüstung.
Godzilla (1954) – Ausdruck der japanischen Seele
Zurück nach Japan. Wer das Wesen von Godzilla verstehen möchte, der muss weit in die Vergangenheit reisen: 1954! Der erste Film ist nicht nur der düsterste Teil, sondern in meinen Augen auch der beste Godzilla-Film überhaupt. Was mich besonders am Film fasziniert, sind seine Ecken und Kanten. Das liegt zum Teil daran, dass der Film innerhalb von nur 8 Monaten produziert worden ist. Er ist also filmisch nicht perfekt, die Schauspieler sind nicht immer gut, aber er hat eine Seele. So sind manche Schnitte etwas unbeholfen oder die kurzen Einblicke in die Reaktion der Menschen werden nicht weiter ausgeführt.
Meisterhaft gelingt ihm dagegen der Spagat zwischen dokumentarischen Stil und surrealem Albtraum. Die Entscheidung, statt Stop-Motion zu verwenden, einen Schauspieler in ein Kostüm zu stecken, war goldrichtig und gibt dem Urwesen echte Lebendigkeit. Hier sieht Godzilla deutlich besser aus als wenn die Handpuppe verwendet wird. Der Dreh in schwarz-weiß ist kein Nachteil, sondern trifft die Stimmung genau.
Das Herz jedoch bleibt die ungeheuerlich gute Musik und die genialen Soundeffekte, die bis heute in allen Adaptionen aufgegriffen werden. Wer kennt nicht den markerschütternden Schrei Godzillas? Beides sind die Kreation von Akira Ifukube und er selbst hielt die Musik für sein bestes Werk. So steigert sich der Film nach und nach, um in einem ungewöhnlichen Finale zu münden, das in seiner tragischen, bedrückenden und melancholischen Stimmung so erfrischend anders ist als alles, was aus dem liberalen Hollywood kommt.
Lovecraftisch und Antimodern
Wenn man die Handlung wiedergibt, lassen sich einige Parallelen zu Lovecraft ziehen: Die abergläubischen Küstenbewohner der Insel Odo erzählen, dass früher, wenn die Fische ausblieben, dies ein Zeichen war, dass das schreckliche Wesen Godzilla demnächst an Land gehen wird. Deshalb wurde getanzt und dem Gott ein Menschenopfer gebracht, ein junges Mädchen, das man auf See ausgesetzt hat, um ihn zu besänftigen.
Ist es das, was die Atomtests im Pazifik erweckt haben und weswegen die Schiffe verschwinden? Schließlich ist es soweit, in einer stürmischen Nacht steigt ein uraltes Wesen, eine Gottheit längst vergangener Tage, aus dem Meer und lässt die Menschen erzittern. Ohnmächtig müssen sie mit ansehen, wie er eine Spur der Vernichtung hinterlässt. Keine Kugel und kein Geschoss kann ihm etwas anhaben. Sein atomarer Atem atem, eine direkte Metapher für den nuklearen Holocaust, hinterlässt eine verstrahlte Trümmerlandschaft.
Der Mensch wurde zu maßlos und die Wissenschaft, die ihn einst emporgehoben hat, entfesselt die Naturgewalten und reißt ihn wieder hinab. Der Mensch wird klein und unbedeutend, er ist den entfesselten Urkräften nicht gewachsen. Die Verlockung, die Technik zu missbrauchen, war zu groß. Jetzt kommt Leid und Elend über die Welt und alle Werkzeuge erweisen sich als nutzlos. Genau wie bei Lovecraft wird damit das liberale Menschenbild fundamental in Frage gestellt.
Aber es gibt noch eine historische Dimension: Anfang des Jahres 1954 ist tatsächlich ein japanischer Fischkutter bei US-Wasserstoffbombentests schwer verstrahlt worden. Im Film manifestiert sich das Trauma des verlorenen Krieges, der Atombombe und der durch Brandbomben vernichteten Städte.
Schließlich bleibt die eindrückliche Warnung vor modernen Massenvernichtungswaffen, die weit das übersteigen, was der Mensch noch kontrollieren kann, heute genauso aktuell wie vor 70 Jahren.
Shin Godzilla (2017) – Ein Film des Managerialismus
Machen wir einen großen zeitlichen Sprung und landen bei einer Verfilmung, von der der Schattenmacher sehr angetan war: Shin Godzilla. Der Schattenmacher war begeistert, weil er die Unfähigkeit moderner Demokratien aufzeigt und ihr eine idealistische und kompetente Führungsperson entgegenstellt.
Mich hat der Film dagegen beim Ansehen abgestoßen. Godzilla wurde zu einem Mutanten degradiert, der sich zu Beginn als unförmige Wurst mit riesigen Augen durch die Flüsse und Straßen von Tokio wälzt. Man hat ihm seine Erhabenheit geraubt.
Shin Godzilla ist ein politischer Krisenfilm. Godzilla ist ein Problem, das analysiert und gemanaged werden muss. Jede spirituelle Dimension ist in dieser Adaption verloren gegangen. Die Frage, die der Zuschauer sich stellt, ist, ob die japanische Demokratie und Bürokratie mit ihren langsamen Prozessen nicht effizienter gestaltet werden könnte. Darüber hinaus gibt es auch einige Seitenhiebe auf den Einfluss, den Amerika auf die japanische Politik nimmt.
Die Technik ist nicht mehr die Gefahr, sondern die Lösung. Und das nicht durch coole Flugzeuge und Riesenroboter wie noch in der Heisei-Reihe, sondern durch den schnöden Managerstaat, der schließlich Godzilla zu seinem Patienten macht, der behandelt werden muss. Dieses Weltbild ist vielleicht erschreckender als Godzilla selbst, weil es sich als alternativlos präsentiert. Eine gewisse Wahrheit kann man ihm dennoch nicht absprechen, erstickt doch die Technokratie auch bei uns den Mythos und den Weltzugang.
Würde man heute in der Fußgängerzone die Leute zwischen direkter Demokratie und Expertenherrschaft wählen lassen, wird die Mehrheit die Technokratie wählen, solange man es ihnen nur ansprechend mit „Klimawissenschaftlern“ und „Gesundheitsexperten“ verkauft. Schon der Wettstreit zwischen Kommunismus und Liberalismus war ein Konflikt, wer den Staat und die Gesellschaft effizienter managen kann. Müssen wir nicht größer denken?
Godzilla Minus One (2022) – Kapitulation vor dem Liberalismus
Kommen wir nun zur bisher letzten japanischen Godzilla-Verfilmung. Der auf den ersten Moment merkwürdig anmutende Titel „Minus One“ bezieht sich darauf, dass Japan bei der Niederlage im Zweiten Weltkrieg seine Stunde Null erlebt hat. Durch das Auftreten von Godzilla wird das Land daraufhin noch weiter zurückgeworfen: Ins Negative. Dementsprechend spielt der Film im zerstörten Tokio der Nachkriegszeit. Er handelt von einem Kamikazepilot, japanischen Ingenieuren und dem einzigartigen, experimentellen Flugzeug Kyūshū J7W1 „Shinden“. Oberflächlich wirkt er damit sehr reaktionär, doch der Schein trügt.
Was mich besonders gestört hat neben der Tatsache, dass der Film fast komplett auf CGI setzt und nur noch die Schauspieler real sind: Es ist ein bewusster Bruch mit dem Militär und den Werten des japanischen Kaiserreichs. Stattdessen atmet der Film viel mehr den liberalen-amerikanisierten Zeitgeist unserer Tage. Auch ich halte das Kamikaze-Programm der japanischen Luftwaffe für eine wahninnige Tat der Verzweifelung. Jetzt ist es aber nunmal so, dass es sich heute in das absolute Gegenteil verkehrt hat. Niemand ist mehr bereit, ein Opfer zu bringen. Niemand ist bereit, den Heldentod zu sterben, sondern alle wollen möglichst lange und bequem leben. Jetzt auf diese Weise mit der Vergangenheit zu brechen, halte ich nicht für mutig, sondern für Konformismus.
„Godzilla Minus One“ erhielt 2024 den Oskar für die besten Effekte. Die Umsetzung ist solide und die Mischung aus ernsten Fragen und Unterhaltung ist besser getroffen als von zeitgenössischen Hollywood-Filmen. Ein Monsterfilm, bei dem es nicht nur um Action geht, sondern wir das Schicksal des Protagonisten in der schweren Zeit nach dem Krieg miterleben. Zwei Stunden lässt man sich gut unterhalten, macht danach den Fernseher aus und hat ihn schnell wieder vergessen.
Auf Twitter schrieb jemand, dass er ihn sich mit seinem 12-jährigen Enkel angesehen hat und er begeistert war. Das kann ich mir gut vorstellen und mir geht es auch nicht darum, den Menschen die Freude am Streifen zu nehmen. In den Film ist viel arbeit geflossen und er ist gutes Unterhaltungskino. Handwerklich ist er sogar das genaue Gegenteil zum ersten Film: Es gibt es keine Schnitzer, alles ist von vorne bis hinten eine runde Sache. Doch es ist zu rund. Es fehlt die Seele.
Fazit
Drei Filme und drei völlig unterschiedliche Weisen, wie die Japaner Godzilla verarbeitet haben. Und aus jedem diese Ansätze können wir eine Selbstreflexion der japanischen Gesellschaft lesen.
Für mich gibt es aber einen klaren Favoriten: Wer den Mythos, die Kraft erleben möchte, aus der die 38 Filme entsprungen sind, der muss zum ersten Film von 1954 greifen. Er ist nicht nur düster und ernster, sondern hat uns noch immer am meisten zu sagen. Darüber hinaus werfe ich die These in den Raum, dass es sich um die beste Umsetzung eines lovecraftschen Films handelt.








