Sei’s trüber Tag, sei’s heitrer Sonnenschein:
Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein!
Das mag ein schöner Propagandaspruch sein, doch was für ein Staat war Preußen wirklich? Warum fasziniert er uns noch heute? Man gewinnt den Eindruck, Preußen ist zu einem fernen, mythischen Land geworden, das uns oft als Projektionsfläche dient.
Wer sich diesem Staat nicht nur analytisch nähern, sondern hineinfühlen möchte, dem sei der Film „Der alte und der junge König“ ans Herz gelegt. Er hinterlässt einen bleibenden Eindruck von Faszination und Schrecken, von Licht und Schatten.
Die gute alte Zeit?
Nach dem militärischen, geistigen und moralischen Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg sehnten sich die Deutschen nach Halt. Eine Figur, die Halt bot, war der Preußenkönig Friedrich der Große; ein Symbol für Tradition, Ordnung und Tugend. In der Folge kam es zu einer großen Anzahl an Fridericus-Rex-Filme, in denen die Rolle des Alten Fritz fast durchgängig von Otto Gebühr gespielt wird. „Der alte und der junge König“ ist damit im doppelten Sinne eine Ausnahme. Er legt den Fokus auf den Vater, Friedrich Wilhelm I. und der dramatischen Beziehung zu seinem berühmten Sohn.
Regisseur Hans Steinhoff verzichtet gänzlich auf pompöse Kulissen und Schlachtszenen, wie wir sie aus anderen Historienfilmen kennen. In Anlehnung an das Theater legt er den Fokus auf die Charaktere, die er bewusst holzschnittartig und grob skizziert. Das funktioniert hervorragend, denn anstatt sich in historische Spitzfindigkeiten oder detailgetreuen Abläufen zu verrennen, arbeitet er die Essenz der Figuren heraus. Der Film gelingt auch, weil es für Oscarpreisträger Emil Jannings eine Leichtigkeit ist, die imposante, starke und lebenslustige Persönlichkeit des Königs darzustellen.
Der knallharte Soldatenkönig
Wer den Vater heute noch kennt, hat meist nur von dem Titel als Soldatenkönig und seinem Regiment besonders große Soldaten, den „Langen Kerls“, gehört. Das wird ihm nicht gerecht! Friedrich Wilhelm I. sprengt mit seinem unkonventionellen Herrschaftsstil das Raster und bricht mit dem Bild des dekadenten Adels. Er war ein Arbeitstier, das ein armes und verschuldetes Preußen übernahm und den Haushalt durch Reformen und harte Sparmaßnahmen, wie einer radikalen Zusammenkürzung des Hofstaats, sanierte. Seine Maßnahmen legten nicht nur den Grundstein, aus dem schließlich das ärmliche Preußen mit seinen kargen Böden zur Großmacht aufsteigt: Er schuf die Wurzeln für den Habitus, den wir heute mit Preußen verbinden!
Der Monarch verkörpert viele Tugenden wie Sparsamkeit, Disziplin und Gottesfurcht. Er ist praktisch veranlagt, mit wenig Verständnis für Literatur und höfische Sitten. Jede Szene zeigt einen der teils widersprüchlichen Charakterzüge des Königs. So sehen wir zum einen, wie er dem Pfarrer belehrend eine Sanduhr schenkt, damit seine Predigten in Zukunft auch pünktlich aufhören und zum anderen, wie er sich mit seinen Ministern in die Tabagie begibt um ausgelassen zu feiern und sich gemeinsam besaufen. Das führt zu einigen amüsanten und lustigen Szenen, die nach und nach der schicksalhaften Vater-Sohn-Beziehung weichen.
Denn er ist beileibe kein Heiliger. Er ist fettleibig, jähzornig und erbarmungslos. Ständig wird er von Ängsten geplagt, sein Sohn Friedrich sei zu schwach und weibisch, sein Werk fortzusetzen. Daher versucht er immer wieder, ihn militärisch zu drillen und seinem Willen zu unterwerfen. Niemand wird es überraschen, dass er damit das genaue Gegenteil erreicht. Der weichliche Prinz liest lieber französische Romane, spielt Querflöte und wettet heimlich große Einsätze im Glücksspiel. Trotzig stellt er sich gegen seinen Vater, der ihn dafür nicht nur mit Hausarrest bestraft, sondern auch körperlich züchtigt. Schließlich versucht er mithilfe seines Freundes, dem Leutnant von Katte, der brutalen Herrschaft seines Vaters zu entfliehen.
Absolutismus oder Terror?
Der absolutistische Herrschaftsstil des Monarchen weckt Faszination und Schrecken. Der König sieht sich als den ersten Diener des Staates und trägt die ganze Last der Regierung auf seinen Schultern. Das ist beeindruckend und es zeigt einen Wesenszug, der sich bei unseren heutigen Politikern gänzlich vermissen lässt. Andererseits sind die Untertanen den Launen des Königs hilflos ausgeliefert. In der letzten Szene sehen wir den zuvor kraftstrotzenden und willensstarken Monarchen hilfsbedürftig und krank auf dem Sterbebett liegen. Auch das ist ein Teil des Lebens, denn auch eine absolutistische Herrschaft hat ihr Ende.
Die historische Begebenheit könnte heute nicht mehr gedreht werden, ohne dass aus dem antiliberalen Vater ein sadistisches Monster wird. Steinhoff gelingt es, trotz der offensichtlichen Sympathien für den König, die Balance zu halten und beiden Seiten Raum zu geben. Obwohl sie vereinfacht sind, bleiben die Figuren vielschichtig. Der Film hält sich auch nicht dabei zurück, die negativen Folgen der radikal autoritären Erziehung zu zeigen. In der Hoffnung, einen fähigen Thronfolger für Preußen aufzubauen, zerstört der Monarch die Beziehung zu seinem Sohn.
Doch auch die drakonischen Strafen haben Fritz nicht gänzlich geändert. Entgegen der Erziehung seines Vaters ist Friedrich der Große ein Spieler geblieben. Blicken wir in die Geschichte, führte er ohne Legitimation Kriege und spielte dabei hochriskant um die Zukunft Preußens. Ein Charakterzug, der zurecht von Alexander Gauland kritisiert wird.
Fazit
Für uns ist Friedrich Wilhelm I mit seinen Stärken und Schwächen eine fesselnde Persönlichkeit. Er bringt in rechter Manier Opfer für den Staat und vor Gott, nicht für die Revolution oder einen abstrakten Humanitarismus. Sein Sohn wäre niemals „der Große“ geworden, ohne die harte Erziehung gegen die Verlockungen der Laster. Bei Friedrich Wilhelm können wir viele Eigenheiten entdecken, die den Geist Preußens ausmachen und die Menschen noch nach Jahrhunderten an Preußen faszinieren und begeistern. Denn auch heute noch sind die preußischen Tugenden so aktuell wie vor 300 Jahren.
Wer sich tiefer mit diesem außergewöhnlichen Herrscher beschäftigen möchte, dem sei der Roman „Der Vater“ von Jochen Klepper empfohlen (der ihn übrigens zur selben Zeit schrieb, als Steinhoff den Film drehte.) Götz Kubitschek sprach davon.








