Hallo Gerhard,
Du warst ein angesehener Comiczeichner und über Jahrzehnte tief in der deutschen Comicszene verwurzelt. Doch dann kam alles anders. 2019 hast du alle kommerziellen Aufträge verloren, und das wegen eines Comics für Björn Höcke und die AfD Thüringen. Was ist damals passiert?
Gerhard: Ich war schon immer politisch interessiert. Mit 16 bin ich in die Junge Union eingetreten, dann in die Schülerunion, den Bund Naturschutz und schließlich auch in die CSU. Damals habe ich schon Comicflugblätter gezeichnet. Franz Josef Strauß lebte da noch. Nach der Wiedervereinigung habe ich das Interesse an Politik etwas verloren. Erst in der „Euro-Rettungszeit“ merkte ich, dass etwas schiefläuft. 2013 bin ich dann gleich in die AfD eingetreten und habe die Plakate und Flyer für den Wahlkampf in München gemacht. Da habe ich sehr interessante Leute kennengelernt. Das hat Spaß gemacht. Dann kam das große Jammertal mit Luckes Austritt und Merkels Grenzöffnung und Atomausstieg. Auf jeden Fall habe ich viel für die AfD gezeichnet. Dann kam die Anfrage aus Thüringen, ob ich einen dreiseitigen Comic machen würde.
Ich bekam einen Text, in dem es darum ging, dass viele Leute Angst haben, ihre Meinung zu sagen, weil sie Repressionen befürchten. Es war ein Wahlkampfcomic mit Björn Höcke. Höckes allerersten TV-Auftritt sah ich in der Talkshow von Günther Jauch. Er hatte ein Deutschlandfähnchen dabei, was ich im ersten Moment recht peinlich fand. Aber als dann alle anderen in der Runde total empört darüber waren, dachte ich mir: Wie krass! Was haben die für ein Problem? In was für einem Land leben wir hier, dass ein Deutschlandfähnchen derart schockiert?

Ich habe das Comicflugblatt gezeichnet. Eine Weile später landete die Sache auf Facebook, und die extrem Linken in der Comicszene begannen, den Urheber zu suchen. Dabei verdächtigten sie erstmal gleich die Falschen. Ich wollte nicht, dass andere wegen meiner Arbeit in deren Fokus geraten, also habe ich gesagt: „Ja, das war ich.“ Das Thema des Comics – fehlende Meinungs- und Kunstfreiheit – hatte mich eingeholt.
Das gab eine Menge Anfeindungen, und einige Kollegen haben mir die Freundschaft gekündigt! Irgendwer aus der Szene hat die Geschichte dann der Süddeutschen Zeitung gesteckt. Die rief bei mir an und machte ein Interview mit mir. Es erschienen zwei Artikel über mich, nachdem sie die Kundenliste meiner Werbeagentur komplett durchtelefoniert hatten. Das Ergebnis der SZ-Aktion war, dass mir so gut wie alle Kunden wegbrachen. Für mich als Freiberufler ein schwerer Schlag. Dann habe ich mein Portfolio an einige AfD-Landtagsfraktionen geschickt. Nach einer Weile hatte ich wieder genug Aufträge, um mich über Wasser zu halten. So läuft das bis heute.
Gehen wir noch mal einen Schritt zurück: Du bist schon sehr lange dabei. Was waren deine Anfänge? Wie bist du Illustrator und Comiczeichner geworden?
Gerhard: Ich war im Kindergarten und in der Schule der beste Zeichner und habe mich dann auch sehr für Comics und Science-Fiction interessiert. 1978 kam „Krieg der Sterne“ ins Kino, allerdings durfte ich den nicht sehen, weil ich noch nicht 12 war. 1979 kam der Zeichentrickfilm „Der Herr der Ringe“ von Ralph Bakshi ins Kino. Daraufhin fing ich an, einen Comic über den Teil zu zeichnen, der im Film ausgelassen wurde: die Abenteuer der Hobbits mit Tom Bombadil. Sehr weit kam ich damit aber nicht.
1980 habe ich dann meinen ersten Star-Wars-Film im Kino gesehen: „Das Imperium schlägt zurück“. Der Film endete mit einem Cliffhanger. Zusammen mit einem Freund, der auch gut zeichnen konnte, zeichnete ich dann gleich eine Fortsetzung, die sich allerdings deutlich vom George-Lucas-Film von 1983 unterschied. Unsere Geschichte spielte auf dem Planeten der Affen. Und so habe ich immer weitergemacht: Comics für mich und Freunde, für die Schülerzeitung usw. Comics haben mich einfach fasziniert.

Welche Werke haben dich inspiriert und auf dem Weg als Künstler begleitet?
Gerhard: Meine ersten Comics las ich beim Friseur. Damals machte man keine Termine aus, und das Schneiden ging recht flott. Vor mir waren etwa 20 andere Leute dran. Um den Kindern die Wartezeit zu verkürzen, hatte der Salon einen Stapel Buffalo-Bill-Comics, gezeichnet von der deutschen Zeichnerlegende Hansrudi Wäscher. Das fand ich toll. Später las ich Marvel-Comics von Jack Kirby (Hulk, Fantastic Four etc.). Das hat mich damals total geflasht und tut es auch heute noch. Andere Künstler kamen und gingen. Geblieben sind meist die US-Klassiker, eben Kirby, Steve Ditko, Bernard Krigstein, Wally Wood, Frazetta, Richard Corben, Moebius, Robert Crumb, Barry Windsor-Smith, Mike Kaluta, Hal Foster, Alan Moore, Frank Miller, Philippe Druillet und Harvey Kurtzman.
Heute gibt es nicht mehr so viele tolle Zeichner wie früher. Vielleicht ist daran auch das digitale Zeichnen am Computer mit schuld. Aber hier und da haut mich doch noch etwas Neues um. So zum Beispiel Bastien Vivès aus Frankreich und eine ganze Reihe von Mangas, die oft deutlich bessere Geschichten haben als die USComics. Nach wie vor bin ich ein riesiger „Dragonball“-Fan und lese jeden „Berserk“-Band. „Death Note“ hat mir Herzklopfen beschert. Da gibt’s schon Hammersachen.
Dann stellt sich die Frage: Wo steht da Deutschland? Bei uns gibt es die alten Klassiker von Wilhelm Busch, dazu Lurchi, unser Salamander, Mecki, Nick Knatterton, Jimmy das Gummipferd und andere. Alles großartig, aber eher für Kinder. Ab Mitte der 50er kamen die ersten deutschen Abenteuercomics: Sigurd, Nick und Tibor von Hansrudi Wäscher und Helmut Nickels Robinson mit seinem Winnetou. Die sind nach wie vor klasse, und wenn man im Werk der beiden genau hinschaut, findet man einen Hauch der deutschen Seele wieder, auch wenn sie zum Teil auch amerikanische und italienische Vorbilder hatten.
Es gibt auch gute moderne Zeichner, aber die sind meist eher linksliberal. Kurz vor meinem Kommunikationsdesignstudium in Augsburg habe ich mich mehr für moderne Kunst interessiert. Damals war mir noch nicht klar, welche einseitige politische Agenda ganz bewusst an den Unis transportiert wird. Aber ich fand das Bauhaus toll und natürlich Andy Warhol. Selbst mit Joseph Beuys, der Badewannen mit Fett beschmierte, habe ich mich befasst. Heute wird der linke Beuys ja sogar von den Linken kritisch gesehen, weil er Stukaflieger war und wohl Kontakte zu Veteranenvereinen pflegte.
Ich habe auch ein Jahr in England studiert. Da dachte ich: Ich zeige denen mal im Fach Illustration, was ich kann. Ich musste aber feststellen, dass ich so ziemlich der Einzige war, der etwas zeichnete. Alle anderen bastelten Objekte aus Schrott und fotografierten das dann. Illustration und Comics wurden in der Zeit immer abstrakter. Da gab es aber auch eine Menge tolle Sachen, die grafisch sehr gewagt waren, trotzdem eine Sackgasse.
Für einen Künstler ist es die große Herausforderung, eine eigene Ausdrucksform zu finden, die zu einem passt. Wie würdest du deinen Stil bezeichnen und wie bist du dorthin gekommen?
Gerhard: Ich arbeite in verschiedenen Stilen: Cartoon, halbrealistisch und realistisch. Ich neige zu Funny-Figuren, auch wenn ich am liebsten eher realistische Comics lese. Ein Stil entwickelt sich ja langsam. Ich habe erst mal den Stil meiner oben genannten Vorbilder kopiert. Daraus entstand dann mein eigener. Das machen die meisten so, auch wenn es Ausnahmen gibt. Der Zeichner Hal Foster (Prinz Eisenherz) kopierte den Illustrator J. Allen St. John, Jack Kirby dann Hal Foster.
Die Zeichner der 70er kopierten Kirby, und auch Jim Lee oder Todd McFarlane kopierten in den 80ern und 90ern ihre Vorgänger. So ging das immer weiter. Das lief auch ziemlich gut. Aber irgendwann gab es, denke ich, einen Kipppunkt. Man merkte, dass alles nur noch im eigenen Saft kocht und keine neuen Einflüsse mehr hereinkommen. Heute begeistern mich eher klassische Zeichner und Buchillustratoren wie Arthur Rackham und Gustave Doré, aber auch klassische Maler wie Caspar David Friedrich oder da Vinci.

Du hast viele Comics gezeichnet und etliche Auszeichnungen gewonnen. Du hast auch einen eigenen Verlag gegründet. Kannst du uns einen kurzen Überblick über dein Werk geben?
Gerhard: Ja, den Verlag habe ich zusammen mit meiner ehemaligen Freundin betrieben. Viele Comics und Zeichnungen waren damals auch Teil meiner Suche nach dem eigenen Stil. Ich glaube, 1996 erschien der erste Comic „Nesmo das Neuschwansteinmonster“. Danach kam ein älterer Comic aus meinem Studium heraus: „Kaktus“, mit dem ich für den Max-und-Moritz-Preis nominiert wurde (auch wenn er aus heutiger Sicht noch recht schwach war). Dazu kamen das Album „Der Golem“ und viele Kurzgeschichten in unseren Tentakel- und Laska-Büchern und -Heften. Dafür gab es auch ein paar ICOM-Preise.
Ich war auch eine Zeit lang Leiter des Comicfest München e.V. Das hat mir viel Spaß gemacht und war interessant mit dem Kulturreferat zusammen zu arbeiten und Ausstellungen zu kuratieren. Später hatte ich dafür keine Zeit mehr, weil ich einen Sohn bekam und mehr Geld verdienen wollte. Dafür habe ich dann noch den PENG!-Preis vom Festival als Abschied bekommen.
In Kürze erscheint die Fortsetztung des Interviews. Dort spricht Gerhard über seine Arbeiten für Hydra Comics und Dresden im Feuersturm. Seid gespannt!








