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Der rechteste Anime aller Zeiten? – Legend of Galactic Heroes (1982-1987)

Sorte Hass von Sorte Hass
3. November 2026
in Film
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Eine riesige Schlacht vor der Kulisse des Sternenmeers, in der zehntausende Raumschiffe gegeneinander die Geschichte der Menschheit schreiben. Untermalt von den Meistern der Klassik, treffen Admirale schwere Entscheidungen, kämpfen Jägerpiloten in schwindelerregenden Duellen und mit Äxten werden in genauso blutigen wie tollkühnen Enter-Kommandos an den Zügeln des Schicksals gezogen.

In dem 110 Folgen gewaltigen Anime Legend of the Galactic Heroes (oder, bereits damals in den 80ern für den Vorspann holprig als „Heldensagen vom Kosmosinsel“ offiziell ins Deutsche übersetzt) stellt das nur einen Teil der Folgen dar. Viele der Episoden fühlen sich mehr wie ein Dokumentarfilm an, aber das tut der Serie keinen Abbruch: Denn aufgrund des politischen Szenarios sind sie für uns Rechte mindestens genauso interessant.

Weltraum-Preußen gegen Amerikaner

Was sich in diesem Anime Bahn bricht, ist so außergewöhnlich, dass auch heute noch rege Diskussion um die Serie herrscht. Gezeigt wird nämlich, wie ein monarchisches Weltraum-Preußen die demokratischen Weltraum-Amerikaner an ihre Belastungsgrenze bringt. Die Darstellung einer verkommenen Demokratie ist unerwartet real. Trotz des Kriegs ist das System gefangen im Politik-Zirkus. Die Politiker und Staatsmänner sind austauschbare Nichtskönner. Sie sind das Ergebnis mehrerer Generationen an Selektion für den besten Redeschwinger im Beliebtheitswettbewerb. Die einzige andere Fähigkeit, die sie entwickelt haben, ist, in Krisen den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist zwar groß, aber der laufende Krieg ist ein guter Blitzableiter. Wer in der kritischen Lage jetzt auch noch den Zusammenhalt untergräbt, gefährdet die Demokratie! Das ist praktisch, wenn die Entscheidungen der Würdenträger mal wieder zur neusten Niederlage führen. Denn jeder kompetente oder aufrichtige Mann, der sich in eine Machtposition verirrt, ist eine Gefahr für die Eliten. Ironischerweise ist es nur der äußere Feind, der solchen Personen überhaupt noch die Existenz erlaubt. Aber es wird ihnen wo möglich Steine in den Weg gelegt, um ihnen große Erfolge und die damit einhergehende Beliebtheit zu verwehren. Ohne klaren Weg aus dieser Abwärtsspirale müssen viele über sich hinauswachsen, nur um die Stellung zu halten. Und ihr Feind steht immer bereit, sich auf ihre Schwachpunkte zu stürzen.

Autokratie als Gegenbeispiel

Das Kaiserreich im All dient nicht als Sandsack, sondern als legitimer Rivale. Die alte Frage der Politik, wie Macht verteilt werden sollte, wird mit beiden Gegenpolen erörtert. Selbstbestimmung der Bürger durch Wahlen gegenüber der Bündelung aller Macht in einer einzigen Person. Die Darstellung ist erfrischend unparteiisch. Und so ist eine der ersten Kritiken, die immer fällt, dass Autokratie verherrlicht wird. Sicherlich ist Unsere Demokratie™ für den durchschnittlichen westlichen Weltbürger keine Kuh, aber ohne Frage heilig. Da würde es schon reichen, eine korrupte, verfallene Demokratie zu zeigen. Aber ihr dann einen Eroberer entgegenzustellen, der von Alexander, Cäsar und Napoleon inspiriert ist, ist zu viel des Guten. Das ist schade, da tatsächlich eine ehrliche Untersuchung stattfindet.

Es wird gezeigt, wie ein Einzelner durch Willens- und Tatkraft sich emporringt und von dort eine gerechte, aber strenge Hand walten lässt. Aber auch die Umtriebe einer strengen Autokratie werden ins Licht gezogen, nicht nur die einer Demokratie. Letztere sind in der Rechten jetzt wohl schon eher ein leidiges Thema, ob der ständigen und ausführlichen Analyse. Eine ausschweifende Bewertung von Autokratien erfolgt selten, weil sie für die momentane Situation irrelevant ist. Somit ist hier viel leerer Raum – der nicht nur aus „macht mich zum Gottkönig Schattenkaiser und ich repariere alles“ besteht. Denn tatsächlich gibt es da einige offene Fragen. Wie soll denn der Höchste bestimmt werden? Durch revolutionären Aufstand, durch Erbe, durch ein bürokratisches Komitee oder vielleicht … Wahlen? Dabei schwingt schon die implizite metaphysische Begründung für die Frage mit, weshalb denn genau dieser Eine herrschen darf. Wie handhabt man es, dass alles von dem Temperament eines Einzelnen abhängt? Der vom besten Herrscher zum schlimmsten verkommen kann.

Und genau diese Fragen treiben auch den Anime um. Mehr als einmal ist es der Wankelmut eines Einzelnen, der über das Leben von Millionen entscheidet. Auch darüber hinaus beleuchtet der Anime viele Themen, die eng mit Politik verbunden sind. Individualismus gegen das Wohl der Mehrheit, die eiserne Gewissheit von Oligarchien und auch ideologischer Fanatismus im Gegensatz zu Machiavellismus sind Thema.

Ebenbilder ihrer Umstände

Das alles mag den Kopf in Bewegung bringen, aber was ist mit der Brust? Da darf man mit ganzem Herzen mit beiden Seiten mitfiebern. Besonders die beiden Protagonisten tragen die Geschichte auf ihren Schultern. Im Kaiserreich ist für Reinhard von Lohengram die Welt simpel. Für den blonden Aristokratensohn ist Macht erstrebenswert und wertvoll. Nur wer Macht hat, kann wichtige Entscheidungen treffen und muss sich nicht dem Willen anderer beugen. Wenn überhaupt kann das Problem daher nur die Person und nicht die Macht selber sein. Sein Ehrgeiz ist dementsprechend gewaltig und selbst ferne Sterne lassen ihn von noch uneroberten und unbekannten Möglichkeiten träumen. Aus demselben Trieb reduziert er die Dinge oft auf das rein Rationale und Materielle. Traditionen oder Sitten sind für ihn tendenziell eher etwas Störendes, das ihn von seinen neusten Unternehmungen abhält. Ebenso verhält es sich mit den Menschen in seinem Umfeld. Jeder kann plötzlich vor der Frage stehen, ob er sich ihm beugt oder von seinem sturmhaften Wesen weggefegt wird.

Sich gegen diese Naturgewalt zu behaupten zu müssen, ist ein hartes Los. Aber das Genie des widersprüchlichen Yang Wen Li findet darin sein Lebenswerk. Yang missfällt Krieg und Machtkämpfe, aber schon als Student der Geschichte hat ihn beides fasziniert. Angekommen im verpflichtenden Militärdienst ist ihm unweigerlich sein Talent zum Verhängnis geworden. Er ist kompulsiv gezwungen, jeden Schachzug seines Gegners vorherzusagen und seine eigenen Gegenstrategien zu entwickeln. Aber als Mensch, der nicht gerne mit Macht in Berührung kommt und lieber seiner Faulheit frönt, ist er häufig nur ein frustrierter Teilnehmer. Statt selber entscheiden zu können, muss er das Beste aus den Entscheidungen anderer machen. Da hilft auch nicht, dass er selbst die Zustände seiner Nation kritisch sieht, denn das erzeugt viel Argwohn. Aber obwohl er immer wieder erwägt, den Kampf hinter sich zu lassen, ist er letztendlich unbeirrbar in seinem Einsatz für seine Kameraden und das Ideal der Demokratie.

Idealisten auf verlorenem Posten

An dieser Stelle muss ich ein Geständnis machen. Tatsächlich schafft es der Anime, mir die Demokratie näher ans Herz zu bringen als jeder Sermon aus irgendeiner dämlichen Fernseher-Gesprächsrunde oder der Tagesschau. Denn ich fühle eine innige Verbundenheit mit Yang und seinen Kameraden, die in einer korrupten Demokratie gefangen, den Idealen der Selbstbestimmung des Volkes hinterher eifern. Die tatsächlich für eine höhere Sache als sich selbst kämpfen. Die jede Gelegenheit, die Ideale zu verraten, schmähen.

Selbst in den schlimmsten Zeiten halten sie an ihren Werten und nehmen jeden Schicksalsschlag mit Wagemut und Humor. Die Charaktere kämpfen nun mal genauso wie wir heute gegen eine Krankheit des Geistes. Das damit symbiotisch existierende korrupte System ist nur ein Symptom und nicht die Ursache. Auch wenn es mit allen Mitteln gegen jede Kur kämpft. Oder vielleicht fühle ich auch nur mit dieser Hälfte, weil sie ständig aufgrund ihrer Naivität und Ideale bittere Pillen schlucken müssen. Ja, was wäre bloß, wenn die Rollen umgedreht wären?

Ästhetik vs Zweckmäßigkeit

Wohlig wird einem natürlich auch ums Herz, wenn Weltraum-Preußen mal wieder den Weltraum-Amerikanern einheizt. Der Kontrast der Kontrahenten ist nämlich so krass, dass er fast wie eine Karikatur anmutet. Eine Seite erzeugt utilitaristische und liminale Werke, während die andere idyllische bis prachtvolle Werke erschafft.

Allein ein Vergleich der Raumschiff-Brücken genügt: Einerseits eine rein funktionale und dekorlose Metallkonstruktion mit einem riesigen Flachbildschirm für den Blick nach außen. Auf der anderen Seite sind die Brücken mit Details und Säulen verziert, inklusive einem durchgängigen Bildschirm, der eine rundum unverzerrte Sicht auf den Weltraum erlaubt, was im Gesamtbild wie ein Thronsaal wirkt.

Brücke des Imperiums
Allianz der freien Planeten

Fazit: Ein echter Marathon

Hier muss ich eine kleine Warnung aussprechen. Es dauert, bevor sich die Monarchie so profilieren kann, da der alte Kaiser ein an Politik und Welt uninteressierter Lust-Boomer ist. Und bei einem 110 Episoden langen Anime dauert ein bisschen dann doch etwas länger. Das ist der Preis dafür, dass eine ganze Weltraumopern-Buchserie gleichen Namens adaptiert wird. Vorteil ist natürlich, dass man keine sinnlosen Füller-Folgen hat.

Trotzdem gibt es lange Phasen, in denen nichts direkt Aufregendes passiert, sondern nur der Grundstein für die nächsten großen Ereignisse gelegt wird. Diese Zeit ist aber auch bitter nötig, um den ganzen Zug Charaktere kennen und lieben zu lernen. Zwei Protagonisten sind noch nicht alles. Denn dank solider Grundlage hat man hier eine Ansammlung, die dem Titel gerecht wird. Von stolzen Frontschweinen zu unergründlichen Fadenziehern wird die Haupthandlung mit Leben gefüllt. Zusammen mit der durchweg hervorragenden Untermalung mit den Meistern der klassischen Musik und der guten Zeichenarbeit ergibt sich ein Werk, das auch abseits des interessanten ideologischen Konflikts sehenswert ist.

Leider existiert keine deutsche Synchronisation der Serie. Von der neuen Adaption „Die neue These“ kann ich jedoch nur abraten, denn die hässlichen Designs verursachen mir noch immer Albträume. Empfehlenswert ist stattdessen der Film „Die Overtüre eines neuen Krieges“ (Na, die Übersetzung geht doch schon besser!). Dieser adaptiert die ersten beiden Episoden mit mehr Aufwand. Wer sich noch unsicher ist, kann ihn anschauen und dann entscheiden, ob es ihm liegt.

Noch ein letzter Tipp, der für jeden Anime gilt: Schaut nicht die Vorschau für die nächste Folge. Sie verrät sofort alle Überraschungen und Wendungen, weil die Japaner dadurch geködert werden wollen. Ich für meinen Teil habe inzwischen schon wieder Lust gekriegt, mir den Anime zum fünften Mal anzusehen. Also bis nächstes Jahr.

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